Achilles' Verse: Mit Drehwurm und Besen beim Hammerwurf

Hammerwerfen: Medaillenhoffnung Betty Heidler Fotos
DPA

Wie haben sich Deutschlands Olympioniken auf die Spiele in London vorbereitet? Freizeitsportler Achim Achilles hat mit fünf Athleten trainiert, gelitten, gelacht. Folge 3: Weltrekordlerin Betty Heidler gibt mit einem Besen Nachhilfe im Hammerwerfen.

Ein Besen? "Genau", sagt Betty Heidler. "Erst mal die Bewegung üben." Ich muss das Reinigungsgerät mit durchgestreckten Armen vor mir halten, beide Hände am Stiel wie bei einem Lichtschwert. "Jetzt drehen", befiehlt Deutschlands beste Hammerwerferin, "und pro Drehung nur einmal mit dem freien Fuß auf den Boden." Kinderspiel. Erste Drehung nahezu perfekt, zweite schon wackeliger, bei der dritten größere Koordinationsprobleme. Diagnose: Drehwurm. Alles schwankt. "Völlig normal", sagt Betty Heidler, "das haben alle."

Wir üben im hessischen Werferzentrum. Die Marzahnerin Heidler ist vor zehn Jahren nach Frankfurt gezogen, weil dort die besten Bedingungen für ihren exotischen Sport herrschen. Sie ist freigestellte Polizeiobermeisterin und studiert Jura. Vielleicht Deutschlands erste Kommissarin mit Kugel statt Knarre als Dienstwaffe.

Die Sportanlage zwischen Kleingärten sieht aus wie eine Waffenkammer für Gladiatoren: Diskus, Speer, Kugeln und eben Hämmer in allen Größen; der Rasen zerpflügt wie ein Truppenübungsplatz. Eine Laube hätte es fast mal erwischt.

Wie war das noch mal? Eierei am Anfang

So, und jetzt her mit der Kugel am Stahldraht. "Erst die Scheibe", sagt meine Trainerin. Ich muss eine Hantelscheibe beidhändig aus der Drehung möglichst Richtung Rasen schleudern. Was bei der Hammerwerferin spielerisch aussieht, gerät bei mir zur Eierei. Anfänger dürfen froh sein, wenn sie selbst und Umstehende nicht zu Schaden kommen.

Hammerwerfen der Frauen ist seit dem Jahr 2000 olympisch, Betty Heidler die deutsche Pionierin. Sie war Weltmeisterin 2007, aber nur Neunte ein Jahr später in Peking. Die ruhige freundliche Athletin hält mit 79,42 Metern den Weltrekord, neigt vor großem Publikum jedoch zum Nervenflattern. In London will sie darüber hinweg: Gold mit einem Wurf über 80 Meter - das wär's.

Technisch ist Betty Heidler Weltspitze. Was im Fernsehen leicht aussieht, ist eine komplexe Folge von Arm- und Beinkoordination, die gegen die Fliehkraft eines halben Pkws arbeitet. "Als ob man eine Tür zuknallt", erklärt Betty Heidler: der Werfer ist die feste Achse, der Hammer die Klinke, die zum optimalen Moment im optimalen Bogen mit mehr als 100 km/h abfliegt. Das bis zu Dreifache der Erdanziehungskraft zerrt an den Werfern. Und in drei Sekunden ist alles vorbei.

Der perfekte Wurf: Das Leben fokussiert auf drei Sekunden

Betty Heidler gehört zu jener Sorte Menschen, die ihr ganzes Leben auf diese drei Sekunden fokussieren können, auf den perfekten Wurf, auf jene Millimeter, die die linke Hüfte weiter vorn stehen oder das rechte Bein gestreckt bleiben muss. Was wie Muskelsport aussieht, ist in Wirklichkeit höchste Konzentration, Kontemplation, Koordination im Bemühen, die Naturgesetze miteinander zu versöhnen. Jeder der täglich 50 Würfe wird in ein Buch eingetragen. Betty Heidler schleudert jeden Tag 200 Kilogramm Stahl, im Jahr sind das fünf Tonnen.

Endlich ist es soweit: Ich bekomme meinen ersten Hammer, nur vier Kilo statt der für Männer üblichen fünf. Zunächst drei Schwünge über den Kopf wie ein Lasso, um Fahrt aufzunehmen, dann in die Drehung, dreimal möglichst präzise wie mit dem Besenstiel und im letzten Moment weg mit dem Ding. Schwindel wie nach drei Sturzbier. Immerhin ist der Eisenball aus dem Käfig bis auf den Rasen geflogen. Anfänger wie ich konzentrieren sich nur auf die Arme, die die zerrende Kugel mit Gewalt loswerden wollen. Ganz falsch. Die Beine beschleunigen, die Arme halten nur. Der Athlet als Kreisel.

Nach fünf Versuchen bin ich erledigt; der Schwindel will nicht mehr aus dem Kopf. Betty Heidler ist eine nette Frau: Sie lobt mich. Dann wirft sie auch noch mal, ganz locker über 60 Meter weit. Mein bester Wurf landete bei elf Metern.


Das "ZDF-Morgenmagazin" zeigt das gemeinsame Training am Mittwoch, 8. August. Betty Heidler tritt am Mittwochmorgen in der Qualifikation an und am Freitag möglicherweise im Finale.

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1. nix Titel
AverageXY 08.08.2012
Bei 25 Trainingstagen im Jahr dürfte es wohl nix werden mit dem Olympiasieg. Es dürften wohl eher an die 50 Tonnen sein (250 Trainingstage).
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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