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Achilles' Verse: Adieu, alte Folterkammer

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Fitness-Studio: Gewichte stemmen und dann zum veganen Cross-Pilates

Wunderläufer Achim Achilles und sein Fitness-Studio - das war immer eine unbefriedigende Beziehung. Manchmal ist es besser, einen Schlussstrich zu ziehen. Achims Abschiedsbrief an seine Muckibude.

Liebes Fitness-Studio,

über zehn Jahre lang waren wir nun zusammen, wir zwei Luxusluder. Ich habe den Gegenwert eines gebrauchten Kleinwagens bei Dir gelassen. Es gab Zeiten, da sahen wir uns jeden Tag. Ob ich mich atemlos wälzte, verbissen pumpte, schweigend schwitzte oder erbarmenswert stöhnte - bei Dir konnte ich mich gehen, fallen, oder auch mal los lassen. Du hast mich genommen wie ich war. Meistens am Ende. Nirgends fühlte ich meinen Körper so intensiv wie bei Dir. Und immer guckte jemand zu, in der Sauna besonders interessiert.

Wir führten eine klassische Lebensabschnittsbeziehung, die jedes Jahr vom Herbst bis zum Frühjahr dauerte. Du hast klaglos akzeptiert, dass ich den Sommer über in Wald und See fremd ging und die Zeit genutzt, deine sanitären Einrichtungen aufzuhübschen. Der Vanilleduft (oder war es Ingwer-Zitronengras?) kitzelt bis heute an meinen Mandeln. Du warst mir nah, fast immer sauber, mit diesem Hauch von Exklusivität.

Ich kannte Dich in- und auswendig, wusste, wann die dynamischen Pensionäre den Pool zur Hölle machen, wann die verschwitzten Spinning-Spezis die Umkleide volltropften, wo sich mir verpickelte Pumperrücken entgegenstreckten.

"Nun wähle ich das Leben mit Unsicherheit"

Bei Dir war es wie im Kontakthof. Ich traf Ex-Bürgermeister, Schauspieler und charismatisch-einflussreiche Chefredakteure, die gern mal wegsahen, wenn ich näher kam. So sind die Menschen eben, die Leggings anziehen, aber nicht darin gesehen werden wollen. Das Schöne an Gewohnheiten ist, dass man sie kennt.

Genau das ist unser Problem.

Wir haben uns so lange aneinander gewöhnt bis wir uns auseinandergelebt haben. Bei Dir war es aber am Ende nur noch eine Qualität - das Schwimmbad. Nun wähle ich das Leben mit Unsicherheit, denn ich weiß noch nicht, wo ich diesen Winter meine Bahnen ziehe.

Ich weiß nur so viel: Ich will raus.

Ich will Nieselregen, Kälte, weiße Wolken, die aus meinen Nasenlöchern aufsteigen. Eine Parkbank tut es doch auch, wenn man mal Lust auf Dips, Schlusssprünge oder Stabis verspürt. Jeder Spielplatz bietet genug Gerät, um Straffheit zu tanken. Warum die Grünanlagen den Freeletics-Freaks überlassen?

Mal sehen, ob der Winter so wird wie ich mir das schön rede. Renne ich genau so tapfer in den matschigen Park wie ich mit meiner Designer-Sporttasche unterm Arm "ins Gym" ging, wie man bei uns Hipstern sagt? Oder werde ich entenfett und marzipanhässlich, komme in der ersten Januarwoche kleinlaut angekrochen und winsele um Wiederaufnahme. Diese Notlage würdest Du gnadenlos mit einem neuen Knebelvertrag ausnutzen, den ich genauso wenig verstehe wie all die anderen davor.

Die ganze gefilterte Welt bei Dir

Was genau ist es, dass mich abschreckt? Ich glaube, es die Künstlichkeit, die Terminlichkeit, die Ernsthaftigkeit, die ganze gefilterte Welt bei Dir. Die Menschen gucken entschlossen. Sie hetzen, weil sie um Punkt 17 Uhr beim veganen Cross-Pilates sein müssen. Sie wetzen wie Hamster auf Laufbändern. Menschen in der Matrix. Kein Kontakt zu Mutter Erde und Vater Himmel.

Ich glaube an physische Abhärtung durch frische Luft und psychische Erfrischung durch Bäume, Blätter, Knirschen, Wind. Ein paar Mal war ich schon draußen in diesem Herbst, als es noch oder schon dunkel war und kalt und ungemütlich. Es war deswegen schön, weil es nicht sicher und berechenbar und klimakontrolliert war, sondern überraschend, viel herausfordernder als die durchgekärcherte Perfektion mit traurigen Menschen in Einheitsklamotten, die mir mechanisch fröhlich "Viel Spaß!" wünschten, weil es so in den "Zehn Regeln zum Umgang mit Kunden" gefordert ist.

Keine Ahnung, ob wir wieder zusammenkommen. Ich freue mich jedenfalls darauf, all die Klamotten, die ich in den letzten Jahren für alle möglichen Wetter angeschafft habe, nun endlich auch mal auszuprobieren, vielleicht sogar die Handschuhe. Ich freue mich auf Winterläufe, Winter-Duathlons ohne Stürze, und Menschen, die ich an einem vermatschten Sonntagmorgen treffe, Menschen, die wie ich raus wollen ins Echte, Harte. Lebendige. Ja, ich werde nass werden, manchmal frösteln und tonnenweise verdreckte Klamotten nach Hause bringen. Warum? Weil ich das will.

ZUR PERSON
  • Frank Johannes
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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1.
GrinderFX 04.11.2015
Es soll ja auch andere Sportarten geben wie Leichtathletik oder ähnliches, nur muss man sich wirklich bewegen und kann nicht sein Gewissenstraining absolvieren, was mehr Fake als alles andere ist.
2. Komischer Artikel
tradepro 04.11.2015
Alles hat 2 Seiten. FitnessCenter hat seine guten wie seine schlechten Seiten. Hauptsache man bewegt sich. Egal ob im Fitnesscenter oder im Freien. Abgesehen davon kann man im FitnessCenter gezielt Muskelgruppen (Rücken für Büroangestellte wie mich). Da hilft mir laufen wenig. Ausserdem gehe ich auch ins FitnessCenter um ein wenige zu sozialisieren und meine Freizeit zu gestalten. Den Artikel verstehe ich somit nicht wirklich.
3. Ein Satz Kugelhanteln
dr3w 04.11.2015
Viel Spass beim Training zu Hause.
4. Der Mann hat Recht!
twister13 04.11.2015
Ohne wenn und aber, der Mann hat Recht. Was gibt es schöneres als durch den Wald zu traben. Egal ob es ein wenig nieselt oder auch mal schneit. Nur sturzbachartiger Regen ist nicht wirklich prickelnd, aber die Zeiten litten auch nicht wirklich weil man dann umso schneller nach Hause will. Im Herbst in die Dämmerung zu laufen, die hereinbrechende Kälte zu spüren wenn die Sonne einen verlässt, das ist spüren, fühlen, merken dass man lebt. Nicht wie ein wohltemperierter Hamster auf dem Laufband vor sich hin zu rotieren, wie grauenvoll. Selbst der Winter ist doch fantastisch. Ein paar Spikes unter die Schuhe geschnallt, etwas Aufmerksamkeit was den Untergrund angeht und dann durch die tief verschneite Landschaft. Der Erste sein der den Weg spurt, die Stille im Schnee hören und dann geistig und körperlich komplett relaxed nach Hause zurückkehren, eine heisse Dusche und ein Tee. Mehr Entspannung geht nicht. Wozu ein Studio? Das Einzige was mich wirklich wundert ist die Tatsache dass ein fanatischer Läufer wie Herr Achilles das nach 10 Jahren erst merkt. Das merkt man doch nach 30 Minuten auf dem Laufband!
5. Tja, mit dem Abhärten war's dieses Jahr wieder nix - hüstel, hüstel, schnief, schief!
matimax 04.11.2015
Ja, endlich wieder raus an die frische Luft! Mal 'ne Runde oder auch drei durch den Schlosspark traben, bevor es dunkel wird. Hab' ich mir letzte Woche auch gedacht. Noch dazu leuchtete der Himmel herrlich blau, die Sonne strahlte. Nicht nur ich kam auf die Idee, vor dem nahenden Winter noch mal richtig die Vitamin-D Produktion in Gang zu setzen - bitte rechts laufen! Die neue Windstopper-Jacke ließ mich unter der Membran so richtig schwitzen, die Unterwäsche wog nach dem Training doppelt so schwer wie vorher. Leider fröstelte es mich auf dem Heimweg wohl zehn Minuten zu lange. Denn dann kam, was kommen musste: vorgestern noch fröhlich durch die Botanik gehechelt und heute eine veritable Bronchitis mit berüchtigtem gelben Auswurf, nebst schmerzhaftem unproduktiven Reizhusten. Jetzt wird scharf geschossen, da hilft nur noch die Munition aus dem Pharmalabor. Beim brennenden Wasserlassen müffelt es penetrant nach jenem Antibiotikum - noch ekelhafter als nach dem Verzehr von zu viel Knoblauch. Dabei dachte ich vorher noch, das (langweilige) Laufen auf dem Band im Fitness-Center ist vielleicht doch "gesünder", da die warme Dusche nach dem Schwitzen nur ein paar Meter entfernt ist - wegen Erkältungsprophylaxe..., war wohl (wieder) nix... . ;-)
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