Mein Lieblingsdialog auf irgendeiner Party beginnt mit einer unbekannten Hand auf meiner altersuntypisch straffen Schulter.
Fremder: "Wow, bist Du nicht dieser Steffny, ääh, Strunz, nee, dingens, Herkules?"
Ich: "Fast..."
Fremder: "Super, dass ich Dich treffe, ich hab' zufällig hier eine Serviette gefunden. Kannst Du mir nicht was Supermotivierendes drauf schreiben, was mich jeden Morgen zum Laufen bewegt? Ich will wieder mehr Sport machen, aber hab meistens keine Lust."
Ich: "Warum lässt Du's dann nicht einfach?"
Fremder: "Naja, ich dachte, also, das soll doch so gesund sein und meine Frau sagt..."
Ich: "Ach, und weil ich jetzt was schreibe wie: 'Jeder ist ein Sieger' oder 'Quäl' Dich, Du Sau!' stehst Du plötzlich jeden Morgen gutgelaunt um halb sechs auf und rennst los?"
Fremder: "Ja, ganz bestimmt. Das ist doch Motivation."
Ich kritzele "Gib alles!", wünsche viel Erfolg und hoffe, dass der arme Kerl eines Tages irgendeinen Sport entdeckt, der ihm einfach nur Spaß macht.
Schon merkwürdig, was der Mensch unter Motivation versteht; offenbar eine geheimnisvolle Kraft von außen, einen Schalter, der Unwillige in Kampfmaschinen verwandelt. Tschakka auf Serviette - und schwupps, macht er freiwillig Stabilisierungsgymnastik und liebt nasse Socken im Eisregen, bevorzugt um 21.32 Uhr.
Die Forschung ist da weiter: Ob Belohnen oder Drohen oder Ermuntern - was immer von außen kommt, wirkt weder stark noch lange. Dass diese extrinsische Motivation nicht hilft, ergab jüngst eine Studie mit bayerischen Schulkindern im Hassfach Mathe. Weder der Kampf um Noten, noch Druck der Eltern, nicht mal übermäßige Intelligenz führten dauerhaft zu guten Leistungen, sondern etwas viel Einfacheres: Spaß an dem, was man treibt.
Was lernt der Freizeitsportler daraus? Ob EKG, die Peitsche der Gattin oder die Waage der Geliebten - nichts verschafft nachhaltig Energie fürs Aufraffen. Nein, Spaß muss her, Freude, Erfüllung, schlicht weg Bock auf das, was man tut. Wer sich auf nette Leute freut, auf frische Luft und eine Stunde offline, der motiviert sich selbst, der findet immer Zeit. Wer lieber auf dem Sofa liegt, hat seinen Spaßsport noch nicht gefunden. Oder ist vielleicht gar kein Bewegungstyp. Soll es ja geben. Auch gut.
Hier eine Auswahl der schlechtesten Motivationstipps aller Zeiten, die wir in Zukunft gelassen überlesen dürfen:
Spruch 1: You can win if you want
Verfechter: Modern Talking, Carsten Maschmeyer, Barack Obama.
Idee: Jeder kann es schaffen.
Realität: Ich nicht.
Motto: Lebe Deinen Traum.
Verfechter: Angela Merkel, Homer Simpson, Pur.
Idee: Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.
Realität: Die blöde Welt will einfach nicht gehorchen.
Spruch 2: Träume Dein Leben.
Verfechter: Peer Steinbrück, Sylvie van der Vaart, Harald Glööckler.
Idee: Realität einfach ausblenden, Realität einfach ausblenden, Realität...
Realität: blendet sich immer wieder ein.
Spruch 3: Niemals aufgeben.
Verfechter; Lothar Matthäus, Lance Armstrong, Sarah Knappig.
Idee: Ich bin super, aber die Drecksäcke da draußen wollen mich fertig machen.
Realität: Die Drecksäcke machen mich fertig.
Spruch 4: Rituale schaffen.
Verfechter: Triathlet Timo Bracht, Papst, grüßende Murmeltiere.
Idee: Stoisches Wiederholen führt zu neuen Gewohnheiten.
Realität: Stoisches Wiederholen ist saulangweilig.
Spruch 5: Überliste Dich selbst.
Verfechter: Neujahrs-Presse.
Idee: Wer mit Laufschuhen ins Bett steigt, muss sich morgens nicht mehr bücken.
Realität: getrockneter Hundekot im Bett.
Spruch 6: Schreibe alle Deine faulen Ausreden auf.
Verfechter: Lebenshilfe-Literatur
Idee: Ausflüchte lesen, verächtlich schnauben, losrennen.
Realität: Konnte leider nicht los, weil ich so lange an der Liste saß.
Spruch 7: Melde Dich für einen Wettbewerb an.
Verfechter: Achim Achilles
Idee: Scheiterpanik treibt zum Training.
Realität: Die Online-Anmeldung für den Marathon hat nicht funktioniert. Dann eben Preisskat.
Spruch 8: Suche Dir einen Sportpartner.
Verfechter: Single-Börsen.
Idee: Der Partner wird mich schon antreiben.
Realität: Jeder wartet auf den anderen.
Spruch 9: Belohne Dich.
Verfechter: Walker.
Idee: Für jeden Kilometer eine Salami-Pizza mit Bockwurst-Rand.
Realität: Das Bonus-Prinzip ist schon bei der Finanzkrise gescheitert.
Mehr überflüssige, aber auch funktionierende Motivationstipps gibt es auf achim-achilles.de.
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