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Achilles' Verse: Neun Laufgebote

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Junge Jogger beim Dehnen: Für mehr Lockerheit!

Viele Läufer glauben, ihre Sportart ist das einzig Wahre. Und der Sonntagslauf ist heilig. Mehr Toleranz und Lockerheit würden oft guttun, glaubt Anna Achilles. Ihr Vorschlag für neun Gebote.

Wir Hobbyläufer glauben an alles, was schneller macht: von Kompressionsstrümpfen über Magnesiumtabletten bis hin zu Laufschuhen mit aerodynamischer Funktionssohle. Der Sonntagslauf ist heilig. Und wir sind überzeugt: Unsere Sportart ist die einzig Wahre. Doch hin und wieder übertreiben wir es mit der Ersatzreligion. Wir brauchen strenge Richtlinien - für mehr Toleranz und Lockerheit. Meine neun Sportgebote.

Gebot 1: Hab andere Pläne

Um sportlich ehrgeizige Erfolge zu erzielen, ist es sinnvoll, sich an einen Trainingsplan zu halten. Bloß: Es ist weniger wichtig, den Plan auf den Kilometer stringent einzuhalten, als überhaupt eine Regelmäßigkeit einzurichten. Ich habe gerne andere, mehrere Pläne. Ob ayurvedisches Klangschalen-Yoga, Schwimmen oder Kajakfahren - egal. Vielfalt vor Eintönigkeit.

Gebot 2: Nenn es, wie du willst

Manchmal sah ich Menschen auf Rädern im Fitnessstudio strampeln - ohne dass sie sich von der Stelle bewegen. Als ich fragte: "Was machen die da?", bekam ich die Antwort, dass es sich hier um den "Dynamic Indoor Cycling"-Kurs handle, der gerade voll im Trend sei. Ich schüttelte verzweifelt den Kopf und fragte: "Heißt das nicht Radfahren?" Aber nicht aufregen. Es ist Bewegung. Nenn es, wie du willst.

Gebot 3: Mach Pause

Läufer prahlen ja damit, ständig, bei jedem Wetter, todkrank noch ihre Runden zu drehen. Nur die Harten kommen in den Garten und so weiter. Schön und gut, aber manchmal eben auch zu viel des Guten. Könnte es ein schöneres Gebot geben als eine Aufforderung zum Faulsein? Nicht für mich. Die Ruhetage sollten wir wirklich einhalten. Denn genau diese Pausen machen uns am Ende fit (wenn wir vorher fleißig trainiert haben).

Gebot 4: Sei stabil

Nur ein Sportler mit starker Körpermitte ist ein gesunder Sportler. So steht es im ersten Buch nach Laufpapst Matthias Marquardt. Seitdem lautet meine Lieblingsgebetspose: auf den Boden legen, auf Unterarmen und Füßen abstützen und den Körper hochdrücken. Ich spanne den Bauch an, atme und halte die Pose mindestens 30 Sekunden lang. Dabei murmele ich immer wieder: "Rumpf-ist-Trumpf-Rumpf-ist-Trumpf". Hätte fast schon was Meditatives - wenn es nicht so saumäßig anstrengend wäre.

Gebot 5: Sei allein

Nichtsportler können kaum nachvollziehen, warum wir an einem Sonntagmorgen eineinhalb Stunden lang mutterseelenallein durch den Wald schlurfen. "Ist dir dabei nicht langweilig?", ist die häufigste Frage. Manchmal ja, manchmal nein. Beim Laufen durchlebe ich sämtliche Stimmungen: Euphorie, Erschöpfung, Wut, Glück... Alles zwischen hochmotiviert und hundeelend. Aber nie bin ich mir näher als in dem Moment, wenn ich gegen meine Unlust ankämpfe. Laufen ist Leben.

Gebot 6: Triff Sportkameraden

Ganz ohne Trainingspartner wären wir sehr einsam. Sie motivieren und unterstützen uns, in guten wie in schlechten Zeiten. Deshalb sollten wir nett zu ihnen sein - auch wenn der Sportskollege nicht auf derselben Welle schwimmt. Man lässt niemanden in der Kälte warten, weil man sich nicht für ein Sportoutfit entscheiden kann. Man schreit niemanden an, weil er anders trainiert, langsamer oder schneller ist. Sei fair zu anderen, dann sind sie es (hoffentlich) auch zu dir.

Gebot 7: Sei natürlich

Es gibt Hobbyläufer, die vor Wettkämpfen Schmerzmittel einnehmen. Zur Prophylaxe. Um Wadenkrämpfen vorzubeugen. Nur eine kurze Erinnerung: Warum treiben wir noch einmal Sport? Weil es gesund ist. Weil es uns guttut. Wenn wir Schmerzmittel einnehmen müssen, um Sport treiben zu können, dann läuft definitiv etwas falsch. Man schluckt keine Tabletten, wenn sie nicht wirklich nötig sind. Irgendwo hat Toleranz auch ihre Grenzen.

Gebot 8: Sei offline

Klar, angeben ist geil. Wir wollen, dass andere mitfeiern, wenn wir eine neue Bestzeit gelaufen sind. Aber müssen wir wirklich jede unserer Befindlichkeiten in die Welt hinauszwitschern? Wie wäre es mal wieder mit einem normalen analogen Gespräch beim Sport? Oder einfach mal nichts sagen. Es gibt da dieses Sprichwort: Posten ist Silber, Schweigen ist Gold. Kennt nur keiner. (Gleich mal posten.)

Gebot 9: Sei anders

Ja, es gibt diese furchtbar perfekten Frauen und diese über-durchgestylten Typen. Die vor der Arbeit joggen gehen, straffe Haut haben, zum Frühstück Chia-Brei essen und dabei auch noch lächeln, ohne die Samen zwischen den Zähnen hängen zu haben. Aber muss ich mich schlecht fühlen, weil ich nicht so bin? Nein, anders zu sein ist gut. Alle sind anders - jeder auf seine Weise.

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ZUR PERSON
  • Christine Scholz
    Jahrgang 1987 und Nichte von Achim Achilles. Für den Wunderläufer stellt sie aber keine Konkurrenz dar: Anna ist notorisch trainingsfaul und mindestens so untalentiert wie ihr Onkel. Ihr Motto: Bewegung soll Spaß machen und muss nicht wehtun. Anna lebt in München und macht zurzeit ein Volontariat beim Bayerischen Rundfunk.
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1. Gelungen
Wunderläufer 17.02.2016
Mir gefällt besonders das 5. Gebot. "Beim Laufen durchlebe ich sämtliche Stimmungen: Euphorie, Erschöpfung, Wut, Glück... Alles zwischen hochmotiviert und hundeelend". Nichtsportler können auch nicht verstehen, dass ich mich freiwillig quäle. Diese Menschen sehen nicht, dass es sich nicht um Qual handelt, sondern höchstens um eine größere Anstregung
2. 10. Gebot: Erkenne Deine Sucht.
event.staller 17.02.2016
Warnung: Laufen kann süchtig machen. Wer oft genug an Volksläufen teilgenommen hat, konnte an den Andern und an sich selbst beobachten, daß die Lust am Laufen zwanghafte Formen annehmen kann. Also: "stay cool".
3.
herbert_schwakowiak 17.02.2016
Das Gesündeste ist immer noch: Schwimmen, und Gehen nein, nicht so wie diese Leistungsgeher, die so gestört aussehen, aber trotzdem mit erhöhter Geschwindigkeit und ein paar Kilometer weit. Wirkt Wunder. Rennen geht auf die Dauer auf die Gelenke, da hilft auch kein noch so gut gedämpfter Schuh.
4.
taste-of-ink 17.02.2016
Nein, Herr Schwakowiak: gehen ist nicht gelenkschonender als Laufen, vorausgesetzt man beherrscht eine gesunde Lauftechnik. Dann ist der gedämpfte Schuh ziemlich überflüssig. Mir spricht Nr. 5 aus der Seele: Morgens mit der Stirnlampe losrennen, auf dem Trail durch den Wald, bis es langsam hell wird. Am Wochenende die langen Einheiten, vor allem bei Regen mit Regenkleidung trotzdem trocken, stundenlang ohne einer Menschenseele zu begegnen und mit einem Gefühl, dass einen ein unsichtbares Band den Weg entlang zieht. Da schütteln Nicht- oder gelegentliche Wochenend-Stadtparkrunden-Läufer nur den Kopf. Für mich ist es das pure Leben.
5. Noch'n Gebot: Lerne eine vernünftige...
jawollja2014 17.02.2016
... Lauftechnik. Laufe auf dem Ballen - sofern Du es zuvor gelernt hast!!! Die sogenannte "Dämpfung" in Laufschuhen bewirkt erwiesenermaßen eine stärkere (sic!) Belastung der Gelenke, sie ver- bzw. behindert das wichtige Gefühl für den jeweiligen Untergrund und sorgt zudem für das Verkümmern gerade jener Muskulatur, die die eigentliche Dämpfungsfunktion beim Laufen übernimmt. Um nur einige Nachteile der sogenannten "Dämpfung" zu nennen. Sei es nun Pose-Running, Natural- oder Chi-Running - Du wirst mit der richtigen Technik auf jeden Fall verletzungsfreier und effizienter laufen, sehr wahrscheinlich auch ausdauernder und schneller!
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