Achilles' Classics Kampf gegen das organisierte Erbrechen

Weil Achim Achilles zu Hause im Weg ist, schickt Ehefrau Mona ihn ins Trainingslager nach Fuerteventura. Aber Dauerbüfett, Rheinländer und eine piefige 2-Kilometer-Strecke machen das harte Trainingsprogramm kaputt.

Sportgetränk Rotwein: "Das gibt rote Blutkörperchen"
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Sportgetränk Rotwein: "Das gibt rote Blutkörperchen"


Achilles-Klassiker
    In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

    Dieser Text erschien bei SPIEGEL ONLINE ursprünglich im Jahr 2006.

Mütter und ihre Neugeborenen sind eine Einheit. Das hat die Natur so vorgesehen. Väter stören da nur. Sobald sie das gemeinsame Konto gefüllt und die Wärmelampe über dem Wickeltisch angeschraubt haben, sind sie vor allem eins: im Weg. Zumal sich Karl, unser Ältester, in der Rolle des Chef-Organisators gefiel.

Mona hatte ihre Schwester Ingrid mit ihren vier Kindern zu uns eingeladen. Ich habe Angst vor Ingrid, erst recht, seitdem sie bewaffnet ist: Sie hat sich Walking-Stöcke bei Tchibo gekauft. Ich hatte das Gefühl, dreimal am Tag trainieren gehen zu müssen. Zu viele Frauen und Kinder dort, wo mal mein Zuhause war - das mobilisierte Fluchtinstinkte.

"Ich habe eine Überraschung für Dich", flötete Mona eines Morgens. Achtung, Achilles, da lauert ein Trick, dachte ich sofort. "Am Wochenende fliegst Du eine Woche nach Fuerteventura", erklärte meine Frau, "mit Klaus Heinrich, ins Trainingslager - alles organisiert, alles bezahlt." Wie bitte? Wo war der Haken? Aber es gab keinen. Ich sollte einfach nur weg - Abschiebung de luxe.

Umgehend malte ich einen Trainingsplan: 1. Tag, 6 Uhr Aufstehen, 2000 Meter Schwimmen mit 10 mal 100 Meter Intervallen, Frühstück, 80 Kilometer locker Radfahren, Mittag, Ruhe, dann 15 Kilometer Laufen in profiliertem Gelände. 2. Tag, 6 Uhr aufstehen, 12 Kilometer Tempolauf, Frühstück, 100 Kilometer Rad, Mittag, Ruhe, 2000 Meter Schwimmen locker, vor dem Abendessen kurzer Regenerationslauf in der Abendsonne. Ich streute 20 Trainingseinheiten über sechseinhalb Tage. Bei den Dorf-Triathlons und dem Berlin-Marathon werde ich glänzen wie zu meinen besten Zeiten, wenn ich die je gehabt hätte.

Klaus Heinrich wieherte, als ich ihm am Flughafen seinen Plan überreichte. Als der Getränkewagen das erste Mal durchs Flugzeug hoppelte, bestellte der Mann, den ich für meinen Trainingspartner gehalten hatte, ungefragt einen Rotwein für mich, morgens um halb zehn. "Das gibt rote Blutkörperchen", sagte Klaus Heinrich gut gelaunt. Wir prosteten uns zu.

"Nur noch einen Drink"

Bei der Landung hatte ich Unmengen von roten Blutkörperchen gesammelt. Die Sonne killte mich. Die Fahrt im Bus wurde zum Kampf gegen das organisierte Erbrechen. Im Hotel haben wir uns erstmal hingelegt. Zum Laufen war es eh zu warm. Und als wir aufwachten, war es zu spät. Zeit fürs Abendbrot. Danach war es zu dunkel. "Nur noch einen Drink", sagte Klaus Heinrich und zog mich an die Bar.

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Mona hatte "all inclusive" gebucht. Wer soviel Sport treibt, müsse auch ordentlich essen, hatte sie gedacht. All inclusive ist bestimmt von den Weight Watchern erfunden worden. Damit sie immer neue Kundschaft kriegen. Es gibt praktisch keine Sekunde und keinen Fleck, an dem es nicht irgendwo etwas zu essen oder zu trinken gibt. Die drohende Unterzuckerung zwischen den üppigen Buffets wird mit Sandwiches und Kuchen verhindert.

All-inclusive-Kunden sind Fresssüchtige, Alkoholiker oder beides, also vornehmlich Rheinländer. Sie kommen in drei Farbtönen: weiß (am ersten Tag), rosa-lila (vom zweiten bis vierten), schinkenwurst (danach) und sind ununterbrochen beschäftigt, über das Hotel, das sie "Anlage" nennen, und das Essen zu schimpfen oder irgendwem eine Klage anzudrohen. Wie konnte es der Standort Deutschland mit diesem Personal soweit bringen?

Mahlzeiten verpassen, das war das größte Drama

Am nächsten Morgen wollten wir schwimmen. Doch der Wecker klingelte nicht, was daran lag, dass ihn keiner gestellt hatte. Ich schreckte hoch, weil Klaus Heinrich mir ins Ohr brüllte: "Nur noch zehn Minuten Frühstück." Mahlzeiten verpassen, das war das größte Drama. Wir sprinteten am Pool entlang, wo Kaulquappen auf zwei Beinen damit befasst waren, Sonnenliegen zu blockieren. Hier würden alsbald Teratonnen von Gammelfleisch entrollt.

Weil die beiden Hotel-Räder ausgeliehen waren, begaben wir uns nach dem Frühstück auf die Laufstrecke, die von olympischer Güte sein sollte, wie Mona versichert hatte. Tatsächlich: Zwischen Club Aldiana und Club Robinson mit ihrem unerträglich hohen Werber-Aufkommen verlief eine rot angemalte Strecke, zweieinhalb Kilometer mit leichten Steigungen. Links das Meer, rechts Daddelhallen mit Rheinländern.

Leider hatte sich die Strecke offenbar bei Spitzenläufern herumgesprochen. Während wir einliefen, überholten uns die ersten drei Finisher-T-Shirts. Gegrüßt wurde nicht. Kampfzone. Ich zog den Bauch ein und freute mich über jeden Walker, den ich begrinsen konnte. Ich zweifelte, ob wir unseren Trainingsplan würden einhalten können.


Dieser Text ist ein Auszug aus:
Achim Achilles: "Achilles' Verse - Lerne Laufen ohne Leiden"



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