Achilles' Verse Laufend zur Selbstliebe

Das Laufen ist wie eine Langzeitbeziehung, weiß Anna Achilles. Irgendwann kennt man den anderen. Nichts ist neu und aufregend. Aber man schätzt sich. Denn man weiß, dass auf den anderen Verlass ist.

Glückliche Läuferin
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Glückliche Läuferin


ZUR PERSON
  • Christine Scholz
    Jahrgang 1987 und Nichte von Achim Achilles. Für den Wunderläufer stellt sie aber keine Konkurrenz dar: Anna ist notorisch trainingsfaul und mindestens so untalentiert wie ihr Onkel. Sie lebt in München und macht zurzeit ein Volontariat beim Bayerischen Rundfunk.
  • Anna auf Facebook

Übers Laufen kann man viel sagen. Dass es langweilig ist, anstrengend und einseitig. Mag alles stimmen. Laufen wäre von Beruf eher Fließbandarbeiter als Rockstar. Aber das schwitzende Dahingetrotte hat auch sein Gutes: Es ist spontan und unkompliziert. Man kann allein laufen, zu zweit, in der Gruppe, bei Schneefall, bei Hitze, in den Morgenstunden, nachts, im kühlen Wald, auf Asphalt - laufen geht immer. Wenn eine Sportart zuverlässig ist, dann das Laufen.

Laufen ist nicht der aufregende Discoaufriss, sondern die solide Langzeitbeziehung. Jemand, der für einen da ist. Gerade, wenn es stressig ist. Ohne Sport würden in meinem Kopf Gehirnwindungen durchknallen. Ich wäre unausstehlich.

Laufen macht mich glücklich. Es ist nicht dieses überdrehte Schmetterlinge-im-Bauch-Kribbeln - dafür kennen das Laufen und ich uns zu lange. Wir haben gute wie schlechte Zeiten durchlebt: eine freudige 10-Kilometer-Bestzeit, ein menstruierendes Halbmarathon-Debakel. Jeder weiß, dass die Gefühle im Laufe der Zeit nachlassen. Wichtiger ist, dass man zufrieden ist. Und das bin ich nach jedem Lauf. Laufen macht mich ausgeglichen.

Wie eine transpirierende Schnecke

Man hat oft wahnsinnig viel zu tun. Bei mir zerfließen gerade die Zeiten zwischen arbeiten, schlafen, essen. Das Erste, was man dann einspart, ist Sport. Ein Fehler. Denn die Folgen spüre ich sofort. Ich schaue in den Spiegel und sehe nicht mich, sondern eine aufgequollene, breitere Erscheinung meiner selbst. Je länger ich nicht laufe, umso größer wird meine Unzufriedenheit mit mir. Überall finde ich Makel. Meine Nase: zu groß, mein Bauch: zu wabbelig.

Bis ich mich endlich wieder aufraffe und in meine Laufschuhe schlüpfe. Der erste Lauf nach langer Zeit kostet Überwindung. Ich schäme mich. Ich fühle mich wie eine transpirierende Schnecke. Aber wenn das geschafft ist, purzeln Endorphine durch meinen Körper, und ich frage mich: Wie konnte ich eigentlich nicht laufen?

Ich bin weder talentiert noch besonders schnell. Aber das Laufen ist wie ein guter Freund, der mich immer wieder daran erinnert, wer ich bin und mir sagt: Hey, du bist toll. Das ist wie Gratis-Therapie.

Es ist ja so: Erst wurde uns von Frauenzeitschriften, den Medien, der Werbung jahrelang eingeredet, wie wir auszusehen hätten. Als Folge waren wir permanent damit beschäftigt, unzufrieden zu sein mit unseren Körpern. Weil er zu dick, zu dünn, zu kurvig, zu androgyn, zu blass, zu sonst irgendwas war.

Neuerdings gibt es diese Bewegung "Body Positivity", körperpositive Menschen, die sagen, wir sollen uns akzeptieren, wie wir sind. Die Botschaft: Jeder ist schön. Liebe dich selbst.

"Ich sehe heute aber wieder attraktiv aus"

Ich finde das genauso anstrengend. Schon wieder muss ich darüber nachdenken, was mein Körper ist, was er nicht ist und warum er trotzdem okay ist. Selbstliebe - wie soll das überhaupt gehen? Überall lese ich, man soll sich selbst mehr loben. Oder sich vor einen Spiegel stellen und sagen: "Ich sehe heute aber wieder attraktiv aus." Ja genau. Sie können ja mal probieren, ob das funktioniert. Sinnvollere Tätigkeiten wären vermutlich, Werbeplakate von Litfaßsäulen reißen, Heidi Klum eine Portion Pommes ins Gesicht reiben oder Marathon laufen.

Selbstliebe wird man wohl nicht durch den schnellen Klick im Internet erreichen. Man muss sich schon selbst fragen, was macht mich eigentlich glücklich? Was hilft mir, zufrieden zu sein mit mir? Und das ist auch keine Frage, die man nur einmal in seinem Leben beantwortet.

Mir hilft das Laufen. Aber ob das zwischen uns die große Liebe ist? Ich weiß es nicht. Ich sehe andere Läufer, die sind so viel besser, talentierter, laufen Marathon in fernen Ländern.

Und ich? Manchmal hasse ich das Laufen. Manchmal habe ich überhaupt keine Lust. Das ist auch okay. Aber ich weiß am Ende: Ich kann mich aufs Laufen verlassen. Wenn ich unzufrieden bin, dann gehe ich einfach raus. Wenn ich wiederkomme, gucke ich in den Spiegel und denke: Ach passt doch. Und meine das auch so.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
1bc 15.06.2017
1. Recht hat sie
Vielen Dank. Und lesen Sie Ihren eigenen Beitrag ab und zu mal wieder. Vor allem, wenn es Ihnen mal nicht so gut geht. Es wird immer wieder. Das ist mein Wunsch fuer Sie.
antandre 15.06.2017
2.
Die Botschaft "so musst du sein, ansonsten stimmt was nicht" aus den Zeitschriften von früher (wie die heute sind, weiß ich nicht, aber ich wette, das ist noch genauso. Sonst kauft frau ja weniger.) unterscheiden sich aber sehr von der Botschaft, sich zu akzeptieren, wie man ist, und sich selbst zu lieben. (Solche Leute entdecken eher, was sie alles nicht kaufen müssen, um sich glücklich zu fühlen.) WENN es ehrlich gemeint ist und nicht nur bedeutet "du erreichst es sowieso nicht, attraktiv zu werden, also lass es und akzeptiere dich lieber". Ein hübscher Mainstreamoptik-Mensch kann leicht sagen "akzeptiere dich" zu einem, der hier nicht mithalten kann. Ebenso bringt es nichts, wenn man es sich krampfhaft sagt und es doch nicht glaubt, und aber nie mal daran arbeitet, wie man diesen Zustand der Selbstschätzung erreichen kann. Bestimmt nicht, indem man jedem vorgegebenen Ideal nachhechelt, weil man meint, wenn man es erreichte, könnte man endlich mithalten. Sich akzeptieren geht nur dann, wenn man seine eigenen Vorzüge zu schätzen weiß, auch die optischen. Das ist vielleicht eine Frage des Alters. >>>Ich finde das genauso anstrengend. Schon wieder muss ich darüber nachdenken, was mein Körper ist, was er nicht ist und warum er trotzdem okay ist.
antandre 16.06.2017
3.
Mein Beitrag ist anscheinend teilweise verloren gegangen, hier der Rest >Ich finde das genauso anstrengend. Schon wieder muss ich darüber nachdenken, was mein Körper ist, was er nicht ist und warum er trotzdem okay ist.< Darüber MUSS doch keiner nachdenken, bloß weil es irgendwo eine Bewegung im Netz gibt oder eine Zeitschrift das gedruckt hat. Diese Gläubigkeit an Medien... vorgaben aus irgendwelchen Artikeln oder Bewegungen ist es doch, die den Kopf besetzt hat, wenn man seine eigenen Maßstäbe noch nicht setzt und nicht selber entscheidet, was wichtig ist für einen selbst und was man toll findet am eigenen Leben und auch Aussehen. EIGENE Werte fürs eigene Sein und eigene Leben, das macht, dass man mit sich zufrieden ist. Dazu gehört auch, Sport zu treiben und auf seine Ernährung zu achten, WENN man schlank sein will. Statt dauernd vorm Spiegel zu stehen und sich zu dick zu finden. Ändern. Was tun. Oder gut finden, wie es ist, statt Zeit damit zu verschwenden. Ich kann mich tatsächlich vor den Spiegel stellen und sagen "heute seh ich attraktiv aus". Wenn ich es wirklich finde, was schon mal vorkommt. Ich kann auch denken "heute seh ich aber alt aus" oder augenringig, die Haare sitzen nicht, und das ist kein Bad-Hair-Day, ich hab Good-Hair-Days. Aber wen interessiert das? Die Umwelt nimmt das nicht wahr. Wer mich mag, der freut sich, mich zu sehen, auch mit ollem Haar. Wer mich nicht kennt, denkt sich nichts. Oder, er denkt, was er will, ist mir egal, denn: Wer ist er? Wichtig für mich? Nö. Wer mich nicht mag, wird mich mit gut sitzendem Haar auch nicht mögen. Und wenn es aufs Aussehen ankommt, ob jemand mich mag, dann tut es mir leid für die Person. Was haben manche immer mit der Heidi. Dieses "erlaubte" Rumhacken auf einer Person, weil viele gern mit einstimmen und man sich so die Zustimmung der breiten Masse sichern will, finde ich nicht besonders reif, egal, was die Frau nun tut oder lässt. Entweder man hat berechtigte Kritik oder nicht, aber Leute benutzen durch abwertende Bemerkungen über sie und das für Zustimmung ist auch eine Art Mobbing. Ist für die eigene Seele, die sich lieben will, nicht gut, auch wenn's die Heidi nicht jucken wird.
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