Achilles' Verse Kopfkino eines zahlenfixierten Läufers

Zehn Kilometer unter 45 Minuten: eine neue Bestzeit, die zu knacken sein muss! Beim Schlösserlauf in Potsdam ist Wunderläufer Achim Achilles jeder Psychotrick recht, um sein Ziel zu erreichen. Das Minutenprotokoll offenbart, was sich dabei in seinem Hirn abspielt.

Halbmarathon (Berlin 2013): Nicht auf Zahlen fixieren - es geht doch um den Lauf!
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Halbmarathon (Berlin 2013): Nicht auf Zahlen fixieren - es geht doch um den Lauf!


Leistungssportler, die ihre Karriere beenden, verwandeln sich oft zurück in richtige Menschen. Der Körperfettanteil wächst, die Trainingszeit reduziert sich von mehrmals täglich auf manchmal wöchentlich. Endlich muss das Bier nicht mehr heimlich getrunken werden.

Bei Freizeitsportlern ist es umgekehrt. Nach vier Jahrzehnten Lotterleben entwickeln gerade Läufer und Radfahrer psychische Verhaltensauffälligkeiten und neigen zur sozialen Verwahrlosung. "Mutti, Mutti, wer ist der stinkende Mann im Flur?" fragen die Kinder, Party-Einladungen bleiben aus, RTL II plant das Reality-Format "Läufer sucht Gespräch."

Besonders peinlich ist die egomanische Leistungsgeilheit. Zielzeiten, die sich der Profi nicht mal im Training erlauben würde, verwandeln den Amateur in einen Zombie: Für Marathon unter vier Stunden, den Halben unter 1:45 Stunden und zehn Kilometer unter 60, 50, 45, 40 Minuten verlassen Hobbyläufer ihre Familien. Und die sind froh darüber.

Was genau im Hirn eines sabbernden Hobbyläufers passiert, der sich auf die Jagd nach einer neuen Bestzeit begibt, schildert das Minutenprotokoll des Achim Achilles vom Schlösserlauf in Potsdam.

Acht Minuten vor dem Start:

Magen, Blase und Wade drücken um die Wette. Zum vierten Mal aufs Dixi. Diesmal nicht die Startnummer reinfallen lassen. Der doppelte Guarana-Koffein-Shot verträgt sich nicht mit dem Energy-Gel. Dafür waren die Kompressionsstrümpfe eine gute Wahl. Bei Regen werden sie schwer und liefern eine gute Ausrede. Ich fühle mich super. Heute klappt es wieder nicht. Alles tut weh. Heute mache ich alle platt. Ich will nicht.

30 Sekunden vor dem Start:

"Final Countdown". Immer wieder dieser Schweine-Rock. Um mich herum gute Laune. Die verstellen sich doch. Mir ist speiübel. Mist, Uhr vergessen. Das neue Ding kapiere ich nicht. Oben links zweimal drücken, dann unten rechts, dann... - noch mal von vorn. Startschuss. Uhr drücken, laufen, Brechreiz ignorieren. Panik. Attacke. Panacke.

Kilometer eins, 4:28,4 min

Startgetümmel vorbei. Zeitlich voll im Plan. Wer unter 45 Minuten bleiben will, sollte jeden Kilometer unter 4:30 absolvieren. Eine Kopfrechenaufgabe, die auch mit Vakuum im Hirn zu schaffen ist.

Kilometer zwei, 4:22,9 min

Puuh. Ganz schön fix. Noch fünfmal diese Strecke. Schaff ich nie. Die Frau mit den krummen Beinen, an der ich mich festsaugen wollte, ist leider entschwunden. Nehme ich eben den Methusalem da vorn. Ich kann nicht mehr.

Kilometer drei, 4:31,3 min

Ich gucke alle vier Sekunden auf die Uhr - sicheres Zeichen von Schwäche. Opas Windschatten rettet mich. Von Schlössern ist beim Schlösserlauf nicht viel zu sehen, dafür Mietshausruinen. Paläste, Hütten - oh, wunderlicher Osten.

Kilometer vier, 4:47,3 min

Läufer kennen das Phänomen der selektiven Wahrnehmung. Zeigt die Uhr ein schnelleres Tempo, glaubt man's sofort. Langsamere Zwischenzeiten weisen dagegen auf einen Messfehler hin. Oder habe ich vielleicht doch getrödelt? Opa ist schuld. Ich habe Minus auf dem Zeitkonto, auch wenn sich die Beine ganz anders anfühlen.

Kilometer fünf, 4:35,6 min

War ja klar. Kaum verlasse ich Opas Windschatten, geht es bergauf. Pulshämmern in den Ohren. Hurra, Hecken. Das erste Schloss. Letzte Kraft. Ich könnte ins Gebüsch, aber das kostet 20 Sekunden. Und was ist, wenn Blut tröpfelt?

Kilometer sechs, 4:37,7 min

Die Sekunden tropfen zäh wie Sauce Hollandaise. Sabbern ersetzt Atmen. Beton im Bein. Und Zoff im Kopf:

Tempo erhöhen, los jetzt!

Ich kann nicht mehr.

Doch, Du kannst!

Nein, kann ich nicht.

Was sollen die Zuschauer denken?

Welche Zuschauer? Das sind Frühtrinker da auf der Parkbank, die jubeln nicht, die lachen sich kaputt.

Quatsch nicht, renn! Denk an die magische 45-Minuten-Schwelle.

Ich scheiß auf magisch.

Du hast es Dir doch immer so gewünscht.

Jetzt aber nicht mehr.

Halt endlich die Klappe. Wer noch Widerworte geben kann, quält sich nicht richtig.

Kilometer sieben, 4:35,7 min

Ich quäle mich richtig. Infarktzone. "Ab Kilometer sechs zeigt sich dein Charakter", sagt Lauftrainer Piet Koennicke. Was sich wie Tempoverschärfung anfühlt ist in Wirklichkeit gerade mal Kontinuität. Blutleere im Hirn, stumpfes Wiederholen meines Mantras: "Ich würgte einst die Klapperschlangen bis ihre Klapper schlapper klangen."

Kilometer acht, 4:30,0 min

Leicht bergab. Große Schritte. Gewicht rollen lassen. Erste Überholopfer. Neue Strategie. Die blöden Kilometer vier bis sieben einfach vergessen und alle Kraft ins Finale. Aber: Wo fängt der Endspurt an? 300 Meter reichen mir eigentlich. Heldenhaft nehme ich mir den letzten Kilometer vor.

Kilometer neun, 4:29,6 min

Verdammt, verdammt, verdammt. Warum kann ich auf den vorletzten beiden Kilometern superkonstant eine 4:30 rennen, aber vorher nicht? Opa ist schuld. Die Steigung. Potsdam. Entscheidende Frage: Kann ich auf den letzten Metern gut machen, was ich zuvor vertrödelt habe? Jetzt visualisieren, sagen die Sportpsychologen. Ich versuche, mir einen Gepard vorzustellen. Aber ich sehe immer nur einen Waschbär kopfüber im Mülleimer.

Kilometer zehn, 4:09,3 min

Da, das letzte Kilometerschild am Straßenrand. Eigentlich wollte ich jetzt den Endspurt beginnen. Kein Leichtsinn. Lieber warten. Nur noch ein paar Meter. Plötzlich rennt der Trödelopa vorbei. Nichts da. Du kannst den ganzen Tag trainieren, weil ich artig meine Beiträge in die Rentenkasse zahle. Und zum Dank auch noch überholen? Wie ein Waschbär auf Epo jage ich dem Senior im gestreckten Galopp nach. Zwei Kurven, Finale im Stadion. Ich sterbe, aber kein Schwein guckt. Immerhin Opa geplättet. Ha!

Natürlich fehlen sieben verdammte Sekunden. Mir völlig egal. Diese Zahlenfixiertheit geht mir schon lange auf die Nerven. Ein schöner Lauf war's. Das allein zählt doch.

Trainingspläne für 5 km, 10 km, Halbmarathon, Marathon gibt es auf Achim-Achilles.de

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
ocmone 04.06.2013
1. optional
Einfach herrlich geschrieben - auch als Nichtläufer musste ich schmunzeln :-)
Besserwisser12345 04.06.2013
2. Laufen als exakte Wissenschaft
Es fehlen nur noch die Pseudo-Rechnungen, um aus 18.09 nach 4 km sich irgendwie die 44:58 Minuten als Zielzeit schön zu rechnen: 6x die 4:28 reichen doch! Am besten dann alle 500m noch genauer schätzen...
holle61 04.06.2013
3. war auch dabei
Hallo Achim, wir froh dich am Start gesehen zu haben trotz Doof -Wetter, war mein erster 10 km lauf mit Stöcken ...ja ich weiß aber meine Frau ist die 10 km mit dir gelaufen und kam hinter dir ins Ziel, und das mit Training seit wir im Januar auf deine kolummne gestoßen sind! wir bleiben dabei!
Hirdoban 04.06.2013
4.
Lieber Achim, irgendetwas machst Du falsch. :-) Als ehemalige Couchkartoffel habe ich mich von 01:03:19 h im Jahr 2004 auf mittlerweile 00:42:42 h über 10 km verbessert und laufe konstant über unter 45 Min. in der Altersklasse M55. Ich biete Dir ein Spezialtraining bei uns im Lauftreff an. Bitte aber daran denken: Alkohol ganz gestrichen und Süßes nur ab und zu. :D Liebe Grüße Ein Fan Deiner Kolumne
spon-1191163385162 04.06.2013
5.
Ich schmunzele und klatsche wie immer herzhaft Applaus - eine routnierte Läuferin, die jedoch leider sogar die 50 min nicht knackt :-) lauft doch winkend an mir vorbei, auch wenn es sein kann, dass ich vor lauter auf die Uhr / auf meinen persönlichen Pacemaker Starren vor mir nichts sehe :-))
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