Achilles' Verse Der achtsame Achim

Sie wollen uns gesünder, ausgeglichener, seliger machen - Ratgeber und Seminare für Achtsamkeit. Wunderläufer Achim Achilles glaubt aber: Wer rennt, braucht keine Tipps mehr für innere Ausgeglichenheit.

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Neulich hat Mona ein Achtsamkeitsseminar besucht, ein ganzes Wochenende lang. Die Programmpunkte: Zeit für sich, entschleunigen, auf den Körper hören, Detox, entspannen, fokussieren, Natur wahrnehmen, Grenzen erkennen und akzeptieren. Mir war nicht ganz klar, warum meine bezaubernde Gattin so was braucht; schließlich hat sie ja mich. Außerdem klangen die meisten Seminarinhalte ziemlich vertraut. Kann es sein, dass meine sonntägliche Laufrunde durch den Wald eine Art Achtsamkeitsseminar für Eilige ist, effektiv, billig und wirkungsvoll? Schauen wir mal.

Zeit für mich

Eine Stunde offline, niemand nervt, ganz entspannt im freundschaftlichen Dialog mit Körper, Geist und Seele. Einziges Problem: Will ich eigentlich mit mir allein sein? Könnte ich bitte mal ein paar neue Gedanken haben? Warum verfolgt mich der blöde Trump bis in den Wald? Und wieso grübele ich jetzt über die Steuererklärung? Ja, ich komme mir näher. Nein, das habe ich nicht gewollt. Nicht so.

Entschleunigen

Das ist für Läufer eine heikle Sache. Eigentlich wollen wir ja immer das Gegenteil: beschleunigen. Nach einigen Jahren in Laufschuhen inklusive der unvermeidlichen Orthopädenbesuche kapiert aber auch der ehrgeizzerfressene Freizeitathlet, dass Schnellerwerden entweder am Körper, am Talent oder dem Zeitbudget scheitert. Die Lösung: raus aus dem ewigen Hecheln, mit guten Kumpels verabreden, neue Strecken testen, auch mal ein paar Minuten am See stehen und Enten gucken als Vorbereitung auf die nahende Rente.

Auf den Körper hören

Kaum zu vermeiden. Denn der alte Geselle meldet sich vom ersten Moment an. Erst murrt er, dann schnurrt er, manchmal jedenfalls. Zuerst aber teilt sich jede Verspannung mit, die Knie knirschen, Muskeln fühlen sich an, als wäre gestern Ironman gewesen, Organe treten ungebeten an zum Rapport. Lunge, Magen, Herz - alle da und gut zu hören. Da bessert sich die Laune mit jedem Schritt.

Detox

Je nach Vorabendsünden bildet sich beim Morgenlauf nach spätestens einer Viertelstunde unter dem Gaumen ein Pelz, der aus Schimmel, Anthrax und Gülle zu bestehen scheint, so klebrig wie Fensterkitt. Die Poren öffnen sich nicht allmählich, sondern springen auf wie Mikrovulkane und entlassen neben Schweiß allerlei toxische Substanzen ins Freie. Eine Stunde laufen ist wie Schlussverkauf im Teppichparadies - alles muss raus. Geheimtipp: Mit dem Ärmelzipfel einmal unter dem Gaumen langgekratzt - sehr befreiend. Dafür ist der Ärmel Sondermüll.

Entspannen

Jede meiner Zellen ist glücklich. Jede meiner Zellen ist glücklich. Jede meiner... - der Dalai Lama wäre stolz auf mich. Manchmal bewegen sich die Beine sogar automatisch und fast nichts tut weh - mehr Alltagsmeditation geht nicht. Allein die Rhythmusschwankungen beim Herzschlag sorgen für gelegentliche Panik. Kündigt sich da ein Infarkt an? Ach was: Aussetzer sind ein sicheres Zeichen für Entspannung.

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Fokussieren

Die leichteste Übung für Läufer. Denn es sind immer nur drei Fragen, auf die wir uns konzentrieren: Wie weit ist es noch? Wie viele Kalorien habe ich verbrannt? Reichen die erlaufenen Werte, um Menschen auf Facebook ein paar mitleidige Likes abzuringen. Keine schöne, aber eine sehr gerade Zielorientierung.

Natur wahrnehmen

Aber wie. Wir lauschen den Vögeln, genießen die Sonnenstrahlen und umarmen dann und wann einen Baum, damit wir beim Pinkeln nicht umfallen. Sollte nicht zufällig ein schwatzhafter Laufkumpan dabei sein, breitet sich wohltuende Ruhe aus. Achtung: Im Frühlingsrausch verliert man gelegentlich die Orientierung. Nach zwei Stunden Herumirren im Forst reicht es dann auch mit der blöden Natur.

Grenzen erkennen und akzeptieren

Wer, wenn nicht wir? Dabei hilft ein ambitioniertes Intervallprogramm, sagen wir mal: 4x2000 Meter im flotten Lauf. Das klang so einfach im Trainingskalender, doch nach den ersten 300 Metern des ersten Intervalls ändern sich die Pläne. 3x1000 Meter ist auch schon ganz gut. Weitere 200 Meter später bieten wir immerhin noch 2x700 Meter. Na gut, nicht ganz so ambitioniert wie am Anfang, aber immer noch besser als nichts. Grenze, dein Name ist Läufer.

Fazit: Laufen bietet in kompakter und höchst lehrreicher Form ein komplettes Achtsamkeitspaket. Nun muss der Patient noch eine Frage beantworten: Will ich das alles überhaupt wissen, spüren, erfahren? Klare Antwort: Wer das Laufen durchsteht, dem blühen im richtigen Leben weniger unliebsame Überraschungen als ohne Training.



insgesamt 6 Beiträge
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tomquixote 26.04.2017
1. Man kann so etwas auch einfacher machen
Aus eigener Erfahrung kann ich dem Vf. nur raten, sich mal einen Monat Zeit zu nehmen und an jedem dieser Tage so 20 km zu wandern. Die erste Woche wird etwas mühsam sein, die zweite schon weniger und in der dritten und vierten fällt dann der Alltag ab; am Ende der Zeit möchte man vielleicht sogar noch einen Monat dranhängen. Warum ist der uralte Jakobsweg in den letzten dreißig Jahren plötzlich wieder so beliebt geworden (und nicht erst seit Hape)? Eben weil in dieser Zeit auch durch das Internet die geistige Belastung in unserer Zivilisation immens gewachsen ist und viele Menschen das nicht mehr aushalten können. Der Jakobsweg hat zwar einen christlichen Dekor, aber der ist eigentlich nebensächlich. Es geht nur darum, dass man irgendwo steht, mit dem Himmel über sich und dem Weg vor Augen und sich sagt: "Geh los!" Materiell gesehen ist Spanien zwar wegen des Wetters und der guten Infrastruktur sehr zu empfehlen, aber das Erlebnis findet man, bei entsprechender Ausrüstung, auch anderswo. Der Camino francés ist am bekanntesten, aber heute wohl sehr überlaufen, doch es gibt in Spanien reichlich andere Wege und die dazugehörigen Reiseführer kann man sich leicht beschaffen. Ultreia! TD
brunnersohn 26.04.2017
2. Wer Äpfel mit Kartoffeln
vergleicht- zeigt, dass er wenig Ahnung hat. Achtsamkeit geht auch nur für Minuten, für Zwischendurch. Für Atmung, für Gedanken, für Empfindungen. Im Stehen, Gehen oder Liegen. Beim Spülen , im Wartezimmer. Das ist der Vorteil dieser Satipatthana Vipassana Meditationsform - aber man muss sie üben. Wer gerne Laufschuhe und Funktionswäsche trägt soll dies tun, aber bitte nicht gleichzeitig andere, bewährte Methoden zur Geistesberuhigung mit dieser doch sehr eindimensionalen Körperlichkeit des Laufens vergleichen. Warum hatte Buddha wohl einen Bauch?
marcus_tullius 26.04.2017
3. Selten
von einem Menschen gehört oder gelesen, dem man dringender vom Laufen abraten sollte als diesem. Und vom Schreiben.
matimax 26.04.2017
4. Yo, so is'es - der achtsame Lauf-Yogi
Immer wieder stelle ich fest, dass der Autor hinter dem Pseudonym Achim Achilles - oder ist's ein Team von Schreibern? - wohl aus dem wahren Leben erzählt. Zumindest finde ich mich des Öfteren in den Berichten mit meinen eigenen Erfahrungen bestätigt. Klar, den Leser da abholen, wo er ist. Mit authentischen Begebenheiten. Dann bleibt er bis zum Textende dabei. Und klickt auch den nächsten Artikel wieder an. Sich die beschriebenen Situationen einfach nur auszudenken, ist sehr schwierig, wenn keine persönlichen Erlebnisse vorliegen. Für heute hat mein virtueller Halbmarathon-Trainer mit Wohnsitz in der Cloud schon wieder ein Intervalltraining angesetzt. Dabei spüre ich noch einen leichten Muskelkater vom vorgestrigen Mittellangen Lauf. Der übliche Kampf gegen den inneren Schweinehund: shall I go or shall I stay? Immerhin habe ich meinen im Winter abgesackten Running Index nach ein paar Wochen regelmäßiges Hecheln im Seepark von gerade mal guten 38 wieder auf exzellente 50 Punkte erhöht. Ja, ich weiß, da ist noch Luft nach oben! Was die Achtsamkeit anbelangt, so hatte ich kürzlich im Yogakurs bei einer herausfordernden Übung gedankenverloren des Wunderläufers Achim-Achilles' Wahlspruch zum Besten gegeben: "Qualität kommt von Qual!". Nicht nur die Yogalehrerin strafte mich fast beleidigt mit erschrockenem Ausruf und fragendem Blick. Schon seit Langem mahnt sie doch immer wieder ihre Schüler und Innen beim Erlernen der Asanas: "Weniger Ehrgeiz!" Deshalb geht's gleich auch wieder im Sauseschritt in den Park, sogar die Sonne scheint, und das kurz vor neunzehn Uhr. Na ja, erst mal zehn Minuten aufwärmen in den Herzfrequenzzonen eins und zwei - das soll gesünder, ausgeglichener, seliger machen... .
hemithea 27.04.2017
5. Bei mir klappt's
Also bei mir klappt es, v.a. ab 10 km Läufen. Da passiert es oft genug, dass ich zuhause wieder ankomme und so gar nicht weiß, was ich gedacht habe. Ich kann mich nicht erinnern, was ich gehört habe (welche Lieder oder welches Hörbuch). Mein Kopf ist so leer und entspannt: Atmen, Laufen, Gucken läuft alles automatisch ab und ich weiss nicht mal, welche Runde ich gelaufen bin. Ein absolut tolles Gefühl: man fühlt und genießt die körperliche Belastung bei völliger geistiger Entspannung. Da ist es auch völlig irrelevant, wie schnell man war.
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