Achilles' Verse Sozialzombies und Sofa-Valium

Wieder keine Zeit fürs Training? Unsinn. Zeit ist genug da. Nur oft falsch verteilt, an Facebook, Fernsehgucken und Sozialzombies. Hobbyläufer Achim Achilles hat eine Liste der lästigsten Zeitdiebe erstellt - und nennt Waffen, die sie verjagen.

Jogger beim Fernsehen: Nicht glotzen, selber machen
Corbis

Jogger beim Fernsehen: Nicht glotzen, selber machen


Hach, es ist ja so viel zu tun. Der Chef erwartet Anwesenheit im Büroknast von morgens neun bis nachmittags um fünf Uhr. Ob gearbeitet wird, ist weniger wichtig. Anwesenheit wird oft mit Effizienz verwechselt. Zum Glück. Mindestens eine Stunde geht ja täglich für E-Mails drauf, dazu noch SMS und, na klar, Twitter. Die Welt muss ja wissen, was mittags bei uns in der Kantine serviert wird. Neulich erst haben mich via Facebook zwei Schulkameraden aus der zweiten Klasse wiedergefunden. Ich konnte mich an ihre Namen nicht mehr erinnern, aber sie waren sehr anhänglich. Stunde um Stunde haben wir von alten Zeiten geschwärmt, an die ich mich eigentlich gar nicht wieder erinnern wollte. Eigentlich wollte ich laufen. Leider keine Zeit. Nostalgie geht vor. Außerdem muss ich jeden Abend mindestens drei Stunden fernsehen, wegen der Information. Manchmal erwache ich um vier Uhr morgens auf dem Sofa, vor lauter Rückenschmerzen.

Dafür kann ich morgens im Büro mitreden. Nur zum Laufen bin ich zu müde. Und Zeit ist auch nicht. Ich schaff's morgens gerade mal bis zum vertrauten Gilb des Raucherraums, insgesamt achtmal am Tag, je drei Minuten, das ist auch schon eine Strecke. Statistiker haben festgestellt, dass der moderne Mensch zwei Jahre seines Lebens mit Schlurfen zum Raucherraum verbringt, drei Jahre mit dem Betrachten von Witta-Pohl-Serien, vier Jahre mit dem Wechsel zur nächstgünstigeren Flatrate und acht Jahre mit dem Ertragen von Blödbratzen, die unablässig schwatzen, ohne irgendwas zu sagen. Wie soll man bei all dem Stress Sport unterkriegen?

Seien wir ehrlich: Es ist höchste Zeit für einen radikalen Frühjahrsputz im Tagesablauf. Der Lohn: Wer sich von Zeitfressern befreit, kann sich vor Trainingsterminen kaum noch retten.

Zeitfresser 1: Fachliteratur

Ob im Postfach, im Briefkasten oder auf dem Apothekentresen - überall gute Ratschläge für das perfekte Training, die ideale Ausrüstung, all die lauernden Gefahren. Dazu Fachbücher von Laufpäpsten, Newsletter und Prospekte mit neuen Klamotten. So viel Information für das Voreinandersetzen zweier Füße in einem Tempo, dass als wohltuend fordernd empfunden wird? Schaffen wir auch ohne 800 Seiten Anleitung. Wer all den Ratgeberkram seinem künftigen besten Freund, dem Papierkorb, übergibt, hat schon eine wöchentliche Trainingseinheit erobert.

Zeitfresser 2: Das Smartphone

Wo war noch diese tolle neue Trainings-App? Und frische Musik wollte ich auch laden. Bosse, Beyoncé oder Heino? Kann mich nicht entscheiden. Mist, wo ist denn das Halfter fürs Smartphone geblieben. Und den Kopfhörer entknoten. Rasch noch mal die Mails checken. Und auf Facebook posten, dass ich jetzt loslaufe. Vor sieben Minuten habe ich "Schuheschnüren" veröffentlicht. Und immer noch kein "Like". Spontandepression. Keiner liebt mich. Lieber noch mal gucken. Oh, Klaus-Heinrich ruft an. Will mir wahrscheinlich sagen, dass er gerade gepostet hat, dass er die Schuhe geschnürt hat. Wir werden uns gegenseitig liken. Vielleicht kann er mir neue Musik mailen. Und die Strecke. Und die neue Lauf-App. Und das Halfter. Huch, schon wieder irre spät.

Geheimtipp: Fast alle Smartphones haben einen Schalter zum Ausknipsen. Und plötzlich entsteht auf wundersame Weise eine ganze Stunde ruhigster Freizeit. Die zweite Trainingseinheit der Woche ist erobert.

Zeitfresser 3: Überkalendert

Der moderne Mensch ist ein unverbesserlicher Optimist. Er überschätzt seine eigene Leistungsfähigkeit und unterschätzt die Dauer von Terminen. Natürlich kann man seine Sporteinheiten auf morgen halb sechs legen, wahlweise auf kurz vor Mitternacht. Die Lebenserfahrung aber entgegnet: Genau diese Termine sind die ersten, die man lieber im Bett verbringt als zwischen Schnapsdrosseln im Park. So entsteht dauernder Stress: Weil mehr im Kalender steht, als der Mensch schaffen kann. Und was wird zuerst geknickt? Na klar: der Bewegungstermin.

Was tun? Radikal jeden zweiten nicht zwingenden Termin knicken. Kalender sind wie Rasen - sie müssen immer mal wieder brutal entlüftet werden. Ist der Shopping-Ausflug am Wochenende lebenswichtig? Kann die Autoreinigung ein paar Tage warten? Die Karre wird eh gleich wieder dreckig. Lieber einmal im Quartal mit guten Freunden essen, als dreimal absagen wegen Turbostress.

Machen wir uns nichts vor: Menschen, die superdiszipliniert einen 16-Stunden-Tag bewältigen, sind entweder Politiker, Medienmurkel oder Investmentbanker, auf jeden Fall Narzissten, die Privatleben als schmerzhaften Mangel an öffentlicher Aufmerksamkeit empfinden und sich deswegen ständig überkalendern.

Wollen wir das?

Nein.

Müssen wir das?

Nein.

Nur zehn Minuten beherzten Streichens, und schwupp ist die dritte Trainingseinheit der Woche gewonnen.

Super, wir haben schon das halbe wöchentliche Trainingsprogramm eines Olympioniken beisammen. Die zweite Hälfte folgt am kommenden Dienstag mit dem zweiten Teil: "Killt die Zeitfresser".

Gegen nervige Alltagssorgen und Wohlstandsbeschwerden: "Bewegt Euch! Die Glücks-Philosophie des Achim Achilles"

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insgesamt 9 Beiträge
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georgius1 12.03.2013
1. "Keine Zeit"
Weder das Universum noch die Natur hat etwas mit "Zeit" am Hut. Nur der Mensch hat sich die "Zeit" geschaffen. Warum ?? Ganz einfach, damit er sie nicht mehr hat, die "Zeit" - *"keine Zeit" !!* Der Mensch wird von der von ihm kuenstlich geschaffenen "Zeit" in jeder Lebenslage einfach ueberfordert. !! Das wiederum macht das Leben des Menschen so schoen endlich. :-) Gruss, George
abersowas 12.03.2013
2.
gott hatt uns doe Zeit gegeben. doch von Eile hat er nichts gesagt
doublebass 12.03.2013
3. momo
vielleicht ist es für den autor (und manch andere auch) zeit mal wieder das buch momo von michael ende zur hand zu nehmen die grauen herren existieren
spon-1245711913406 12.03.2013
4. Zeit ist immer
Ich bin Hoteldirektor mit 6-Tage Woche und ziemlich langen Arbeitszeiten (oft 16 Stunden am Stueck) und finde trotzdem die Zeit um Sport zu machen. OK, Fernsehen interessiert mich nicht und ich stehe halt um 05:00 auf (03:00 wenn ein langer Lauf ansteht). Alles eine Frage der (Slebst)disziplin....
women_1900 13.03.2013
5. schöne Arbeitszeit
... von morgens neun bis nachmittags um fünf... Bei einer 40 Stden. Woche reicht diese Anwesenheitszeit nicht. Mindestens 30 Minuten Pause müsste da noch dazu, in der Regel sinds aber 60 Minuten. Also wäre die AZ von 09:00 - 18:00 Uhr.
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