Achilles' Verse: Marathon für Brüderle

Überschüssige Triebe kann der Charmeur zuverlässig beim Laufen loswerden. Statt Tanzkarten und Dirndl regieren bei Ausdauersport Knochenhaufen. Zur Strafe für schlechtes Benehmen verordnet Wunderläufer Achim Achilles dem lüsternen Liberalen ein Trainingslager.

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Corbis

Gemeinsames Laufen: Sport vermännlicht Frauen - und umgekehrt

Lange überlegt, was ich zum Lauftreff anziehe. Die Sexismus-Debatte verunsichert uns Freizeitsportler ja gewaltig. Nur mal angenommen, Rainer Brüderle käme heute vorbei, er hätte gar nichts zu scherzen. Läuferhintern füllen kein Dirndl aus. Viel zu knochig. Lege ich die peinlich enge Strumpfhose an, würde ich ihn geradezu provozieren, etwas Anzügliches über meine Schenkel zu sagen. Viel mehr ist zum Glück kaum zu erkennen.

Trotzdem lieber die schlabbernde Jogginghose, auch wegen der Frauen. Die sind - ich weiß, man darf es nicht sagen, aber es ist nun mal so - auch nicht immer nur unsexistisch. Lieblingsthema ist das männliche Hinterteil. Manchmal wird auch meins herabgewürdigt, mit Sätzen wie "Wirft der Arsch auch Falten, wir bleiben doch die Alten." Klingt nach Männerscherz, wird aber regelmäßig von einer Läuferin vorgetragen. Dabei guckt sie immer mich an. Dann versuche ich verzweifelt, mit Herrenwitzen zu kontern. Aber die kennen schon alle. Das verletzt mich noch mehr.

Brüderle sollte sich mal einen Laufpass ausstellen anstatt klebrige Tanzkarten zu verteilen. Den würden unsere Mädels auch fertig machen. Drei harte Sprüche, zweimal Teufelsberg, dann hat sich's aber ausgesäftelt.

Vergangenen Sommer bin sogar ich sexistisch belästigt worden, von einer Frau. Sollte geheim bleiben, bis die Dame Spitzenkandidatin für den Posten der Kassenwartin vom Lauftreff wird. Aber nun muss es raus. Sie hat mir tatsächlich in den Gluteus Maximus, den Hintern, gekniffen und gesagt: "Da kann aber noch was weg." Ich war sprachlos. Reduziert auf mein Bindegewebe. Wie sollte ich mich verhalten? Freude heucheln und damit derlei Übergriffigkeiten künftig Vorschub leisten? Empört sein und mich als Spaßbremse outen? Oder über diese seelische Verletzung einfach hinweggehen und mir ein Trauma für alle Ewigkeit zulegen? Ich entschied mich für gequältes Lachen.

Sport ist ja eigentlich purer Sexismus. Gucken die Leute Schwimmen, Turnen oder Beachvolleyball wegen der sportlichen Leistungen? Niemals. Sie gaffen, wollen Fleisch, das von hauchfeinem Polyacryl kaum mehr verhüllt ist. Niemand will die Schönheit der Athletenseele sehen, die Weisheit ihrer Worte hören. Am schlimmsten ist es beim Triathlon. Da treffen sexistische Zuschauer auf exhibitionistische Sportler, die vor Publikum aus der Badehose in die Radklamotten springen. Noch schlimmer sind nur die Walker. Da füllt jeder gleich zwei Dirndl aus, vor allem die Männer.

Laufen dagegen bietet perfekte Sexismus-Vorsorge. Am Marathonstart ist soviel Gedränge, dass sich Grabschen gar nicht vermeiden lässt. Testosteron gibt's allerdings kaum, höchstens aus der Apotheke. Je länger der Mensch läuft, desto geschlechtsloser wird er. Alles Fettgewebe wird systematisch wegtrainiert. Wettkampfgewicht ist das Gegenteil von Erotik. Ausgedirndlt. Selbst Penisprotze müssen klein beigeben. Nach einer Stunde Laufen ist alles eingeebnet, Mission Otternase. Der effektivste Sexismus-Killer bleibt der Marathon. Vorher ist man vor lauter Angst zu keinerlei Sexismen in der Lage. Mittendrin denkt man ans Sterben. Und nachher riecht man wie ein Pavian. Natürliche Zotenvorbeugung; sollte Brüderle auf Krankschein bekommen.

Neulich träumte ich, wie Rainer Brüderle im eng anliegenden Glanzanzug von Usain Bolt an die Hotelbar schreitet, von jubelnden Groupies umringt und huldvoll Autogramme schreibend.

Aber vor den Einteiler hat der liebe Gott leider das Training gelegt. Immer mittwochs, 20 Uhr, an der, hihi, Siegessäule, Herr Brüderle. Wir Läufer haben schon ganz andere Lustmolche therapiert.

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1. Ekelhaft
allanclarke 29.01.2013
Überschüssige Triebe? Sexistische Abwertung! Ich wende mich an den Presserat.
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.