Schon zwei Wochen gute Vorsätze. Was hatte ich mir noch gleich Supergesundes vorgenommen? Bierverzicht war diesmal nicht mit dabei, oder? Aber irgendwas mit Wettkampfgewicht. Mitte Januar ereilt mich jedes Jahr eine partielle Amnesie. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, was da war am 1. Januar.
Gehe ich mal in die Sauna. Bei knapp hundert Grad werden ja viele gute Vorsätze auf einmal erledigt. Man verliert Gewicht, sofern man hinterher nicht nachfüllt und ein paar Tage den bernsteinfarbenen Urin übersieht, was übrigens, das nur nebenbei, eines der wenigen guten Argumente fürs Sitzpinkeln ist. In der Sauna kann man überdies nicht essen oder trinken und neue Menschen lernt man auch kennen. Und was für welche. Hier eine kleine Typologie der Saunabesucher (Berlins).
Karl, der Krauler
Offenbar ein FKK-Anhänger mit Schwerpunkt Exhibitionismus. Sitzt - sehen und gesehen werden - stets breitbeinig im Türfensterbereich und lässt sein üppiges Gemächt über die Holzkante baumeln. Natürlich will das niemand sehen. Die Hähnchen in der Supermarktkühlung sind allemal schärfer. Aber diese verdammten Reflexe wollen einfach gucken, vor allem, wenn Karl sein Gebimsel sorgfältig neu ordnet. Natürlich vorher noch mal alles mit wohligem Grunzen durchkratzen. Das Schabegeräusch klingt wie Kiesharken und verfolgt mich bis in den Schlaf. Nein, nein, nein, ich werde nicht hinschauen, wenn er an seinen Fingernägeln riecht.
Julia, der Yogi
Sitzt ganz oben, wo es am heißesten ist, die Augen geschlossen, die Beine im perfekten Lotus, den Blick gen Poona gerichtet. Lässt sich weder von Hand- noch Holzschabern irritieren. Etwas mager. Bestimmt spechtet sie durch die geschlossenen Lider, weil sie Blickkontakt mit mir aufnehmen will. Aber so einfach lass ich mich nicht anbaggern.
Profi-Paule
Fährt mit Rollkoffer vor. Packt acht Sorten Hautkratzbesteck aus, jedes im transparenten Reißverschlusstäschchen. Halfter mit Aufguss-Essenzen der Geschmacksrichtungen Brathering, Tuttifrutti-Duftbaum und noch ekliger, dazu Waschlappen, Luffa, Drahtschwamm und Schnauzbartschutzüberzug. Schwitzt schon beim Reinkommen, wahrscheinlich mit Abc-Salbe vorgeglüht. Streber. Braucht Ewigkeiten, sein braungeschecktes Handtuch mit Aufschrift "Sauna" auszubreiten. Ob der einen Themenhandtuchschrank zu Hause hat, mit "Wanne", "Dusche", "Strand"? Paule hat die hölzerne Kopfunterlage vergessen, noch mal alles von vorn. Dreht zwei Sanduhren um, wegen der Pünktlichkeitskontrollüberprüfung. GEZ-Charakter. Schrubbt ebenso schweigend wie hektisch einmal das Besteck an sich durch. Es spritzt. Bekommt man Legionellen durch Tröpfcheninfektion? Und dann kommt auch noch das Peeling.
Wilma, die Wertstofftonne
Klimpert mit eineinhalb Kilogramm Edelmetall, wenn sie sich drei Sekunden vor dem Aufguss gut gelaunt neben mich fallen lässt. Leider kann man ihre Piercings dank Leibesfülle nicht sehen, nur hören. Schon praktisch, wenn man den Handtuchhalter immer dabei hat. Als Nachbarin ein Pfunds-Girl, weil die großflächige Bemalung Gesprächsstoff satt bietet. "Schöner Stacheldraht", sage ich. "Is'n Delfin", sagt sie. Tattoo-Raten, mal ganz was Neues. Ist es eigentlich Tierquälerei, wenn die Viecher mit den Jahren und Kilos immer länger und dünner werden? Ich stehe ja mehr auf Textmotive, Romaneinstiege, was von Joyce vielleicht; hat man was zu lesen, wenn das Gespräch stockt - so wie jetzt. Als untätowiertes, heterosexuelles Ding fühle ich mich bisweilen etwas einsam in Berlin. Vielleicht sollte ich mich auch langsam in einen Bauernschrank verwandeln lassen. Oder zum Einstieg doch erst mal was Knappes, für Insider, einfach nur: "3:59h". Aber wohin?
Der lustige Lutz
Dröhnendes "Moinsen", dann das übliche "Stückmalnrück", gefolgt vom Klassiker: "Warm hier. Mach ma einer det Fenster auf!" Dann Weihnachtsrestwitzrestverwertung: "Sagt die eine Blondine: 'Dies Jahr fällt Heiligabend auf'n Freitag. Sagt die andere: 'Hoffentlich kein Dreizehnter.'" Echt, Monsterbrüller. Und physikalisch auch interessant, wie schnell Eiszapfen von der Decke einer vollgestopften Sauna wachsen können.
Ich geh dann mal lieber. Sieben Minuten sind auch schon ganz schön viel.
Noch besser als Sauna: Bewegt euch. Die Glücksphilosophie des Achim Achilles.
Wer Achim Achilles einmal live erleben will: Der Wunderläufer liest heute, am 15. Januar, abends in Hannover; 20:30 Lehmanns Media, Georgstr. 10.
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