Mona ist schuld. Über Jahre hat sie meinen immensen Eiweißbedarf vorwiegend mit Hühnerfleisch gedeckt. Der Hormonschub hat eigenartige Dinge mit mir gemacht: Plötzlich laufe ich gern mit Frauen. Also "gern" wäre übertrieben. Aber es macht mir nicht mehr so viel aus. Frauen sind die besseren Männer, jedenfalls beim Dauerlauf.
Früher gab es ja nur dieses eine Modell, die Quengel-Queen: Ist es noch weit? Zu heiß. Zu kalt. Hunger. Durst. Muss mal. Alles, was sich der Mann tapfer zu denken verbat, sprach die Läuferin hemmungslos aus.
Die Folge: Freizeitsport nur noch mit Geschlechtertrennung, eine in vielen Kulturen über Jahrtausende bewährte Deeskalationsstrategie. Kern des Problems ist ein unterschiedliches Verständnis von Tempo. Was die Frau für ziemlich zügig hält, betrachtet der Mann als ziemliche Eierei. Klar, fiept die Pulsuhr nicht im tiefroten Bereich, ist es auch kein richtiges Training.
Es war eher Zufall, dass ich mit Frauen zu trainieren begann. Hatte auch weniger mit Romantik zu tun als vielmehr mit Knieschmerz. Denn Charlotte und ich verließen den gleichen Trainer, dessen merkwürdige Übungen weniger zu Erfolgen als vielmehr zur Arthroskopie führten. Beim Meniskus ist die Gleichberechtigung vollzogen.
Das erste Mal war magisch
Unser erstes Mal umwehte was Magisches, auch weil wir das Erfolgsgeheimnis der gemischtgeschlechtlichen Kleinlaufgruppe entdeckt hatten: Die Frau muss ziemlich gut sein und deswegen in ihrer Damengruppe gedisst werden. Der Herr wiederum hat relativ langsam unterwegs zu sein, was ihn zum Bremser seiner testosterongeladenen Jungs-Horde macht.
Gute Mädchen und halbträge Jungs sind die Parias unter ihren Geschlechtsgenossen, finden aber zur Notgemeinschaft zusammen, weil sie exakt das gleiche Tempo laufen. Das ist gut fürs Gemüt. Sie ist stolz, mit einem Kerl mitzuhalten, er dagegen sicher, die Kleine im Finish plattmachen zu können, aber klug genug, es weder zu äußern, noch auszuprobieren.
Tagelang hatte ich gegrübelt, welche Themen man wohl mit einer Lady bearbeiten könnte. Arminia Bielefeld fiel ja wohl aus. Also Herrenwitze. Aber ausgerechnet meine Paradedisziplin kam nicht so gut an. Frauen schweigen, wenn das Tempo zu hoch ist, oder der Humorfunke trotz massiven maskulinen Anlachens nicht gerade einen Flächenbrand der guten Laune auslöst.
Schlimmer sind nur Körperbemerkungen. Männer, bitte merken: Niemals auch nur einen leichten Seitenblick auf die Unterwäsche verlieren, also die unterste von drei Schichten, die tiefe Muster ins Gewebe schneidet. Einmal den Spruch: "Oh, immer Google Maps dabei, jetzt auch mit Höhenprofilen", und es war die letzte Runde mit Lauf-Escort.
Gern genommen wird dagegen Lob für die geschmackvolle Auswahl des Nagellacks, auch wenn es eine Viertelstunde lehrreichen Vortrag bedeutet über die Vorzüge von "apricot" gegenüber "nude", vor allem auch beim Fußnagel. Hmm, denkt der Mann, warum lackieren die Mädels sich die Zehen, wenn ja doch klobige Laufschuhe blickdicht drumherum geschnürt sind? "Rettungssanitäter", wird die Dame antworten und erklären, dass ja immer mal was passieren kann, Herzattacke oder schlimmeres, ein umgeknickter Fuß zum Beispiel.
Aha, denkt der Herr bei sich, überlegt, in welchem Frischestadium sich die eigene Wäsche befindet und beschließt, beim nächsten Mal eine intensivere Geruchsprobe vor dem Start. Aber das wird nicht reichen im olfaktorischen Wettbewerb. Auch nach 14 Stunden Ironman riecht jede Frau allemal besser als ein Kerl, selbst wenn er soeben der Dusche entstiegen ist. Das sei genetisch, sagt Mona. Gut. Eine Sorge weniger.
Ja, das Zuhören, das lernt man in Frauenbegleitung schnell. Logisch, wenn man nie zu Wort kommt. Dafür habe ich mir innerhalb einer 70-Minuten-Runde ein riesiges Wissen über Diäten angeeignet. Die bringen nichts, aber sicherheitshalber sollte man trotzdem eine machen, falls mal wieder häusliche Erotik droht. Außerdem bin ich immer auf dem neuesten Stand, was Pipa Middleton, George Clooney und die Wulffs betrifft. Infotainment plus Bewegung unterhalb der Schwitzgrenze - das ist mein Sport.
Was Frauen so sympathisch macht, ist ihr flexibler Leistungsbegriff. Sich bei einem Wettbewerb anzumelden, bedeutet zum Beispiel noch lange nicht, auch teilzunehmen. Dieses Gefühl, man könnte mitmachen, wenn man wollte, das reicht der Frau mental vollauf. Von Charlotte habe ich gelernt, zu meinen Gefühlen zu stehen, vor allem zu diesem zuverlässigen Befinden, dass der Halbmarathon am kommenden Wochenende so gar nicht passt. Vielleicht bin ich einfach nur im falschen Köper gefangen.
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