Achilles' Verse: Die Heilkraft des Hasses

Thierse sei Dank: Das neue Jahr beginnt mit schonungsloser Ehrlichkeit. Ost-Berliner hassen schnieke Schwaben, Schwaben hassen zottelige Kreuzberger, jeder hasst jeden. Hass ist das deutsche Leitgefühl 2013, wie vor allem der Freizeitsport beweist. Auch Achim Achilles macht mal den Jogging-Thierse.

Joggen in der Natur: "Es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung" Zur Großansicht
Corbis

Joggen in der Natur: "Es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung"

Ich hasse frühes Aufstehen am Sonntag. Ich hasse dieses Morgentraining bei Nieselregen. Vor allem hasse ich diese gutgelaunten Armleuchter, die - "Es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung" - mit demonstrativem Frohsinn durch den Wald und mir davon rennen. Bestimmt Spandauer. Oder Potsdamer. Ganz schlimme Leute da. Fast wie Schwaben.

Nur Walker hasse ich noch mehr, wenn sie mit ihren albernen Stöcken herumfuchteln. Fehlt nur noch die Leine, die zwischen den peinlichen Prügeln eine Stolperfalle spannt. Ich hasse Köter. Und ihre Besitzer, die so laut wie folgenlos hinter ihren tumben Kotmaschinen herbrüllen. Am meisten hasse ich Hundeköttel. Manchmal liegen auch Pferdeäpfel im Wald. Die Welt - ein einziger Scheißhaufen. Soweit ist es schon. Geht alles den Bach runter hier; das Leben als einziger Ausnahmezustand.

"Bleib' in deinem Gefühl, spür' ihm nach", sagt meine Therapeutin. Kein Problem. Hass ist meine liebste Freizeitbeschäftigung, vor allem in Kombination mit Sport und Randgruppen. Frauen zum Beispiel. Ich hasse langsame Frauen, die mir vor den Füßen rumeiern. Noch mehr hasse ich schnelle Frauen, die mich überholen. Oder gefühlskalte Frauen, die mich nicht anlachen, trotz meiner optimistischen Ausstrahlung.

Gerade im Sport, wo Freude, Rücksicht und faires Miteinander gepflegt werden, da herrscht - richtig - Hass. Man muss nur den Mut haben, ihn rauszulassen. Da findet sich immer was, zur Not in der eigenen Garderobe. Heute hasse ich mal mein petrolfarbenes Laufhemd. Totaler Fehlkauf, wie alle Modefarben. Schwarz hasse ich auch, weil man jeden Schneuzer drauf sieht. Und Weiß, weil es einfach nur weiß ist. Ich hasse diesen ganzen Mode-Quatsch. Noch mehr hasse ich all die geschmacklos gekleideten Schluffis. Könnten sich doch endlich mal was Modisches gönnen.

Hass ist herrlich, macht das Leben so viel leichter. Wie anstrengend ist dagegen dieser ganze Lama-Klangschalen-Dingdong? Warum soll ich immer alle lieb haben, sogar die Doofen? Nee, nee, nee, so einfach kriegt man meine Sympathie nicht. Eigentlich gar nicht. Denn wer hasst, ist einsam, da oben auf seinem Podest. Und unten alles nur Würmer.

Trainer sind wie Thierse

Mit Hass kann man nichts falsch machen, nicht mal beim Tempolauf. Ich hasse Tempoläufe. Die hat der Trainer aufgeschrieben. Trainer hasse ich ganz besonders, weil sie mich hassen. Sonst würden sie ja keine Tempoläufe verordnen. Trainer sind wie Thierse: aus dem Osten, mit diesem milden Checker-Blick, der sagt, "ihr Wessis habt überhaupt keine Ahnung von Leistung und Disziplin und all diesen Sachen, die den Ost-Sport groß gemacht haben. Ossis hassen die Wessis für ihr Geld".

Aber wer zieht die Brüder und Schwestern denn seit Jahren mit durch? Soll der Thierse mal überlegen, wer ihm seine Ruhestandsbezüge zahlt? Cottbus? Und Sammer erst. Dynamo Dresden? Nur ein einziges Mal "Danke" dafür, dass ihr unsere schöne West-Kohle beim Design-Outlet Hoyerswerda verballert oder für Trainingsanzüge aus Glanzplastik, auf denen "Authentic" steht. Aber nein, statt sich mal unterzuordnen, müssen die sportlichen Herrschaften jeden verfluchten Volkslauf gewinnen, damit der Wessi auch ja nicht die Siegprämie bekommt, meist ein Gurkenglas, manchmal sogar mit Gurken drin, wenn's gerade welche gibt. Muss ich euch eben weiter hassen. Na gut, kein Problem.

Pfützen hasse ich übrigens auch. Weil meine Laufschuhe schon seit einer halben Stunde quatschen. Blöde Laufschuhe. Ich würde schneller und eleganter und besser gelaunt laufen, hatte die Fachkraft im Spezialgeschäft gesagt. Alles Lüge. Wo ist sie denn, die gute Laune? Wen hasse ich nun mehr? Den Fachverkäufer? Oder mich, für meine Blödheit, Reklameversprechen zu glauben?

Endlich überhole ich jemanden, der keine Stöcke schleift. Na toll, bestimmt schon 70 Jahre alt, der Herr. Was hat der hier im Wald verloren? Ich hasse es, wenn andere Leute hier rumrennen. Mein Wald. Ich will eine Würfelqualle sein, die aus 90 Prozent Wasser besteht und ein paar Gewebefetzen. Kein Hirn, keine Nerven, keine Gefühle, nur Tentakeln mit dem giftigsten Gift der Welt. Jeder, der mir begegnet, kriegt, peng, eine Tentakel an den Hals und fällt tot um. Werde ich demnächst im Schwimmbad probieren.

Endlich ist der blöde Lauf vorbei. Ich hasse die Pulsuhr. Zeigt viel zu wenig Kilometer. Ich hasse kurze Läufe. Und lange erst recht. Entweder ist nicht genug Zeit zum Hassen oder viel zu viel, dass man gar nicht mehr weiß, was man noch alles hassen soll. Jetzt erst mal zum Bäcker, ein paar "Wecken" kaufen. Hoffentlich ist Thierse auch da. Der versteht mich wenigstens.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Ich hasse
MickyLaus 08.01.2013
Walker! Nur nicht den Johnny und's Shortbread.
2.
Rina 08.01.2013
Mal wieder ein sehr gelungener Artikel von Achim Achilles mit großem Schmunzelfaktor. Jedem ergeht es irgendwann so. Dem Einen öfter, dem Anderen noch öfter. Menschen, die allerdings nur so durchs Leben gehen, büßen erheblich an Sympathie ein und bekommen dem entsprechendes Feedback von der Umwelt. Daher nicht empfehlenswert. Hass dagegen gepaart mit einem Quäntchen Selbstironie kann zu weitreichenden Erkenntnissen führen. Oder aber auch einfach dazu beitragen, mal seinem Ärger Luft zu machen und befreiter "weiterzulaufen".
3.
kimba2010 08.01.2013
Zitat von sysopCorbisThierse sei Dank: Das neue Jahr beginnt mit schonungsloser Ehrlichkeit. Ost-Berliner hassen schnieke Schwaben, Schwaben hassen zottelige Kreuzberger, jeder hasst jeden. Hass ist das deutsche Leitgefühl 2013, wie vor allem der Freizeitsport beweist. Auch Achim Achilles macht mal den Jogging-Thierse. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/achilles-verse-die-heilkraft-des-hasses-a-876267.html
Deutsche, die sich gegenseitig hassen, aber alles Fremde umarmen. So hätten es manche gerne. Ohne mich.
4. BRAVO Herr Achilles !
aaal 08.01.2013
Sie haben einen Blick fuer das Ganze ! Ich gratuliere ! Im Gegensatz zu Ihrer Kollegin, Frau Burmester, können Sie Ihre Gefühle kontrollieren ! Meinen Respekt ! Eine ueberaus distanzierte Stellungnahme ! Da nimmt es einen schon fast Wunder, dass die Online Redaktion Ihren Beitrag nicht einfach eliminiert ! Erstaunlich ist jedoch, dass man solche tendenziösen Artikel wie diesen http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/silke-burmester-ueber-bayern-und-seine-exporte-a-856020.html dann durchgehen lässt schlägt er doch in die selbe Kerbe, wie die, in die unser Vizepräsident des deutschen Bundestages !!! drischt.
5. Typisch deutsch...
ericdbl 08.01.2013
erscheint mir der beschriebene Charakter. Und vollkommen bar jeder Erkenntnis, was sich ein Mensch auf diese Weise an tut. Aber vielleicht sickert diese Erkenntnis bei dem einen oder anderen Leser durch?
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.