Achilles' Verse: Nur noch 17 Minuten bis Joschka

Grüner Dauerläufer: Joschka Fischer im Jahr 2002 beim Joggen im Freiburger Mooswald Zur Großansicht
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Grüner Dauerläufer: Joschka Fischer im Jahr 2002 beim Joggen im Freiburger Mooswald

Als Wunderläufer Achim Achilles noch ein junger Journalist ist, lernt er Joschka Fischer kennen. Die Beziehung zum 15 Jahre älteren, sportfanatischen Politiker soll schon bald einen Knacks bekommen - ein gemeinsames Lauferlebnis traumatisiert Achilles nachhaltig. Doch der Tag der Rache wird kommen.

Ein Wintermorgen in Bonn 1997. Ein mageres Männchen vollführt in seinem engen Apartment eine merkwürdige Übung. Der Körper vollführt die Wellenbewegung eines Delfinschwimmers. Nach 70 Wellen springt er stolz auf. Er wird herumerzählen, dass er 70 Liegestütze am Stück schafft. Damals kannte ich das Wort "Fremdschämen" noch nicht. Wer hätte gedacht, dass ich eines Tages den unbändigen Willen entwickeln würde, diesen darstellenden Freizeit-Athleten beim Marathon zu putzen.

An die Wand hat er ein Foto von George Foreman gepinnt, der trotz leichten Hüftschwabbels seinen jungen Herausforderer Michael Moore K.o. schlägt. Der Boxer ist 48. So wie das Männchen. "Tja, wir alten Knacker", sagt er und macht 40 Sit-ups am Stück, sogar halbwegs ordentlich. Joschka Fischer in der Blüte seiner Jahre. Er spürt mit jeder Faser die süße Droge Fitness, er fühlt sich stark, voller Reserven. Er hat die härteste Trennung seines Lebens hinter sich und das Auswärtige Amt im Blick.

Jeden Morgen, wenn die künftige Ex-Hauptstadt noch schläft, rennt er durch die Rheinauen. Vor einem halben Jahr hatte er die Kapuze noch tief ins Gesicht gezogen, wenn er an der leichten Steigung am Abgeordnetenhaus japsend ins Spaziergangstempo zurückfiel. Das Herz raste, das Gesicht war puterrot, der mächtige Grüne ein Elendsberg. Keiner sollte ihn erkennen. Jetzt rennt er ohne Mütze. Alle die Gehetzten und Gemästeten sollen ihn sehen, wie er die Steigung hinaufsprintet. Wieder daheim schnipselt er drei Äpfel und vier Trockenpflaumen über eine Handvoll Cornflakes.

Fischers "Toskana-Diät": Abends isst er meterweise Weißbrot

Tagsüber vertilgt er Berge von Äpfeln, Weintrauben und Kiwis, erst abends gehorcht er dem Körper, der nach Kohlenhydraten giert. Dann isst er meterweise Weißbrot, das er zwischen den Fingern zu Kügelchen dreht, bis es grau ist. Fisch mit Gemüse oder eine spärlich belegte Pizza gönnt er sich erst, wenn er zuvor im Fitness-Studio Eisen gestemmt hat.

"Toskana-Diät" nennt Fischer die rabiate Methode, die ihn von einem fast 30 Kilogramm schweren Fleischmantel befreit. Von ehemals 110 Kilogramm Fischer sind 83 geblieben. Neulich, berichtet der Sportsüchtige dampfend vor Stolz, habe er sich vor dem Spiegel gedreht und erstmals als "zu mager" empfunden.

Als junger Spiegel-Reporter dufte ich Fischer damals öfter mal beim Laufen begleiten. Der künftige Außenminister brauchte Zuhörer, er übte schon mal große Oper. Er war Fischer, ich die Uno-Vollversammlung, Mission: Welt retten. Ich gähnte verhalten, wie man das bei Unos so macht. Fischers Redestrom und das Plätschern des Rheins hatten was Meditatives. Fischer war verlottert in Bonn, jetzt war die Zeit des Renovierens.

Maßlos asketisch, maßlos fitnesssüchtig, maßlos anfällig für Kitsch

Der einstige Häuserkämpfer wollte zunächst nicht wahrhaben, wie der Bonner Alltag ihn schleichend verformte. 1983, als er als "austrainierter Taxifahrer" in den Bundestag einzog, hatte er noch über die "Alkoholikerversammlung" gegrient. Dreizehn Jahre später gehörte er selbst dazu und musste "jeden Morgen den Dunst vertreiben", der über seinem Kopfkissen stand. Dass ihn seine engste Umgebung gehetzt, selbstherrlich und fett fand, nahm er nicht wahr. Er nannte Kanzler Kohl "drei Zentner fleischgewordene Vergangenheit", obschon er davon selbst nicht mehr allzu weit entfernt war.

Da schlug ihm ohne Vorwarnung "dieser riesige Stein auf den Kopf". Nach dreizehn Jahren kündigte ihm seine um siebzehn Jahre jüngere Gattin Claudia die Ehe. Fischer, von sich grenzenlos überzeugt, war plötzlich verlassen, verletzt, verzweifelt. Die private Katastrophe brachte auch den Politiker ins Schlingern. Es gab zwei Möglichkeiten: Er könnte sich vor Selbstmitleid um den Verstand saufen. Oder aber Revolution, diesmal gegen die Übermacht der Bonner Gewohnheiten. Also hat er seine Obsessionen neu geordnet. Er ist maßlos wie früher, nur eben maßlos asketisch, maßlos fitnesssüchtig und maßlos anfällig für Kitsch.

Denn um die Krise zu bewältigen, besann sich der Metzgersohn, der als Schüler wilde Radrennen fuhr, auf jene einfachen, ehrlichen und unkomplizierten Dinge, die ihm schon früher viel bedeuteten: Muskeln fürs Ego, Muße zum Grübeln, Musik für die Seele.

Gemeinsame Läufe: Fischer sprach mit gnadenloser Offenheit

Joschka Fischer ist neben Reiner "Iron-Calli" Calmund der begnadetste Sportdarsteller der Republik. Sein langer Lauf zu sich selbst, die Marathons in Hamburg im Wahljahr 1998, in New York 1999 und Berlin 2000 schufen den modernen Beat, der den Start der rot-grünen Regierung unterlegte.

Als Journalist verfolgte ich die Verwandlung des Herrn F. nicht ohne Amüsement. Ich hatte Familie, Beruf und kaum noch Zeit für den Sport. Hier und da ein Läufchen, ein kurzer Morgen im Freibad, eine seltene Ausfahrt mit dem Rad. Der Triumph beim Grünwalder Triathlon war sechs Jahre alt. Eines Tages würde ich noch mal angreifen. Nur jetzt gerade nicht. Für eine Runde Laufen mit dem dicken Fischer reichte es aber allemal.

Ein paar Mal trottete ich ergeben neben ihm her. Ich war 15 Jahre jünger, fühlte mich als Vertreter des Nachrichtenmagazins ebenso bedeutend wie unsicher und wunderte mich über die gnadenlose Offenheit, mit der hier ein Politiker über seine Schwächen sprach. Ich hatte durchaus Respekt für seinen Beruf und reichlich Spottfreude für einen, der Durchschnittsleistungen in gewaltige Heldentaten umdeutete.

Achim Achilles: "So wie er wollte ich nie werden"

So rätselhaft würde ich mich bestimmt nicht verhalten, erreichte ich überhaupt je dieses biblische Alter. Warum hatte er eine Beziehung gerockt? Wieso brauchte er für jede Trockenpflaume Publikum? Was richtet die Politik mit Menschen an? Und warum wollte dieser Spinner jeden Tag laufen, laufen, laufen? So wollte ich nie werden. Vor allem nicht so wettbewerbsgeil.

Als wir in Hamburg einst Laufen waren, kurz vor der Bundestagswahl 1998, die ihn zum Vizekanzler befördern würde, da zog er am Elbberg plötzlich davon, einfach so, ohne Ansage, obwohl ich immer schneller gewesen war. Geduldig hatte ich jedes Mal auf ihn gewartet, auch wenn er bei der geringsten Steigung ins Schnaufen kam und gehen musste. So gehört sich das im Freizeitsport. Aber Fischer war kein Sportsfreund, sondern ein Einzelkämpfer. Ich dachte, er wolle ein wenig spielen. Doch nach wenigen Minuten sah ich nur noch einen dünnen schwarzen Punkt am Horizont. Natürlich erzählte er überall herum, dass er mich platt gemacht habe. Tolles Wettrennen, wenn nur einer weiß, dass es stattfindet. Politiker halt.

Für einen Sieg muss man halt Opfer bringen, zur Not alle und alles. Abgesehen von der Demütigung, abgehängt worden zu sein, habe ich Fischer diesen Egotrip nie verziehen. Seinen Marathon ist er dann in 3:43h gelaufen. Noch 17 Minuten. Eines Tages ist es soweit, Herr Fischer. Die Sache musste geklärt werden.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Bewegt Euch. Die Glück-Philosophie des Achim Achilles" von Hajo Schumacher, Verlag Ludwig, 324 Seiten, 19,90 Euro. Erhältlich ab sofort im Spiegel-Shop.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Vorstellung verfleiht Flügel
liberator_ 06.11.2012
Mein Tip fürs brechen aller persönlichen Rekorde beim Marathon: Einfach vorstellen man wird von Joschka Fischer verfolgt - das verleiht Flügel ! Alternativ geht das auch mit Jürgen Trittin oder Claudia Roth.
2. Alternativ?
noalk 06.11.2012
Zitat von liberator_Mein Tip fürs brechen aller persönlichen Rekorde beim Marathon: Einfach vorstellen man wird von Joschka Fischer verfolgt - das verleiht Flügel ! Alternativ geht das auch mit Jürgen Trittin oder Claudia Roth.
Ich denke, das ist sogar die bessere "Alternative". Und dann noch Renate K. dazu - fertig ist das Höllentrio.
3. Quartalsrenner
ogniflow 06.11.2012
Sportfanatiker sind wohl andere. Immer wenn er aussah wie die Wildecker Herzbuben ist er ein wenig rumgejoggt. Jetzt sieht er ja auch aus wie Buddha, liegt wohl am guten Essen bei den Aufsichtsratssitzungen.
4. Josef Fischer
dabinichjetzt 06.11.2012
war noch nie eine Zeile wert. Warum also gerade jetzt?
5.
drak 06.11.2012
Interessante Internetseite von Herrn Achiles, besonders der Flohmarkt spricht Bände............
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.