Entsorgung alter Laufschuhe Meine Lieblinge und ich

Wunderläufer Achim Achilles liebt seine Mona. Doch manchmal zwingt sie ihn zu Trennungsgelüsten. Wie sonst sollte er reagieren, als sie heimlich seine geliebten, nur etwas alten Laufschuhe entsorgt?

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Achilles-Klassiker
    In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

    Dieser Text erschien bei SPIEGEL ONLINE ursprünglich im Jahr 2005.

In einer guten Ehe muss man sich einmal pro Quartal trennen wollen. Hat man länger als, sagen wir, fünf Monate nicht über Scheidung nachgedacht, hat sich garantiert eine Ehekrise eingeschlichen. Mona macht es mir leicht, einmal wöchentlich den Laufpass herbei zu beschwören. Denn sie ignoriert fundamentale Regeln. Sie tankt nie, sondern lässt mir immer die leer gefahrene Karre stehen. Haare im Abfluss - auch meine Sache. Und Mona hat viele Haare.

Vergangene Woche hat sie es jedoch übertrieben. Aus Rache wollte ich sie an einer Raststätte aussetzen, einfach so. Sie hätte schon zurück nach Hause gefunden. Aber womöglich hätte sie dann irgendein Dreckskerl aufgelesen. Und sie wäre mitgefahren. Wie schrecklich. Meine Mona. Einfach weg! Also sind wir doch gemeinsam in die Outlet-Mall gefahren, wo es wirklich günstige Sportsachen gibt.

Was war geschehen?

Mein bezauberndes Biest von Gattin hatte in einem frühherbstlichen Aufräumwahn meine besten Laufschuhe einfach weggeworfen. Zugegeben, sie waren etwas speckig. Aber die Sohle war noch halbwegs in Ordnung, die meisten Nähte waren nicht mal ganz aufgerissen. Und die einstige Farbe, ich glaube, es war Senf oder so ein zarter Leberwurst-Ton, war auch noch gut zu erkennen. Die Innensohle bestand aus drei Stücken, was man aber kaum merkte, weil diese mit der Untersohle eine chemische Verbindung eingegangen waren, die wohl was mit menschlicher Abwärme zu tun haben musste.

Jedenfalls rochen sie praktisch nicht. Ich habe sie ein Dutzend Mal in der Waschmaschine gehabt. Einmal mit Monas Unterwäsche, der guten. Dafür hätte sie mich nicht an der Raststätte ausgesetzt, sondern gleich mit meiner kompletten Sammlung von "Runner's World"-Heften um den Hals von einer Autobahnbrücke geschubst, wenn ich nicht rechtzeitig zu einem langen Lauf gestartet wäre.

An diesen Schuhen hängt ein Läuferleben

Es dauert ewig, bis Schuhe diese Patina haben. Mann muss sie sich erarbeiten, Schritt für Schritt, Pfütze für Pfütze, Fußschweißschwall für Fußschweißschwall. Solche Schuhe kann man nicht einfach wegwerfen, die werden doch heute gar nicht mehr gebaut. Das ist wie mit dem Mercedes TE 220, Jahrgang 95. So eine Klasse-Auto bekommt man heute nicht mehr.

An diesen Schuhen hängt ein Läuferleben: Mein erster Marathon. Meine Bänderdehnung. Die gazellengleiche Flucht vor dem Drecksköter. Das Tom-Petty-Konzert. Ungezählte Durch- und Regenfälle. Bestimmt habe ich Mona sogar in den Schuhen geknutscht. Diese Treter erzählen von all den Aufs und Abs, den Schnells und Nochschnellers, dem harten nie enden wollenden Asphalt, den der einsame Läufer mit Gleichmut nimmt.

Was wissen Frauen schon von uns rennenden Cowboys? Sie mutmaßen allenfalls, dass ein Läufer seine Schuhe mehr liebt als seine Frau. Stimmt ja auch. Nur platonischer.

Aus dem Klofenster beobachtet

Mona also ging mit meinen Fußfreunden ungefähr so um wie mit einer Nebenbuhlerin: Sie trat sie in die Tonne, ganz tief. Sie hatte nur nicht damit gerechnet, dass ich sie dabei beobachtet hatte, aus unserem kleinen Klofenster, das zum Hof weist. Während ich also das "Hinsetzen"-Mantra standhaft ignorierte, spähte ich hinaus zum Fenster und sah, wie meine Frau um die Mülltonnen schlich, sich stets verschlagen umblickend.

Sie weiß nicht, dass man die Tonnen von oben sehen kann, weil sie nie im Stehen pinkelt. Womit bewiesen wäre, dass Stehpinkler klüger sind, weil sie Informationsvorsprünge haben.

Ich beobachtete, wie sie mit einem Gummihandschuh etwas Senffarbenes aus einer Tüte zerrte und tief in die Mülltonne stopfte. Ich erkannte meine Lieblingsschuhe sofort, auch wenn ich sie länger nicht mehr getragen hatte. Heute kam die Müllabfuhr, Mona hatte ihr Attentat auf meine Läuferseele akribisch geplant.

"Na, suchen Se Ihre Unschuld?"

Fröhlich pfeifend kam sie die Treppe hinauf, drang in mein Arbeitszimmer ein und fragte mit energieriegel-süßem Lächeln: "Soll ich dir einen Kaffee machen, Schatz?". Ich entgegnete: "Aber gern, Liebes, ich muss nur rasch runter, eine Zeitung holen." Draußen auf der Straße hörte ich den Müllwagen rumpeln. Ich hetzte die Stufen hinab. Es muss bizarr ausgesehen haben, als ich halb in der Mülltonne verschwunden war. Der alte Meier krächzte von seinem Kissen aus dem Fenster: "Na, suchen Se Ihre Unschuld?", während die Müllmänner in den Hof stampften.

"Noch nicht gefrühstückt?", fragte der dickere. "Äh, also, mir ist da was reingefallen", stammelte ich. Natürlich standen alle Nachbarn hinter ihren Gardinen und glotzten. Außer Mona, die kochte vorne Kaffee. "Solln wa die Tonne hier lassen? Dann könnse gründlich kucken", fragte der Dünnere. "Nicht so wichtig", sagte ich und klaubte mir einen gebrauchten Teebeutel vom Ärmel. Die Tonne mit meinen Lieblingen rumpelte davon. Ich hob die Hand zum letzten Gruß.

Ich werde Euch vermissen, meine beiden Freunde.



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