Achilles Verse: Wir machen keinen Gesundheitssport

Achim Achilles: Bauchplatscher statt Köpfer Fotos
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Wie haben Deutschlands Olympioniken trainiert? Ist Hammerwerfen, Kajak und Wasserspringen wirklich so einfach, wie es aussieht? Freizeitsportler Achim Achilles hat mit fünf Athleten trainiert, gelitten, gelacht. Folge 1: Wasserspringer Patrick Hausding bringt Achilles den perfekten Kopfsprung bei.

Gehockter Köpper, das klingt einfach. "Hochspringen, Beine anziehen, wieder strecken, möglichst gerade eintauchen", befiehlt Patrick Hausding. Wir stehen auf dem Drei-Meter-Brett der Europa-Schwimmhalle in Hohenschönhausen. Der Olympionike federt lässig auf der Brettspitze. Erste Panik. Die hellgrüne Plastikplanke wackelt bedrohlich. Ich erwarte weitere Instruktionen. Doch Hausding schweigt. Es sei der absolut leichteste Sprung, den man überhaupt absolvieren könnte, hatte er zuvor erklärt. Wenn er am 7. August vom Dreier springt, wird er sich mit derlei simplen Vorführungen kaum begnügen.

Ich fühle mich wie ein Meuterer, der über die Planke zu den Haien geschickt wird. Gern würde ich mich noch ein wenig unterhalten. Aber Hausding, der Silbermedaillengewinner von Peking, hat nicht viel Zeit. Seit morgens früh übt er Sprünge, dann Rackern im Kraftraum, dann Mittag, und schon geht es weiter, seit 13 Jahren. "Mach' mal los jetzt", sagt er forsch. Geht man so mit älteren Herrschaften um, die an Höhenangst leiden? Ich war früher nie der Hecht im Freibad. Arschbombe ging noch, Komplexeres habe ich mich nie getraut.

Ich wippe leicht, um ein Gefühl für dieses Katapult zu bekommen. Starkes Wanken. Genaugenommen sind es für die Füße drei, für den Kopf aber fast fünf Meter bis nach unten. Ich gehe den Sprung noch mal durch: Hochspringen, anhocken, eintauchen. Kann ja wohl nicht so schwer sein. Also gut. Jetzt aber. Hausding grinst vom Brett nebenan. Ich federe, hebe ab, verliere umgehend Gleichgewicht und Orientierung, mache mit den Beinen irgendetwas, wovon ich glaube, dass es wie Anhocken aussehen könnte und pralle auch schon aufs Wasser, mit den Oberschenkeln zuerst. Zum Strecken war einfach keine Zeit mehr.

Unterwasser-Gewieher

Ich meine, Hausdings Gewieher sogar unter Wasser zu hören. Er schafft viereinhalb Salti vorwärts oder zweieinhalb Salti und zwei Schrauben in dieser guten Sekunde Flug. "Das war eine glatte Null", sagt er. Vielen Dank auch. Die Videoanlage, mit der die Springer jeden Millimeter aufzeichnen, beweist leider: Was sich in der Luft halbwegs elegant anfühlte, sieht auf dem Bildschirm aus wie ein Müllsack, der aus dem zweiten Stock geworfen wird. Meine Schenkel brennen wie Feuer. "Nochmal", sage ich. "Mit dem Kopf und den Armen zuerst eintauchen", erklärt mein Trainer. Witzbold. Theoretisch weiß ich das auch. Nur die Umsetzung hakt ganz leicht.

Wasserspringen ist ein furchterregend komplexer Sport, "ein Gedrehe von oben bis unten" wie Deutschlands bester Springer es nennt. Zu Kraft, Athletik und Koordinationsvermögen kommen der Sinn für Artistik und jede Menge Mut. Wer in Badehose vor den Augen der Welt etwas Komplexes vorführt, braucht neben Körperbeherrschung gewaltige innere Stärke. Vier bis sechs Stunden täglich trainiert Hausding mit seinem Coach Jan Kretzschmar, der ebenso ruhig wie beharrlich an kleinsten Bewegungsabläufen feilt. Ein paar Millimeter genügen, um eine sicher geglaubte Medaille zu verpassen, so wie vergangene Woche beim Synchronspringen vom Turm mit Sascha Klein.

Ich unternehme drei weitere Versuche. Doch keiner gelingt sehr viel besser als der missratene erste. Dafür brennt jetzt wirklich jedes Körperteil. "Alles Fußsprünge", befindet Hausding gnadenlos, "die werden nicht gewertet." Er zieht sein T-Shirt aus. Wasserspringen ist natürlich Exhibitionismus. Gnadenlos urteilt die ganze Welt über die kleinste Beule des Athletenkörpers. Nichts für mich. Jetzt stehen wir beide auf einem Dreier, etwa zwei Meter voneinander entfernt, wir wollen synchron springen. Hausding gibt das Kommando. Bei "Drei" federt der junge Mann fast bis unter die Hallendecke während ich eher von der Brettspitze kippe. In aller Ruhe vollführt er Profi einen blitzsauberen Sprung während ich wieder auf die Schenkel klatsche.

Übrigens: Die Hämatome auf den Oberschenkeln standen zwei Tage nach dem Training mit Patrick Hausding in voller Blüte und hielten über zwei Wochen.

Das ZDF-Morgenmagazin zeigte das gemeinsame Training am Montag, 6. August.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Hut ab,
thomasr78 06.08.2012
Herr Achilles. Jeder andere, der noch keinen Kopfsprung kann, übt erst mal vom Startblock oder dem Ein-Meter-Brett aus.
2. Lieber Herr Schumacher,
gumbofroehn 06.08.2012
mein Respekt, dass Sie sich das angetan haben. Aber im Ernst, genau deswegen machen wir alten Herren doch Ausdauersport: Eben weil sich fast alles andere (wie z. B. Koordination, Beweglichkeit, Schnellkraft, Maximalkraft) bei uns nicht mehr so wirklich gut trainieren lässt.
3. Nur Olympioniken?
albrecht21 06.08.2012
Wieso trainieren eigentlich nur Olympioniken? Die Sportler, die keine Goldmedallie gewonnen haben, haben doch auch trainiert, oder? Oder benutzt Herr Achim Achilles (wie seine Kollegen auch so gerne) Fremdwörter, die er nicht verstanden hat. Vielleicht wäre ein gelegentlicher Blick ins Lexikon vor dem Schreiben hilfreich.
4. hi hi hi, ha ha ha - lachen ist gesund
tiefausatmen 06.08.2012
Zitat von sysopWie haben Deutschlands Olympioniken trainiert? Ist Hammerwerfen, Kajak und Wasserspringen wirklich so einfach, wie es aussieht? Freizeitsportler Achim Achilles hat mit fünf Athleten trainiert, gelitten, gelacht. Folge 1: Wasserspringer Patrick Hausding bringt Achilles den perfekten Kopfsprung bei. Achilles Verse: Olympia mit Patrick Hausding - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,848105,00.html)
schadenfreude ist doch die schönste freude. hatte heute zwischen toilettengang und ankleiden während der moma-sendung, entgegen der montäglichen routine - scheiße, schon wieder aufstehen -, mal so richtig spass gehabt und schön dreckig gekichert - verunglückte heldentaten auf dem dreier, fünfer und einmal sogar zehner(!) im freibad vor versammelter und amüsierter grazienschaft kenne ich nämlich noch aus eigener jugend.
5. Wohl ganz ein Schlauer?
MaxMütze 06.08.2012
Zitat von albrecht21Wieso trainieren eigentlich nur Olympioniken? Die Sportler, die keine Goldmedallie gewonnen haben, haben doch auch trainiert, oder? Oder benutzt Herr Achim Achilles (wie seine Kollegen auch so gerne) Fremdwörter, die er nicht verstanden hat. .
Sie haben Recht, ursprünglich bezeichnete das Wort nur den Gewinner des olympischen Wettbewerbes. Aber Sprache lebt, und heutztuage wird Olympionike eben auch für "Teilnehmer an den Olympischen Spielen" verwendet. Akzeptieren Sie das doch einfach und tragen Sie ruhig lieber mehr inhaltlich zur Diskussion bei.
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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