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17. Januar 2013, 12:43 Uhr

Achilles' Ferse

Man darf den Schweinehund nicht zu ernst nehmen

Gute Vorsätze halten rund zwei Wochen, dann bestimmt die Fernbedienung wieder unseren Alltag. Und die Laufschuhe liegen in der Ecke. Dabei ist Joggen die einfachste Sache der Welt. Man muss es einfach tun. Wunderläufer Achim Achilles sagt: "Zieh was durch - ein einziges Mal!". Geh laufen.

Nichts als Baustellen. Keller aufräumen, Schreibtisch, Beziehung. Mal wieder was mit den Kindern unternehmen. Mutti anrufen. Der Rechner ist eine einzige Halde von Datenmüll. "Müsste", "könnte", "sollte" sind unsere meist gebrauchten Verben. Nichts muss, alles kann, deswegen wird auch kaum was fertig. Das Leben als Handvoll loser Enden. Lieber nicht so doll ziehen. Sonst kommt ein Monster aus dem Busch.

Anders als die meisten Dinge im Leben ist Laufen eine extrem übersichtliche Sache. Kaum ein Sport erfordert weniger Talent, weniger Vorkenntnisse, ist so leicht zu durchblicken. Wer kontinuierlich trainiert, wird ausdauernder und schneller und dünner. Frische Luft und Bewegung führen zu mehr Sauerstoff im Körper, was zum Beispiel mehr Kreativität und weniger Depression bedeutet.

Jeder Lauf hat einen Anfang, ein Ende und einen Weg dazwischen, ganz egal, ob es sich um den New York Marathon dreht oder die fünf Kilometer von Bad Bevensen. Das Prinzip ist immer gleich und von erschreckender Verständlichkeit, auch die negativen Aspekte. Wer übertreibt, wird sich verletzen. Und wer ständig neue Ausreden erfindet, warum gerade heute ein schlechter Tag für eine kleine Trainingseinheit ist, der muss sich einen anderen Zeitvertreib suchen.

Ernstes Laufen erfordert ein Bekenntnis, ein klares: "Ich zieh' das jetzt durch."

Wer nicht völlig außer Form oder ernsthaft krank ist, kann zum Einstieg ein simples 12-Wochen-Programm absolvieren: dreimal die Woche 30 bis 45 Minuten entspanntes Üben und als Finale ein kleiner Test, mal drei Kilometer am Stück laufen, allein oder beim Volkslauf mit anderen. Keine Angst: Die Gefahr zu verlieren, ist gering. Es gibt immer Langsamere. Und jeder, der ins Ziel kommt, hat gewonnen.

Der Coach gewohnte Mensch möchte natürlich wissen, mit welchen Tricks, welchen Büchern oder Methoden man den Inneren Schweinehund bändigen kann, den Unwillen, die innerliche Unlust. Die Antwort: gar nicht. Aufstehen im Dunkeln fällt allen Menschen gleich schwer. Wir sind viel zu schlau, als dass wir uns mit Psycho-Tricks umprogrammieren ließen, um fortan mit einem Lachen aus dem Bett zu springen.

Einziger Trick: Den Schweinhund nicht so ernst nehmen, ihn stattdessen in einen freundschaftlichen Dialog verwickeln: Na, du alte Sau, willst du mich schon wieder ärgern? Hau einfach ab! Du kriegst mich sowieso nicht.

Viele kleine realistische Ziele setzen

Die kleine Kunst, die von jedem Lauf-Anfänger verlangt wird, ist kluges Erwartungs-Management. Es gilt die Regel: Viele kleine realistische Ziele sorgen für Spaß, Stolz und Zufriedenheit; ein gigantisches Vorhaben dagegen scheitert ganz schnell und schafft lange Frust. Aber Achtung: Es gehört viel Demut dazu, sich über 300 gerannte Meter am Stück zu freuen, wenn man im Restleben gewohnt ist, täglich Maximalziele zu formulieren, ohne sie je einzuhalten.

Es ist hilfreich, die ersten Laufversuche allein zu unternehmen. Erstmal kein Besuch im Fachgeschäft, nicht viel Literatur, keine Hörbücher oder gar Trainingspläne und Vitaminbomben. Einfach irgendwelche Sportklamotten aus dem Schrank gekramt, eine ruhige Ecke des Parks in der Abenddämmerung finden und ganz vorsichtig getrabt.

Spüren, was geschieht. Was tut weh? Wo fühlt es sich gut an? Es ist überhaupt keine Schande zu gehen. Nur eben nicht stehen bleiben. Dann wieder traben, provozierend locker. Fast alle Anfänger beginnen zu schnell. Was folgt, sind Atemnot, rote Birne, sofortige Unlust. Es ist aber gar nicht Sinn eines Trainings, sich komplett kaputt zu machen.

Eine perfekte Übungseinheit ist vielmehr wie ein gutes Essen. Hinterher herrscht dieses wohlige Gefühl von "fast genug". Eigentlich hätte man noch weitermachen können. Nur, wenn am Ende Restlust bleibt, stehen die Chancen gut, dass man sich zwei Tage später wieder aufrafft, vielleicht sogar im Nieselregen.

Kleiner Hinweis noch: Der Körper vergisst Reize nach 72 Stunden. Wer sich also nicht mindestens jeden dritten Tag bewegt, der kann es auch gleich lassen.

Mehr wertvolle Tipps zum genussvollen Joggen gibt es in dem neuen E-Book von Achim Achilles: Laufen & Lust - in zehn Schritten zu mehr Spaß am Leben.

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