Achilles' Verse Fitnessstudios sind wie Dating-Apps

Früher erinnerten die Besucher von Fitnessstudios an Masthühnchen mit Bizeps, heute gehören sie zum Mainstream. Trotzdem ist eins geblieben: die Fleischbeschau. Anna Achilles hat sich in einen der Selbstvermarktungstempel gewagt.

So sieht's gut aus, lächeln nicht vergessen: Und was machen die anderen so?
Corbis

So sieht's gut aus, lächeln nicht vergessen: Und was machen die anderen so?


Kein Wunder, dass in Berlin alle Single sind. Für einen Partner fehlt einfach die Zeit. Statt an der Beziehung zu arbeiten, optimiert man lieber den eigenen Körper. Tagsüber im Büro rackern, abends im Fitnessstudio den Muskeln frönen. Fitnesswahn statt Kuscheldates. Aber mal ehrlich: Wo sonst gibt's so viele gutaussehende Menschen auf einem Fleck?

Fitnessstudios sind wie Dating-Apps: oberflächlich, aufs Äußerliche fixiert und leider ein bisschen geil.

Als Kind waren die meisten meiner Freunde in einem Sportverein. Nur aufgepumpte Vollpfosten gingen in die Muckibude. Jetzt bin ich Ende 20 und fast alle sind Mitglied im Fitnessstudio - selbst Freunde mit Bildungshintergrund. Dank Billigketten gibt's die Mitgliedschaft zu Dumpingpreisen von rund 20 Euro im Monat. Fitness kann sich jeder leisten. Das ist die gute Nachricht.

Meine Freundin Lena hat mich überredet, sie in ihren Fitnesstempel zum Probetraining zu begleiten. Sei abwechslungsreicher als immer nur joggen, findet sie. Und gut für mein Knie, das beim Laufen schmerzt.

Mehr Wellness-Oase als Muckibude

Vor fünf Jahren war ich das letzte Mal in diesem Studio. Damals gab es nur alte Kraftmaschinen, ein paar Ausdauergeräte und für den Spind musste man sein eigenes Schloss mitbringen. Alles wirkte kalt und ungemütlich. Jetzt ist das Studio komplett umgebaut. Es sieht aus wie eine Wellness-Oase, die Einrichtung ist modern und es gibt sogar Yoga-Kurse.

Früher erinnerten Fitnessstudiobesucher an Masthühnchen mit Bizeps. Jetzt finden auch Menschen ohne Tätowierung den Weg hierher. Fitnessstudios gehören zum Mainstream.

Wichtigste Regel: Die Performance muss stimmen. Fleischbeschau gehört zum Alltag genauso wie Selbstvermarktung. Die Trainingsgeräte sind so aufgestellt, dass man immer jemanden begaffen kann. Gleich neben den Kraftgeräten befindet sich der Catwalk. So nennen hier alle den Weg, der vom Eingang zur Umkleide führt. Jeder, der hier langgeht, ist dem kritischen Blick der gewichtestemmenden Meute ausgesetzt.

Gerade stolziert ein Mädchen an mir vorbei, das den Begriff Sportoutfit völlig neu definiert: Sie trägt ein weißes Top mit schwarzem Spitzen-BH darunter. Die Kriterien sind einfach: heiß oder nicht heiß. Funktioniert wie bei Tinder. Nur dass ich das Mädchen nicht wegwischen kann.

Klar, hier geht's um Selbstdarstellung. Aber auch um Gesundheit. Immer mehr Menschen wollen fit sein. Einige Unternehmen haben hausinterne Fitnessstudios. Wer häufig da ist, bekommt Schuhe geschenkt. In Mexiko-Stadt hat die Stadtverwaltung eine Kampagne gestartet: Weil viele Menschen zu dick sind, bekommen die U-Bahn-Fahrgäste ein Gratisticket, wenn sie dafür zehn Kniebeugen machen.

Der Druck der Öffentlichkeit treibt an

Ja, man könnte sich fragen: Warum laufe ich nicht an der frischen Luft? Oder: Warum stehen vor dem Fitnessstudio so viele Autos? Oder: Warum baut man sich zu Hause sein Fitnessstudio mit Massagerolle und Thera-Band nicht selbst auf? Ganz einfach: Die Motivation im Fitnessstudio ist viel größer. Hier sieht man nicht nur die stählernen Körper der anderen. Sondern man wird gesehen. Der Druck der Öffentlichkeit treibt an.

Außerdem kann man im Fitnessstudio neue Menschen kennenlernen. Spinning-Trainerin Claudia mag ich besonders gern. Sie hat eine Top-Figur, ein bezauberndes Lächeln und existiert nur virtuell. Cybertraining heißt der Fitnesskurs. Auf einer riesengroßen LCD-Leinwand strampelt Claudia und sagt uns, was wir tun sollen: schneller treten, Widerstand erhöhen, im Stehen radeln. Ich dachte immer, Spinning sei einfach nur Radfahren. Aber dank Claudia wird das Pedale-Treten zu einer Choreografie. Im Rhythmus zur Musik stehen wir auf, treten, setzen uns wieder, treten weiter - eine Stunde lang.

Claudia ist die makelloseste Trainerin, die ich je hatte. Ihr Dekolleté ist gerade so tief, dass man nur erahnen kann, wie es unter ihrem T-Shirt weitergeht. Ihre langen braunen Haare sind zu einem akkurat sitzenden Pferdeschwanz gebunden. Nur ihre Ohren stehen ganz leicht ab. Aber selbst das sieht gut aus bei ihr. Als ich schon komplett durchgeschwitzt bin, hat Claudia noch nicht mal einen Mini-Schweißfleck unter den Achseln.

Auch wenn sie gar nicht existiert, sie findet immer die richtigen Worte für mich: Alle 30 Sekunden wechselt sie ab zwischen "Du hast es gleich geschafft" und "Du machst das super". Claudia ist perfekt. Jetzt weiß ich, wieso in Berlin alle Single sind. Als Mann hätte ich mich schon längst in Claudia verliebt.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Crom 04.02.2015
1.
Deswegen trainiere ich lieber daheim.
koem 04.02.2015
2. kennelernen
von Menschen in Fitnesscentern, womöglich sogar vom anderen Geschlecht ist geradezu ausgeschlossen. Gerade in den unter20Euro Fitnesscentern wird quasi nonverbale Glotzkommunikation betrieben. Wenn ich hier eine Frau anspreche guckt das ganze Fitnesscenter zu... Und umgekehrt kann ich die Frauen nur zu gut verstehen, dass keine Lust hat, womöglich auch noch angesprochen zu werden. Das Gegaffe ist streckenweise kaum zu ertragen... Aber Sport macht geil und schön... ;-)
HerrH. 04.02.2015
3. Ich mache was falsch
Ich habe "leider" noch nie jemanden im Studio kennen gelernt. Wahrhaft schlechte Ausbeute für diese Datingapp. Und dabei gehe ich seit 10 Jahren hin. Aber ich gehöre auch zu der Fraktion die ins Studio gebt um zu powerdn, zu schwitzen und sich selbst zu quälen. Aber diese ganzen 16-24 Jahre alten Weiber ins Hautengen Tops und Hotpants die net mal den Hintern bedecken und 2 Stunden auf dem Stepper eigentlich nur stehen um so ganze 30 Kalorien zu verbrauchen um ja nicht zu schwitzen so wie die Typen die permanent posieren gibt es na klar auch zur Genüge.
1zmir 04.02.2015
4.
Ich scheine wohl noch in der heilen Welt zu leben, in der die meisten Studiobesucher nicht heiß oder durchtrainiert sind, sondern genau das sind, was sie nicht mehr sein wollen - nämlich untrainiert zu sein. Sicherlich, einige Durchtrainierte sind dabei, aber die kann man an zwei Händen abzählen ...
petz64 04.02.2015
5. Wer braucht solche Beiträge ?
"Aber mal ehrlich: Wo sonst gibt's so viele gutaussehende Menschen auf einem Fleck? " - in jeder Stadt, die größer ist als Berlin, logischerweise nicht in kleineren Städten. Und dann der Kontrast "vor fünf Jahren" und heute - ich wette, daß es ÜBERALL auch vor Jahren schon moderne Studios gab. "Fleischbeschau gehört dazu" - Wirklich ?? I'm dazzled ! Und so geht das immer weiter - SPON: das braucht es nicht, glaubt mir.
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