Laufen mit Bettina Lamprecht "Nach 50 Metern war ich platt"

Bettina Lamprecht wollte nie laufen - jetzt rennt die Schauspielerin jeden zweiten Tag. Achim Achilles erzählt sie von Wildpinklern, ihrem Schwitzproblem und dem Fluch, mit einem Marathonmann verheiratet zu sein.

Bettina Lamprecht
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Bettina Lamprecht


Frage 1: Schicke Klamotten: Jacke vom führenden Hersteller, Hose farblich passend mit angesagter Bruce-Lee-Wadenwicklung und dann noch im passenden Bleu die edlen Ultraleichtschuhe.

Lamprecht: Reine Zufallskombi, ich hab' nichts anderes. Ich schwöre. Die Hose ist sechs Jahre alt und war ein Geschenk meines Mannes, so fürs Sofa. Die Schuhe habe ich in Köln gekauft, weil ich welche brauchte, und die Jacke gab's zu Weihnachten von meiner Familie, weil sich rumgesprochen hat: Sie läuft jetzt.

Zur Person
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    Bettina Lamprecht, 38, ist Schauspielerin. In der ZDF "heute-Show" spielt sie die Reporterin Petra Radetzky und in der Comedy-Serie "Pastewka" bei Sat1 die Freundin von Pastewkas Halbbruder. In der ZDF-Serie "Bettys Diagnose" war sie in der Titelrolle zu sehen. Seit 2015 joggt Lamprecht, immer dieselbe Strecke.

Frage 2: Wie? Kein Sportkleiderschrank mit Leggings, Yoga-Ausrüstung, Strass-Stirnband?

Lamprecht: Yoga? Habe ich seit der Entbindung zweimal gemacht.

Frage 3: Sorry, die Geburt ist drei Jahre her. Was sagt denn da der Beckenboden?

Lamprecht: Wir sind in konstruktiven Gesprächen.

Frage 4: Wenn Männer mit dem Laufen anfangen ist es ja häufig ein Krisensymptom...

Lamprecht: ...und was ist mit Frauen, die laufen?

Frage 5: Ich stelle hier die Fragen: Möchtest du über deine Krisen sprechen?

Lamprecht: Klar. Meine Krise: Ich wollte mich endlich körperlich voll verausgaben, aber möglichst mit sehr wenig Anstrengung.

Frage 6: Klingt nach komplexer Psyche.

Lamprecht: Ich mochte schon in der Schule keinen Sport.

Frage 7: In der DDR wurden doch alle Grundschulkinder vermessen, um rauszufinden, wer für welche Disziplin geeignet ist.

Lamprecht: Ich war für alles ungeeignet. Meine größten Feinde waren Bälle. Irgendwann hab ich angefangen, Gitarre zu lernen. Da wurde die Feindschaft zum Krieg. Meine zarten Finger und Bälle: Da gab es einfach keine Übereinkunft. Bei uns im Dorf gab es jedes Jahr eine Spartakiade. Das war mein größter Horror. Während so Sportmäuse trotz ihres wuchtigen Vorderbaus beim Weitsprung scheinbar ewig durch die Luft flogen, scheiterte ich schon am Balken. Und bei mir galt immer: Was ich nicht kann, das ist doof.

Frage 8: Man könnte es Zickigkeit nennen.

Lamprecht: Oder Verweigerung. Das Laufen ist ein Projekt, um mal was dagegen zu tun. Auch mal was machen, was blöd ist.

Frage 9: Wie lief denn das Leben als verbohrtes Kind? Flucht in Bücher, Fernsehen, Einsamkeit?

Lamprecht: Ich habe extrem viel gespielt. Und ich war oft draußen im Wald.

Frage 10: Moment, Wikipedia sagt: Geburtsort Ilmenau, wie Claudia Nolte, die Ministerin unter Helmut Kohl. Ilmenau ist Stadt, kein Wald.

Lamprecht: In Ilmenau ist das Krankenhaus. Da werden die Claudias und Bettys geboren. Aufgewachsen bin ich in Geraberg.

Frage 11: Was genau hat den Wechsel vom Sportmuffel zur Läuferin bewirkt?

Lamprecht: Vor einem Jahr hatte ich richtig viel um die Ohren, zu viel eigentlich. Und das hat meinen Kopf mächtig angestrengt. Da brauchte ich...

Frage 12: ...Achtung, Floskelwarnung: jetzt bitte nichts mit "Kopf frei" sagen.

Lamprecht: Okay, du hast recht. Leider stimmt es aber: Kopf frei, Kopf frei, Kopf frei.

Frage 13: Aber erst mal jahrelang sträuben.

Lamprecht: Ich war auch traumatisiert. Mein Mann stammt aus einer Läuferfamilie.

Frage 14: Au weia.

Lamprecht: Genau. Wenn ich mit ihm mal das Laufen probiert habe, dann hatte ich schon nach 100 Metern keinen Bock mehr.

Frage 15: Selbst wenn Läufer nicht zu missionieren meinen, missionieren sie immer noch...

Lamprecht: ...und sagen einfühlsame Sachen wie: Die Seitenstiche gehen wieder weg.

Frage 16: Stimmt ja auch: Daran ist noch keiner gestorben.

Lamprecht: Aber Seitenstechen fühlt sich an wie kurz davor. Bei euch Läufermännern herrscht diese Stalingrad-Mentalität: nie gehen, nie schlappmachen, den Schmerz durchstehen. Mein Mann läuft Marathon. Das sind natürlich Welten.

Frage 17: Klingt nach einer rundum glücklichen Beziehung. Wie schnell ist er denn?

Lamprecht: Das wäre jetzt angeberisch.

Frage 18: Unter vier Stunden?

Lamprecht: ...hmmm...

Frage 19: Unter drei Stunden etwa?

Lamprecht: Ja. Tut mir leid.

Frage 20: Wie seid ihr denn da zu einem Kind gekommen? Kerle in dieser Tempoklasse haben eigentlich weder Lust noch Zeit noch Kraft zum Fortpflanzen?

Lamprecht: Sagen die, die langsamer sind.

Frage 21: Sorry, aber wer Marathon unter drei Stunden läuft, ist ein Irrer. Der trainiert dauernd, isst komische Sachen, redet über nichts anderes.

Lamprecht: Zugegeben: Er isst Weißbrot mit Marshmallow-Schmiere und Erdnussbutter. Was soll ich machen - er ist Ami.

Frage 22: Ist denn das Marathon-Fieber endlich übergesprungen?

Lamprecht: Bislang war ich nur an der Strecke zum Jubeln. Und da bin ich schon daran gescheitert, von einem Punkt der Strecke zum nächsten zu kommen. Man möchte ja mehrmals Getränke anreichen und Begeisterung zeigen. Inzwischen sieht man zumindest folgende Entwicklung: Vor einem Jahr wäre ich nach 50 Metern Laufen völlig platt gewesen, jetzt schaffe ich fünf Kilometer am Stück und kann dabei sogar mit dir reden. Demnächst bin ich bestimmt mal ganz verrückt und renne zehn Kilometer.

Frage 23: Klingt nach einem Plan. Zur Rente dann den Marathon.

Lamprecht: Wenn ich ganz tief in mich reinhorche, kann ich nicht ganz ausschließen, dass dort eine gewisse Marathonneugier existiert. Aber die befindet sich derzeit noch außerhalb meines physischen Vorstellungsvermögens.

Frage 24: So klingt aufkeimende Begeisterung.

Lamprecht: Nachdem ich die Anfängerfehler, die ich alle - wirklich alle - gemacht habe, hinter mir gelassen habe und jetzt ohne regelmäßige Nahtoderfahrungen laufen kann, kommt auch Begeisterung ins Spiel.

Frage 25: Viele steigen spätestens bei der Nahtoderfahrung aus. Was war das Geheimnis, dass es trotzdem geklappt hat?

Lamprecht: Zuerst mal: ohne Mann und ohne Tipps. Ein bisschen laufen, ein bisschen gehen, ein bisschen laufen. Dinge, für die sich Läufer schämen. Ich mich übrigens auch.

Frage 26: Doch ehrgeizig?

Lamprecht: Tendenziell ja, aber ich hatte ja keine andere Wahl. Außerdem habe ich alles weggelassen, was mich unter Druck bringen könnte und mache das nach wie vor so: keine Uhr, keine App, keine Musik, keinen Getränkegürtel, keinerlei modische Signale. Ich bin wirklich ein Anfänger.

Frage 27: Unsinn, das ist "pure", voll im Trend. Außerdem haben Anfänger ja oft diesen Rest von Stilgefühl und hängen sich nicht gleich drei Geräte um. Und irgendwann erwacht das Lauftier in dir.

Lamprecht: Das ist fast ein Zitat von meinem Mann, der schon vor Jahren sagte: "Du bist ein Läufer. Du weißt es nur noch nicht." Ich laufe immer die gleiche Strecke, keine Überraschungen, Kontrollfreak halt. Aber nie im Kreis: Das ist Gift für mein Durchhaltevermögen.

Frage 28: Laufen ist eine mentale Probe. Immer tut was weh, immer ist was langweilig, immer ist wer schneller.

Lamprecht: Das finde ich auch ungerecht. Ich renne mir die Seele aus dem Leib und dann federt so ein Mensch grinsend an mir vorbei. Ich verstehe nicht, wie das geht. Und nett ist es auch nicht.

Bettina Lamprecht zieht ein Papiertaschentuch hervor und schnäuzt sich dezent.

Frage 29: Tatsächlich Anfängerin. Der Profi schnäuzt in die Botanik, wobei der abgespreizte kleine Finger ein Nasenloch zuhält, so wie die Queen die Teetasse hält.

Lamprecht: Mein Mann hat mal hier im Grunewald an einen Busch gepinkelt, da sprang plötzlich ein Wildschwein raus. Solche Erfahrungen bleiben mir verwehrt. Ich kann all diese Sachen nicht: schnäuzen, spucken, schielen, im Stehen pinkeln….

Frage 30: Ein Wettbewerbsnachteil im Comedy-Gewerbe?

Lamprecht: Und wie. Ich kann nicht mal schwitzen.

Frage 31: "Die Frau, die nicht schwitzte" - guter Thrillertitel. Könnte auch ein Hinweis auf mangelnde Anstrengungsbereitschaft sein.

Lamprecht: Mir ist einfach immer kalt. Ich trage bis zum Hochsommer drei Lagen Unterwäsche. Man muss in so ein Läuferleben ja erstmal hineinwachsen.

Frage 32: Achtung, Kreuzung, Charaktertest: Rechts geht's den Teufelsberg hoch, links runter. Wo lang?

Lamprecht: Hoch natürlich. Ich hab' extra einen Smoothie gefrühstückt.

Frage 33: Klar, im Showgeschäft ist ein Ernährungsfimmel Karrierebedingung.

Lamprecht: Da habe ich 16 Jahre Vegetarismus zu bieten. Aber das war mit zwei fleischfressenden Männern im Haus wirklich nicht länger durchzustehen. Dafür hab ich jetzt eine ausgewachsene Gluten-Unverträglichkeit.

Frage 34: Die hat ja echt jeder. Was ist das nochmal?

Lamprecht: Es geht um diesen Klebstoff im Mehl. Der verursacht bei mir Darmprobleme. Soll ich ins Detail gehen?

Frage 35: Nein, danke. Paradegericht?

Lamprecht: Pflaumenknödel; davon habe ich als Kind 20 gegessen, mit schön viel Butter und Zucker.

Frage 36: Gewichtsprobleme?

Lamprecht: Ich bin nicht der Typ, der schnell dick wird. Ich wiege mich fast nie.

Frage 37: Jajaja, und drei Liter Wasser am Tag. Eine Angelina-Jolie-Antwort.

Lamprecht: Apropos Angelina, als ich stillte, musste die Kostümbildnerin von "Pastewka" wirklich zaubern, um meinen monströsen Brustumfang irgendwie zu bändigen. Auf einmal hatte "Svenja Bruck" Monsterhupen. Wie machst du das dem Zuschauer gegenüber plausibel?

Frage 38: Mit Schals kann man viel machen. Bei Männern würde man eine solche Debatte nicht führen.

Lamprecht: Doch, klar. Wenn Jan Hofer schwanger wäre, würde die Republik ganz sicher darüber reden.

Frage 38: Modische Grundsätze?

Lamprecht: Über 25 Grad kurze Hose.

Frage 40: Woran denkst du beim Laufen?

Lamprecht: Erst mal alles Mögliche, zum Warmwerden. Dann nehme ich mir ein Thema vor oder eine Rolle. Ich überlege: Was ist das für 'ne Type? Wo im Körper hat die ihr Zentrum? Woher nimmt sie ihre Kraft, die ich jetzt vielleicht gerade nicht so spüre?

Frage 41: Verändert sich der Laufstil entsprechend?

Lamprecht: Manchmal. Vergangenes Jahr habe ich eine harte Polizistin gespielt. Die jammert natürlich nicht beim Laufen. Die ist keine lahme Ente, sondern topfit und zieht ihr Ding durch. Und sie läuft wie jemand, der das immer macht. Diese Gedanken verändern tatsächlich meinen Schritt.

Frage 42: Dann denk' dich doch mal einfach in eine Marathon-Läuferin rein.

Lamprecht: Mach ich! Dafür nehme ich mir aber ein paar Jahre Zeit. Ich hab tatsächlich mal angefangen zu heulen, als ich mich während des Laufens emotional mit einer Figur beschäftigt hab. Das wäre zumindest ein Anfang für den Marathon. Oder?



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
thueringer 04.05.2016
1. Geraberg
hat eine schöne Sauna. sonst leider nix. Ach doch ne direkte Anbindung an die Autobahn! was soll dieses Läufergeschreibsel?
barbarine 05.05.2016
2. @thüringer: Gegenfrage ...
Zitat von thueringerhat eine schöne Sauna. sonst leider nix. Ach doch ne direkte Anbindung an die Autobahn! was soll dieses Läufergeschreibsel?
... was soll Ihr Kommentar? Ich finde dieses Interview unterhaltsam - auch als erklärte Nichtläuferin. Nette Fragen - schlagfertige Antworten. Ja, es hat mir einfach Spaß gemacht, es zu lesen und das ein oder andere Mal nicht nur zu schmunzeln, sondern herzhaft zu lachen. Lachen ist übrigens gesund ... ;)
JensA 05.05.2016
3.
Welch sympathisches Interview!
Shivon 05.05.2016
4.
Tolles Interview :)
bigmitt 05.05.2016
5. Der Fragesteller. ...
...und die Befragte haben sich eben auf einen Fragemsrathon geeinigt (42) , da die Befragte ja für einen richtigen Marathon noch ein paar Jährchen braucht.
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