Achilles' Ferse "Veganer sind keine sabbernden Lappen"

Extreme Ernährung, extremer Sport: Mark Hofmann ist Veganer und läuft Ultramarathon. Aber ist der Verzicht auf tierische Produkte nicht schädlich für seinen Körper? Im Interview mit achim-achilles.de erklärt der 35-Jährige, woher er die Energie für seine ungewöhnlichen Ausdauerleistungen bezieht.

Marathonläufer Hofmann: "Sich vegan zu ernähren, ist die Abwendung vom Extremen"
Katharina Hofmann

Marathonläufer Hofmann: "Sich vegan zu ernähren, ist die Abwendung vom Extremen"


SPIEGEL ONLINE: Herr Hofmann, Sie ernähren sich vegan, verzichten also auf tierische Produkte wie Fleisch, Milch, Eier - und laufen Ultramarathon. Ist das nicht ein bisschen extrem?

Hofmann: Was den Sport angeht, kann ich diese Wahrnehmung nachvollziehen. Mehr als 40 Kilometer am Stück zu laufen, ist extrem. Bei der Ernährung würde ich aber genau das Gegenteil behaupten: Vegan zu essen, ist eine Abwendung vom Extremen.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Hofmann: Ich finde es viel extremer, Tiere genetisch zu optimieren und unter Drogen gesetzt in enge Boxen einzupferchen. Tierversuche, Massentierhaltung - das ist extrem. Ich betone aber, dass ich niemanden persönlich angehen oder missionieren möchte. Das löst bei vielen den gegenteiligen Effekt aus. Ich lebe lieber vor und hoffe auf Nachahmer.

SPIEGEL ONLINE: Viele Mediziner sind der Meinung, eine vegane Ernährung sei gefährlich. Mal ehrlich, Sie plagen keine Mangelerscheinungen?

Hofmann: Nein. Vor meinem letzten Marathon im April habe ich mich auch auf Wunsch meiner Frau medizinisch durchchecken lassen. Meine Blutwerte könnten nicht besser sein. Alles wunderbar, sagt mein Arzt. Veganer wissen meist sehr gut Bescheid, wie sie an ihre Nährstoffe kommen. Die meisten setzen sich mehr mit Ernährung auseinandersetzen als Otto Normalverbraucher.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist es nicht unheimlich kompliziert und anstrengend, veganer Sportler zu sein? Ständig müssen Sie auf Zutaten und Inhaltsstoffe achten. Sie können ja nicht mal normale Nudeln essen.

Hofmann: Die Umstellung ist nicht so groß - alles eine Frage der Gewöhnung. Ich habe einmal meinen Einkaufszettel umgestellt und hatte bald neue Lieblingsprodukte. Irgendwann greift man dann ohne nachzudenken nicht mehr zum Joghurt sondern zum Sojaghurt.

SPIEGEL ONLINE: Aber auswärts essen wird schwieriger …

Hofmann: Das stimmt. In den meisten Restaurants muss man ausdrücklich nach veganen Speisen fragen. Aber nicht vegan zu sein, ist für mich keine Option. Deswegen nehme ich diese Unannehmlichkeiten gerne in Kauf.

SPIEGEL ONLINE: Marathonläufer brauchen viel Energie. Wo kriegen Sie die her? Haben Sie spezielle Geheimrezepte?

Hofmann: Bei der Internetrecherche bin ich auf Brendan Brazier gestoßen, einen Triathleten, mehrfachen Ironman und Veganer. In seinem Buch gibt es vegane Rezepte für Kohlenhydratgels und Elektrolytgetränke - die kann ich nur empfehlen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie eigentlich Veganer geworden?

Hofmann: Ich saß eines Tages vor meinem Teller und habe mir das Stück Fleisch darauf angesehen. Plötzlich überkam mich ein unglaubliches Gefühl der Schuld. Ich wurde - bildlich gesprochen - von 10.000 Augen angeschaut und fand keine Antwort, keine Entschuldigung dafür, warum ich das jetzt essen soll. Ich wusste ja, was jährlich milliardenfach in den Schlachthöfen passiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben es aber immer verdrängt?

Hofmann: Genau. Das war das letzte Mal, dass ich Fleisch gegessen habe. Nach der Umstellung habe ich mich körperlich so gut gefühlt, dass ich einen Weg gesucht habe, meinen Bewegungsdrang zu kanalisieren. Also habe ich mit dem Laufen angefangen.

SPIEGEL ONLINE: Im nächsten Jahr wollen Sie mit anderen Veganern die 440 Kilometer lange Bundesstraße 12 in einer Ultramarathon-Staffel ablaufen. Warum ausgerechnet die B12?

Hofmann: Es ist ein Wortspiel. Das Vitamin B12 sorgt immer wieder für Diskussionen. Es heißt, B12 werde nicht vom Körper hergestellt und komme nur bedingt im Pflanzenreich vor. Da streiten sich die Gelehrten. Veganer sollen angeblich Probleme haben, dieses Vitamin aufzunehmen. Wir Veganer wollen zeigen, dass wir keine sabbernden Lappen sind, die nichts auf die Reihe kriegen, sondern dass wir tatsächlich auch Ultramarathon laufen können.

Das Interview führte Frank Joung

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insgesamt 213 Beiträge
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Seite 1
Peter_der_Grosse 26.07.2012
1. Fleisch ist ein Stück Lebenskraft...
... aber Lebenskraft ist nicht gleich Fleisch ! Es geht auch ohne: z.B. ohne klimaschädliche Massentierhaltung.
beobachter68 26.07.2012
2. Bravo Bravo Bravo!!!
Man kann nur hoffen, dass immer mehr Menschen bei dem Anblick eines Fleischstückchens auf dem Teller an das Milliarden fachen Verbrecher das jeden Tag mit den Tieren geschieht, endlich mal sich Gedanken machen. Es ist die höchste Zeit aufzuhören lebende Wesen zu töten. Veganer oder Vegetarier leben mindestens so gesund wie die Fleischesser. Was sind die s.g. humanitäre Prinzipien Wert, wenn die Tiere geschlachtet werden? Wie lange brauchen die Menschen noch um zu begreifen, was das Fleischstück auf dem Teller bedeutet???
GSYBE 26.07.2012
3. optional
"Ich saß eines Tages vor meinem Teller und habe mir das Stück Fleisch darauf angesehen. Plötzlich überkam mich ein unglaubliches Gefühl der Schuld. Ich wurde - bildlich gesprochen - von 10.000 Augen angeschaut und fand keine Antwort, keine Entschuldigung dafür, warum ich das jetzt essen soll. Ich wusste ja, was jährlich milliardenfach in den Schlachthöfen passiert." Vielen Dank Herr Hofmann. Da erübrigt sich jedes weitere Wort...
andre_hess 26.07.2012
4. Lustig
Wie Lustig ist das denn, gerade Soja ist wohl die am meisten genetisch veränderte Pflanze im Weltweiten Anbau. Mal ganz zu schweigen das Soja Hochallergen ist.
Christian Guenter 26.07.2012
5. Respekt
der Aigner wird das nicht gefallen (dürfen). Die Subventionen an die Mastbetriebe sind bestimmt angemessen!
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