Erfolgreiche Marathonis "Die Kenianer sind Weltmeister im Ausruhen"

Kenianische Marathonläufer dominieren weltweit die Wettbewerbe. Woran liegt das? Der Deutsche Jan Fitschen trainiert oft in Kenia. Im Interview spricht er über natürliches Doping, starke Fußmuskeln und radikale Regeneration.

Kenianer Hillary Kipsang Yego (r.) und Paul Kipsiele Koech (Archivbild): Train hard, win easy
DPA

Kenianer Hillary Kipsang Yego (r.) und Paul Kipsiele Koech (Archivbild): Train hard, win easy


Zur Person
  • Christian Güssow
    Jan Fitschen, Jahrgang 1977, sorgte bei der Leichtathletik-EM 2006 für eine Sensation, als er Gold auf der 10.000-Meter-Distanz holte. Der Diplom-Physiker hat sich auf Straßenrennen spezialisiert, vor allem auf den Marathon. Fitschen gibt Seminare und hält Vorträge. Derzeit schreibt er an einem Buch, in dem es um Laufen in Kenia geht.
  • Homepage Fitschen
  • Jan Fitschen gewinnt 10.000m EM 2006
SPIEGEL ONLINE: Herr Fitschen, dieses Wochenende findet der Berlin-Marathon statt. Wie hoch stehen die Chancen, dass dieses Mal kein Ostafrikaner gewinnt?

Fitschen: Unter einem Prozent (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Manche behaupten, die Kenianer sind zum Laufen geboren.

Fitschen: Ja, natürlich haben sie eine tolle Muskelstruktur und den idealen Knochenbau fürs Laufen, aber das Entscheidende für den Erfolg ist die außergewöhnliche Motivation. In Kenia trainieren jeden Tag viele Tausende, hochtalentierte Leute, um sich durchs Laufen einen anderen Lebensstandard zu erarbeiten. Hier läuft es nach dem Prinzip: Survival of the fittest.

SPIEGEL ONLINE: In Kenia können sich viele keine Schuhe leisten. Im Westen ist Barfußlaufen im Trend. Ist das ein Grund, warum die Kenianer so schnell sind - starke Fußmuskeln?

Fitschen: Ja, das stimmt. Ein Großteil der Erwachsenen trägt zwar Schuhe, aber die meisten sind in einem desolaten Zustand. Kinder rennen barfuß über die Stoppelfelder. Auf dem Land gibt es oft keine Schulbusse, deshalb müssen die Kids zur Schule laufen. Mittags zum Essen zurück und wieder hin. So läuft man als 7- bis 8-Jähriger täglich zwölf Kilometer - barfuß. Sie trainieren, ohne zu trainieren. Und wenn sie dann später richtig ins Training gehen, haben sie eine tolle Belastungsfähigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Das Motto der Kenianer ist: Train hard, win easy - hart trainieren, leicht gewinnen. Sind wir im Westen zu bequem?

Fitschen: Ich glaube, dass die Läufer, die versuchen in der Weltspitze mitzulaufen, schon sehr ehrgeizig sind. Es machen nur zu wenige. Für einen 14-jährigen Deutschen ist es leichter, Playstation zu spielen. Laufen ist ein Sport, für den du dich quälen musst. Ich trainiere zweimal am Tag, die Kenianer teilweise dreimal. In unserer westlichen Gesellschaft nehmen das nicht viele auf sich.

SPIEGEL ONLINE: Im Laufsport gibt es nicht das große Geld zu verdienen.

Fitschen: Kenianer werden Läufer, um Geld zu verdienen. Bei uns ist es genau andersherum: Wenn du Geld verdienen willst, mach keinen Leistungssport - zumindest kein Laufen. Kann ich nur jedem raten (lacht). Von einer deutschen Meisterschaft im Laufen kannst du dir nichts kaufen.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet sich der Stellenwert eines Läufers in Kenia im Vergleich zu Deutschland?

Fitschen: Das ist ein gigantischer Unterschied. Selbst die Leute, die mit Laufen noch kein Geld verdienen, stellen sich hin und sagen: Ich bin Sportler. Die erfahren dort eine Anerkennung wie bei uns Chefärzte.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt übertreiben Sie aber.

Fitschen: Nein, gar nicht. Es sind ja nicht alle Kenianer gleich Top-Läufer. Von der Küste kommen nicht viele Läufer. Die Besten gehören bestimmten Stämmen aus den Hochlandregionen an, wie etwa dem Kalenji-Stamm. Der ist berühmt für seine Läufer.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren schon oft in Kenia im Trainingslager. Macht die Höhenluft wirklich so viel aus?

Fitschen: Definitiv. Höhentraining ist natürliches Doping. Man baut in der Höhe mehr rote Blutkörperchen auf, dadurch wird mehr Sauerstoff in die Muskeln transportiert. Und wenn man runterkommt, hat man einen Turbo. Bessere Ausdauerleistung, mehr Power - aber zeitlich begrenzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet sich das Training in Kenia von dem in Europa?

Fitschen: Es ist nicht mehr so, dass alle wild durcheinander rennen. Die Kenianer haben zum Teil sehr gute Trainer und trainieren in sehr großen Gruppen. Das ist ein Grund, warum sie so schnell besser werden. Man quält sich härter, wenn Leute einen mitziehen. Das Geheimnis ist aber ein anderes.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar?

Fitschen: Hart trainieren ist das eine, das andere ist: Rest harder. Regeneration. Die Kenianer sind Weltmeister im Ausruhen. Die schuften morgens, dann wird gegessen - und danach pennen sie den ganzen Tag. Das macht bei uns keiner.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon mal etwas von Doping mitbekommen in Kenia?

Fitschen: Nein, nie. Wir sind in den Camps von Spitzenathleten ein- und ausgegangen. Das war alles sehr transparent. Aber generell darf man sich nichts vormachen. Laufen ist ein Geschäft. Und wo Geld steckt, ist auch die Versuchung groß. Aber ich persönlich habe nichts dergleichen erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Kenianer Europäer überhaupt ernst?

Fitschen: Ja, wenn du da als Läufer hinkommst, bist du Läufer. Egal ob schwarz oder weiß. Man kann jederzeit mittrainieren. Nur wenn du jemanden überholst, guckt er dich doof an und gibt Gas. Aber das ist bei mir genauso. In Kenia kommst du als Läufer nach Hause.

Spendenaktion: Achim Achilles, Jan Fitschen und Shoe4Africa sammeln Laufschuhe für Laufevents in Kenia.

Das Interview führte Frank Joung von achim-achilles.de

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
ZhuBaJie1 26.09.2014
1. Laufschuhe machen langsam - Spendenaufruf für Laufschuhe in Kenia?
Oben steht, wie wichtig der Barfußlauf für die Leistungsfähigkeit ist, unten wird zur Spende von Laufschuhen für Kenianer aufgerufen. Au ja, am besten mit maximaler Sprengung, Pronationsstüze und Megadämpfung. Und dann schicken wir doch direkt noch einen Satz unserer typischen Trainingspläne "Spitzenzeiten gesund, mit Freude und ohne Qual". Und einer Aufforderung zu Alternativtraining, Meditation, Joga und Klangschalentherapie. Vielleicht werden so dann aus den Kenianern ja auch mal Ottonormal-3-h-Läufer. ;)
cindy2009 26.09.2014
2. Spendenaktion
klingt gut. leider mag mein Gerät die Website nicht so. was sollte man spenden und was nicht?
ojessen_kiel 26.09.2014
3.
@Zhu: Unter dem Motto: Wenn die anderen so gut wären wie wir... dann hätten wir auch mal eine Chance.
paddyman 28.09.2014
4. Survival of the fittest
"Survival of the fittest" wird doch immer wieder falsch interpretiert. Es meint doch die Anpassungsfähigkeit an die Verhältnisse und nicht das Überleben des Stärkeren. Sonst müsste es Survival of the strongest heißen. Trotzdem ein guter Artikel.
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