Achilles' Verse: Lieber Gott, lass es Blumenerde sein!

Eine Trägheitsdepression hat Wunderläufer Achim Achilles befallen. Seine Verletzung kettet ihn ans Seniorenfahrrad im Fitnessstudio, allenfalls ein kurzer Ausflug in den Pool ist erlaubt. Doch was er da sieht, vertreibt seine schlechte Laune nicht - im Gegenteil.

Fernsehen auf dem Hometrainer: Auch das ist Sport - nicht aber für Achim AchillesZur Großansicht
DPA

Fernsehen auf dem Hometrainer: Auch das ist Sport - nicht aber für Achim Achilles

Hildegard ist meine neue Liebschaft. Jeden Morgen um kurz vor halb acht klettert sie in ihrem Frottee-Anzug auf das Ergometer links neben mir, grüßt mit einem sehnsüchtigen Blick auf meine ehemals straffen Schenkel und starrt fortan aufs Frühstücksfernsehen. Drucklos tritt sie zwölf Minuten lang 23 Watt auf Stufe eins - kein wesentlicher Beitrag, weder zur Energiewende noch zur körperlichen Ertüchtigung. Eher gefühlter Sport mit einem Pulsanstieg knapp unter der QVC-Schnäppchenschwelle. Ablasshandel nach den Vorgaben der Apotheken-Umschau.

Ich tue so, als ob ich rackere. Eine Art physische Beichte: alles nicht so gemeint, aber mit großem Ernst vorgeführt. Ich rackere als Einziger, schon deswegen, um Hildegard zu beeindrucken. Aber ihre Sehschwäche verhindert den Blick auf mein Display. Schweiß rinnt aus meinen Poren, was in geschlossenen Räumen mit Teppichboden leicht ins Eklige spielt. Hildegard schnuppert interessiert: Was mag diese Flüssigkeit sein? Leidet der relativ junge Mann neben ihr an einer spannenden neuen Form der Inkontinenz?

Ich trete rein, als wollte ich das Liegefahrrad bestrafen, seit drei Wochen jeden Tag. Wenn man den rechten Arm weder durchstrecken noch aufstützen noch erschüttern darf, reduziert sich die Zahl der Trainingsvarianten auf Kraulbeinschlag, Sitzergometer und Botoxen. Seit vier Tagen versuche ich Stepper, ein stumpfes Gerät, das selbst Amöben in den Hospitalismus treiben würden. Ich spüre, wie das bisschen Form, das ich mal hatte, stündlich meinen Körper verlässt. Ich bin ein schlapper Luftballon, die Restspannung besteht aus Gift und Galle.

"Der Blick in die eigene Zukunft ist grausam"

Schlechte Laune, deine Wurzel ist Sportverbot. Bisher habe ich nur die Kinder angebrüllt. Aber Hildegard ist auch bald dran. Und ihre unseligen Schwestern, die bewegungslos im Pool dümpeln. Lieber Gott, lass es Blumenerde sein, was ich da bisweilen treiben sehe, wenn ich mit Flossenantrieb meine Bahnen abschleiche und Zeit genug für Unterwasserstudien habe.

Seit meinem leider nicht ganz gestandenen Salto inklusive Rad, der mein Schlüsselbein in vier Teile zerlegte, bin ich an die Seniorentagesstätte namens Fitnessstudio gefesselt. Links strampelt Hildegard, rechts keucht Elisabeth, die immer schon da ist, weil sie wahrscheinlich gar nicht mehr nach Hause geht. Statt Waschen gibt's ja den Pool. Und alle paar Minuten schauen Horste oder Karlheinze vorbei in Feinripp, Karosocken und balzender Absicht. Wie man sich die Tage zwischen den Kreuzfahrten halt so vertreibt, mit Standfahrradstreicheln und Pilates-Kurs und stundenlangem Austausch von Beschwerden. Noch zehn Jahre, dann bin ich auch so. Der Blick in die eigene Zukunft ist grausam. Spontanes Requiem für Gunter Sachs.

Mona sagt, ich möge mich doch bitte täglich mindestens zwei Stunden auf dem Ergometer austoben, damit auch andere Menschen in den Genuss meiner schlechten Laune kommen. Ich leide an Trägheitsdepression wie ein stolzer Tiger, der bei Variationen von Blattsalaten in ein Abgeordnetenbüro gesperrt worden ist. Das Leben ist sinnlos ohne Bewegen, ohne nennenswerte Frischluft und natürlich ohne den "Lauf der Sympathie" zwischen Falkensee und Spandau am vergangenen Wochenende, zehn sehr großzügig gemessene Kilometer, die zum Saisonauftakt gleich eine Spitzenzeit möglich machen.

Charakterlich sind wir Sportsfreunde ja meistens einwandfrei, dennoch hat es mich mit Freude erfüllt, als ich hörte, dass die Athleten von sibirischem Gegenwind zurückgeworfen wurden. Mir gefällt auch das tägliche Schneetreiben, das sich hoffentlich so lange hinzieht, bis ich wieder raus darf, also Mai. Bis dahin werde ich Hildegards Rollator leihen und mich im radgestützten Walken versuchen.

Die beste Motivation gegen Trägheitsdepression: "Bewegt Euch! Die Glücks-Philosophie des Achim Achilles".

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 5 Beiträge
vhe 19.03.2013
Sorry, aber schlechte Laune hab ich nur bei Wellness-Verbot. Ach ja, und wenn ich Sport machen muss.
Zitat von Achim AchillesSchlechte Laune, deine Wurzel ist Sportverbot.
Sorry, aber schlechte Laune hab ich nur bei Wellness-Verbot. Ach ja, und wenn ich Sport machen muss.
butch82 19.03.2013
Bevor jemand behauptet ich hätte was gegen ältere Mitmenschen die im Rahmen ihrer Möglichkeiten Sport treiben: Nein, finde ich eigentlich gut so. Vorallem im Alter. Wer rastet der rostet. Aber ich mußte bei diesem Artikel [...]
Zitat von sysopEine Trägheitsdepression hat Wunderläufer Achim Achilles befallen. Seine Verletzung kettet ihn ans Seniorenfahrrad im Fitnessstudio, allenfalls ein kurzer Ausflug in den Pool ist erlaubt. Doch was er da sieht, vertreibt seine schlechte Laune nicht - im Gegenteil. Achilles' Verse: Fitnessstudios machen Achim schlechte Laune - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/achilles-verse-fitnessstudios-machen-achim-schlechte-laune-a-889669.html)
Bevor jemand behauptet ich hätte was gegen ältere Mitmenschen die im Rahmen ihrer Möglichkeiten Sport treiben: Nein, finde ich eigentlich gut so. Vorallem im Alter. Wer rastet der rostet. Aber ich mußte bei diesem Artikel schon ein bißchen schmunzeln, weil er mich an meine eigene Zwangszeit im Fitnessstudio erinnerte. Ich konnte nach einer Knieverletzung auch nur auf dem Ergometer meinen Sportdrang ausleben. Als dann nach ca. 1,5 Std. ein Schweißsee unter dem Ergometer stand bat mich eine Angestellte des Fitnessstudios, ich solle das bitte aufwischen dass niemand ausrutscht. Ist natürlich verständlich. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass ich irgendwie die Hausordung mißachtet hätte. Davon abgesehen gab es auch genug jüngere Leute die eigentlich nur ihre neuen Sportklamotten spazieren trugen oder eher zum Plausch gekommen waren. Bestes Erlebnis: Ich sitze triefend auf dem Ergometer. Neben mir zwei Männer max. 45 Jahre alt. Der eine zum Anderen: " Du Heinz ich hör jetzt auf sonst fange ich noch an zu schwitzen:"
Wer, wie der Autor Achilles, eine schonungsbedürftige Verletzung hat, aber trotzdem seinen Bewegungsdrang nicht kontrollieren kann, der hat offensichtlich ein psychisches Problem. Die Menschen in seiner Umgebung, und das schließt [...]
Wer, wie der Autor Achilles, eine schonungsbedürftige Verletzung hat, aber trotzdem seinen Bewegungsdrang nicht kontrollieren kann, der hat offensichtlich ein psychisches Problem. Die Menschen in seiner Umgebung, und das schließt SPON ausdrücklich mit ein, sind aufgefordert, ihm zu helfen. Diese Hilfe besteht aber ganz sicher nicht darin, den Kranken durch das Bieten von Veröffentlichungsmöglichkeiten in seinem selbstschädigenden Tun zu bestärken. Hier ist Verantwortung gefragt, nicht selbstsüchtiger Vorteil auf Kosten anderer!
cm1 19.03.2013
Jaja, mit einer Schlùsselbeinfraktur sollte man mindestens ein halbes Jahr das Bett hüten. Dekonditionierung ist ja in Deutschland sehr verbreitet. Warum soll man sich úberhaupt bewegen? Wozu gibt es schliesslich Autos, [...]
Jaja, mit einer Schlùsselbeinfraktur sollte man mindestens ein halbes Jahr das Bett hüten. Dekonditionierung ist ja in Deutschland sehr verbreitet. Warum soll man sich úberhaupt bewegen? Wozu gibt es schliesslich Autos, Rolltreppen und Aufzùge?
doubletrouble2 20.03.2013
...entweihen Orte der elitären Askese durch ihre ambitionslose Anwesenheit. Herrn "Achilles" rate ich folgendes: 1) Krafttraining nach der " Superslow-Methode" mit den noch beweglichen Körperpartien. Das ist [...]
...entweihen Orte der elitären Askese durch ihre ambitionslose Anwesenheit. Herrn "Achilles" rate ich folgendes: 1) Krafttraining nach der " Superslow-Methode" mit den noch beweglichen Körperpartien. Das ist kontrolliert , absolut erschütterungsfrei und verhindert Kraftverlust. 2) Übergangshalber hochintensives Kurzzeit-Intervalltraining ( sog. H.I.I.T.)mit kleinen Schwimmflossen in Rückenlage . Das erhält die maximale Sauerstoffkapazität so einigermaßen und dauert nicht länger als 12-20 Minuten. 3) Ausgedehnte Märsche 1-2x pro Woche über 10-20 Km in hügeligem Gelände. Dann ist er weit weg von allem. Irgendwann ist alles verheilt und er kann wieder ein Aufbautraining für Läufer durchführen. Alles kein Problem und viel Erfolg.
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
alles aus der Rubrik Ernährung & Fitness
alles zum Thema Achilles' Verse

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Dienstag, 19.03.2013 – 13:31 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare
Buchtipp

Zur Person
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.





TOP



TOP