Achilles' Verse Früher war mehr Dreisprung

2018 findet die Leichtathletik-EM in Berlin statt. Eine gute Gelegenheit, mal wieder echte Vorbilder live zu sehen, findet Achim Achilles.

US-Dreispringer Christian Taylor
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US-Dreispringer Christian Taylor


Zur Person
  • Frank Johannes
    Achim Achilles, Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt.

Der Steinzeitmensch brauchte drei Fähigkeiten, um zu überleben: Erstens Springen, um an die reifen Früchte zu gelangen, zweitens Werfen, um den Speer auf ein wildes Tier oder den Feind zu schleudern und drittens Rennen, falls der Wurf missriet. Springen, Werfen, Laufen - das ist der edel-archaische Dreikampf, dem bis heute bei den Bundesjugendspielen gehuldigt wird. Tartanbahn, Rasen und Sandgrube sind die Schule der Nation, auch wenn die Kleinen heute in Ballerinas und mit Handtasche sprinten, die Kopfhörer beim Weitsprung vor die Augen rutschen und beim Werfen schon mal das Smartphone statt des Schlagballs fliegt.

Koordination ist ja auch Glückssache. Lassen sich die Kinder heute überhaupt noch für Leichtathletik begeistern? Wir waren ja früher sehr verliebt in Ulrike Meyfarth, während der Nachwuchs heute nur noch Fußballer kennt.

Im kommenden Jahr lädt Berlin zur Leichtathletik-Europameisterschaft, was diese Woche mit einer selbstironischen Feierstunde in einem Kino mit dem passenden Namen "Zoo-Palast" angekündigt wurde. Berlinale-Flair mit rotem Teppich und zahllosen Fotografen, im Publikum Leichtathletik-Giganten wie Frank Zander, Cherno Jobatey und Arthur Abraham.

Boris Becker war auch da, hüftlädiert humpelnd zwar, aber immerhin hat er der Leichtathletik den Hechtsprung geschenkt. Der Auflauf war allerdings unbegründet; es wurde nur der Imagetrailer "Urban Records" gezeigt, gerade mal 110 Sekunden lang. Immerhin nicht so langatmig wie Toni Erdmann.

Die einzigen, halbwegs präsentablen Vorbilder

Man hört die Meckerer schon: viel zu teuer. Berlin kann ja nicht mal Flughafen, geschweige denn Olympia. Und überhaupt: Sind pharmasatte Superhumanoide ein Anreiz für Normalmenschen, sich ein wenig mehr zu bewegen? Oder ist so ein Wettkampf nicht mehr als ein TV-Laufsteg für Sportartikel?

Schon richtig. Man kann viel Gehässiges über die Leichtathletik sagen und vieles stimmt sogar. Früher war mehr Dreisprung in der Sportschau. Kann gut sein, dass die Kinder nicht mal vom Display aufschauen, wenn Robert Harting seinen letzten wilden Diskus durchs Olympiastadion feuert, was, mal nebenbei, für jeden Sport taugt, außer Fußball. Sollte man's also lassen mit den Sportgroßveranstaltungen? Was ist die Alternative? Kein Profisport mehr? Europa- und Weltmeisterschaften den Diktatoren überlassen?

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Achim Achilles:
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Niemals. Wenn der Sport halbwegs präsentable Vorbilder hat, dann sind es die Leichtathleten, junge Menschen, die ihr halbes Leben lang damit verbracht haben, den Stoß einer Kugel zu perfektionieren, das Treffen eines viel zu schmalen Balkens, das Winden des Körpers um eine nervös schwingende Latte, und dies meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Detailversessenheit, Ausdauer, Leidensfähigkeit und das für ein paar lausige Euronen von der Sporthilfe - wenn das keine Vorbilder sind. Wenn nur ein Kind Lust auf Springen, Werfen, Rennen bekommt, weil der Sportlehrer seine Klasse zu den Vorkämpfen ins Stadion bugsiert, wenn nur ein Jugendlicher kapiert, dass für den einen perfekten Lauf deutlich mehr harte Arbeit vonnöten ist als für Doofmanns-Rap oder YouTube-Jux, dann hat so eine Leichtathletik-EM zumindest ein Ziel erreicht. Und wo wäre die Atmosphäre idealer als in Berlin. Wir können zwar keinen Flughafen, aber dafür Sommermärchen umso besser.



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