Achilles' Verse Die schöne Seite des Scheiterns

Ein paar Kilo abnehmen, gesünder essen, härter trainieren: Anna Achilles hatte sich für 2016 viel vorgenommen. Geklappt hat nichts. Macht aber auch nichts. Dafür hat sie etwas anderes gelernt - und das ist viel wichtiger.

Anna Achilles' Halbmarathonziel
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Anna Achilles' Halbmarathonziel


Das eine Jahr ist um, das neue breitet sich vor einem aus. Zeit, um Bilanzen zu ziehen.

Körpergewicht? So viel wie noch nie.

Trainingszustand? Reden wir nicht drüber.

Aber mal ehrlich: Ist doch völlig egal. Ich habe ein Dach über dem Kopf, tolle Menschen um mich herum und bin gesund. Das ist, was zählt. Speckfalten hin oder her.

Ich wäre zufrieden. Mit mir. Mit meinem Leben. Wenn mir nicht ständig andere Menschen ein schlechtes Gewissen einreden würden. Allen voran mein lieber Onkel Achim. Obwohl wir nicht mehr in derselben Stadt wohnen, verfolgen mich seine "Mehr trainieren"-Parolen.

Im Netz lese ich abgefahrene Geschichten von Menschen, die rückwärts Marathon laufen oder den Atlantik durchschwimmen wollen. In meiner Facebook-Timeline taucht ständig Micha Klotzbier auf, der Ex-160-Kilo-Mann, der mittlerweile schneller läuft als ich.

Egal was ich tue, andere sind immer besser. Das ist okay. Aber bitte, macht mir kein schlechtes Gewissen deshalb.

Wenn ich beispielsweise erzähle, dass ich Läuferin bin, fragt mich mit Sicherheit jemand nach meinem letzten Marathon. Wenn ich antworte, dass ich die 42 Kilometer noch nie bestritten habe, folgt als Antwort nur: "Aha". Ich weiß ganz genau, was mein Gegenüber denkt: Die ist gar keine richtige Läuferin. Als ob man nur eins von beiden sein könnte. Pseudojogger oder Marathoni. Dazwischen zählt nicht.

Danke, du Fahrradständer!

Neulich auf einer Party berichtete jemand von seiner Radtour am Vormittag. 180 Kilometer in den Alpen. "Kein großes Ding", ergänzte er und machte eine abwinkende Handbewegung.

180 Kilometer. In den Bergen. Berg auf, Berg ab. Danke, du Fahrradständer. Gerade hatte ich noch stolz erzählt, dass ich heute fünf Kilometer gelaufen bin. Im Park. Nicht rückwärts, nicht im Handstand. Einfach nur geradeaus. Deinetwegen ist mir meine läppische Sporteinheit jetzt peinlich.

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Aber mal ehrlich: Kommt es darauf an? Heißt es nicht, besser wenig Sport treiben als auf der Couch zu liegen? Lieber kleine Vorhaben als unerreichbare Ziele?

Warum halten Vorsätze immer nur so lange, wie es dauert, Fitnessstudio auszusprechen? Weil die Ziele erstens zu groß gesteckt sind. Und zweitens wir zwar definieren, dass wir etwas tun sollten, aber nicht, warum.

Ziele sind gut, aber nebensächlich

Wenn ich meine Ziele vom vergangenen Jahr so anschaue... Ich wollte fünf Kilo abnehmen. Nicht erreicht. Ich wollte Halbmarathon unter zwei Stunden laufen. Ich war langsamer. Ich kann Achim förmlich sehen, wie er beschämt den Kopf schüttelt.

Aber deshalb unglücklich sein? Auf keinen Fall. Ziele sind gut, aber nebensächlich. Viel wichtiger ist das Gefühl, zufrieden zu sein. Und das hängt nicht davon ab, wie viel ich trainiere. Sondern, dass ich trainiere.

Wenn ich regelmäßig laufe, sehe ich äußerlich genauso aus wie sonst. Aber innerlich fühle ich mich wunderschön. Ich bin voller Energie, gehe gerne ins Büro, esse so viel, wie ich möchte, und wenn ich in den Spiegel schaue, denke ich: Hey, gar nicht übel.

Mein Lieblingsgefühl ist es, wenn der Körper schreit: Anna, raus mit dir, ich will mich austoben. Ich muss mich nicht zwingen, in die Laufschuhe zu schlüpfen. Sondern es passiert von ganz allein. Dann fühlt sich Laufen wie Belohnung an.

Das Ende des Jahres naht. Zeit für neue Vorsätze. Ich werde mein Halbmarathonziel noch einmal angehen. Unter zwei Stunden. Dieses Mal aber wirklich. Ach ja, ein paar Kilos weniger wären natürlich auch schön. Aber wenn es nicht klappt - egal. Es gibt Schlimmeres.



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insgesamt 3 Beiträge
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Christian Guenter 05.01.2017
1. Gut so
wenn man auf sich selbst hört und ein Körpergefühl entwickelt, ist man schon mal auf der Gewinner Seite. Und dass es immer Besserwisser gibt....geschenkt. 1:59:59 im Halbmarathon : Du schaffst es (wahrscheinlich)
01099 05.01.2017
2.
Was noch viel besser ist: ein Selbstwertgefühl entwickeln, das einem weitestgehend unabhängig von dem macht, was einem andere so zu sagen haben. Und was noch viel toller ist: sich nicht den lieben langen Tag um sich selbst drehen und die narzisstische Nabelschau auf instagram beenden. Viel Spaß beim Ausprobieren!
jufo 06.01.2017
3. wenn man es schafft sich selbst zu mögen
kommt man in der Regel auch sympathisch rüber. Dieser Artikel ist ein gutes Beispiel. von den überflüssigen Kilos habe ich auf den Fotos nichts gesehen
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