Zehn Läufertabus Schnäuzen, pinkeln, dopen

Ambitionierte Läufer sind Vorbilder. Sie bewegen sich, lieben die Natur und respektieren ihren Körper. Und verschweigen gerne peinliche, unangenehme und eklige Begleiterscheinungen. Zehn Beispiele.

Harndrang beim New York Marathon 1984
Corbis

Harndrang beim New York Marathon 1984


1. Training ausfallen lassen

Normal für Nichtsportler. Großes Tabu für ambitionierte Sportler. Der Läufer ist ja von Natur aus ein ganz harter Hund. Niemals würde er das Training wegen schlechten Wetters, einer juckenden Nase oder der ungewaschenen Lieblingslaufhose sausen lassen. Niemals. Ähem.

Dabei braucht der Körper Erholungsphasen, um zu regenerieren. Aktive Pausen machen sogar schneller. Übereifrige Trainingsakribie ist überholt.

2. Panik haben

Läufer sind Hypochonder - vor allem vor Wettkämpfen, bei denen sie was "reißen wollen". Spätestens zwei Wochen vor dem großen Tag kratzt der Hals, juckt die Nase oder zwickt die Wade.

Routinierte Sportler wissen: Die Pre-Wettkampfpanik ist normal. Annehmen, runterfahren, mentale Vorbereitung starten. Sauna, Erkältungsbad, Massage.

Die Trainingspause direkt vor einem Marathon hat sogar einen Namen bekommen: Tapering.

3. Trainingsplan über Freunde stellen

Marathontraining macht einsam. Der rigide Trainingsplan-Tunnelblick nimmt keine Rücksicht auf Freunde, Familie und Feiern.

"Ich kann nicht. Ich hab Training."

"Sorry, muss ins Fitnessstudio, Stabis machen."

"Ich kann erst nach dem Marathon wieder."

Schade nur, wenn der Läufer im Ziel bemerkt, dass keiner mit ihm feiert. Auch hinterher können nur wenige nachvollziehen, was der Läufer auf sich genommen hat. Nächstes Ziel: soziale Kontakte wiederherstellen.

4. Spucken und schnäuzen

Selbst die gazellenhafteste Läuferin in topstylischer Sportmontur wird beim Laufen mal zum spuckenden Lama. Der Kopf kann die widerlichsten Körperflüssigkeiten ansammeln - und die müssen dann eben raus.

Die Königsdisziplin der Sekretentsorgung ist die Schäuzrakete. Finger an den einen Nasenflügel, Kopf zur Seite und mit Druck das Fluggeschoss auf den Weg pusten. Fußballer-Style. Danach beten, dass man nicht sich selbst oder andere getroffen hat.

5. Die Brustwarzen abkleben

Was ist das für eine Sportart, bei der man Gefahr läuft, sich die Brustwarzen blutig zu scheuern? Er heißt: Marathon. Wer da mit einem kratzigen Baumwollshirt rumrennt, ist selber schuld.

Auf Nummer sicher gehen Läufer mit Brustpflastern - passend zurechtgeschnitten oder mit bunten Comicfiguren verziert. Das Abziehen mag zwar unangenehm sein, ist aber nicht annähernd so schmerzhaft und unattraktiv wie blutig gescheuerte Nippel, die das Shirt mit roten Flecken schmücken. Salben sollen auch helfen.

6. In der Öffentlichkeit urinieren

Das Wichtigste am Stadtmarathons sind: Dixi-Klos. Leider sind die Schlangen davor immer zu lang. Was also tun? Irgendwohin.

Es ist erstaunlich, wie niedrig die Hemmschwelle sinkt, an den nächsten Baum (Mann) oder hinter den nächsten Busch (Frau) zu strullern, wenn ein Wettkampf ansteht. So kommt es, dass es entlang beliebter Laufstrecken auch gerne mal riecht wie im öffentlichen Pissoir auf der Reeperbahn. Auch weil manche - sagen wir es, wie es ist: in die Laufhose pinkeln.

7. Das große Geschäft machen

Es gibt kaum einen größeren Läuferhorror als das unangekündigte große Geschäft. Ja, genau das. Vor allem, wenn die nächste Bedürfnisanstalt einige Kilometer entfernt ist. Das klassische Dilemma: Läuft man, drückt es immer schneller nach unten. Geht man, braucht man viel zu lange. Und das schlimmste von allem: Durchfall. "Läuft bei dir" bekommt dann eine ganze andere Bedeutungsebene.

Man darf sich das Ganze trotzdem nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Wir sind nun mal menschliche Läufer und keine Sprintroboter. Passiert. Shit happens.

8. Anderen den Erfolg neiden

"Der hat viel mehr Zeit zum Trainieren."

"Die ist ja viel jünger!"

"Mit mehr Geld würde ich mir auch einen Personaltrainer buchen."

Die unfeinste Form der Bewunderung ist Neid. Schnell sind die passenden Ausreden gefunden, warum die Form der anderen nicht so gut ist wie die eigene. Einfach lassen. Nicht auf andere schauen. Alle sind toll. Merke: Beim Laufen läufst du gegen dich, nicht gegen andere. Und statt der Gründe, aus denen etwas nicht geht, sollte man lieber Wege finden, wie es doch geht.

9. Mit Nahrungsergänzungsmitteln experimentieren

Nahrungsergänzungsmittel. Keiner glaubt dran, alle probieren's. Wirkt natürlich nicht, alles überteuert. Geldmacherei. Was'n Quatsch - gib mal her. Gels, Riegel, Pulver, Pillen, Säfte. Gummibärchen. Vegan, probiotisch, Eiweiß-Cardio-Pipapo. Hinterher ist man meist so schlau wie vorher. Hat's geholfen? Wer weiß das schon.

Das wirksamste Mittel heißt vermutlich: Placebo.

10. Schmerzmittel nehmen

Dopen ist Betrug. So lautet das eindeutige Urteil bei Profisportlern. Zu Recht. Doch welcher ambitionierte Freizeitsportler hat nicht schon mal unvernünftig Schmerzen ignoriert und ein Mittelchen eingeworfen?

Tatsächlich schlucken erstaunlich viele Ausdauersportler Medikamente, um beim Wettkampf bessere Leistung zu erbringen. Bei einer Umfrage beim Bonn-Marathon 2011 gaben rund die Hälfte der 4000 Befragten an, vorher Schmerzmittel genommen zu haben. Kontrolliert ja niemand. Das aber ist nicht peinlich, doof oder eklig. Das ist schlicht gefährlich.

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Achilles' Verse: Die Welt, eine Laufstrecke

Von Ellen-Jane Austin und Frank Joung.



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globalundnichtanders 08.03.2016
1. Scheint als...
...seien Läufer doch eher eklig daherkommende Gesellen. Oder wurde hier ein einseitiges Bild gezeichnet?
fatherted98 08.03.2016
2. mei...
...ist alles menschlich...und betrifft eh nur die Super-Leistungsportler...die nach Stopuhr laufen und vor allen anderen da sein möchten. Der Rest nimmt sich die Zeit, sucht eine Toilette auf, hat Taschentücher dabei und benimmt sich auch ansonsten recht zivilisiert...aber es stimmt schon...die Jungs/Mädels die an der Spitze laufen haben extrem spitze Ellenbogen...und die "kacken" auch mitten auf die Straße wenn es um ein paar Sekunden Vorteil geht.
7eggert 08.03.2016
3.
Zitat von globalundnichtanders...seien Läufer doch eher eklig daherkommende Gesellen. Oder wurde hier ein einseitiges Bild gezeichnet?
Jupp, Wanderer brauchen niemals unerwartet ein Klo ... Das nennt sich menschliches Bedürfnis, weil man eben bei Menschen mit diesen Bedürfnissen rechnen muß. Wollen tut's keiner. Aber dagegen kann man was tun: Arbeiten nur noch im Bürostall, in der Freizeit daheimbleiben, allenfalls Donnerstags zum Kegelclub oder zum alleinelachen notfalls in den Keller. Dann ist immer ein Klo in Reichweite.
wortmacht 08.03.2016
4.
Schmerzmittel bei Läufern gelten wohl selten einem Schmerz. Es ist die blutverdünnende Wirkung von ASS und Co die benutzt wird. Daher sind diese Mittel ja auch vor einer OP tabu.
noalk 08.03.2016
5. eine Frage der Gewohnheit
Mich hat schon immer gewundert, dass manch Läufer/in unterwegs vom Bedürfnis überfallen wurde. Gut - flüssig kann's immer mal kommen, wenn man unterwegs zu viel trinkt. Aber wer beim Sport Feststoff abladen muss, sollte seinem Körper mal beibringen, dies zu einer anderen Tageszeit zu verlangen. Doch! Das geht tatsächlich.
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