Achilles' Verse Marathontraum ohne Horrortraining

Auch wenn es Puristen anekelt: Wer gerne, aber ohne 42-Kilometer-Lauf beim Marathon dabei sein möchte, sollte einen Staffelstart probieren. Genussläufer Achim Achilles hat den Etappenlauf beim Frankfurt-Marathon ausgetestet und elf unschlagbare Vorteile entdeckt.

Marathonteilnehmer (Frankfurt am Main 2013): Es ist nicht zu erkennen, wer hier die ganze Distanz oder eben nur in einer Staffel läuft
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Marathonteilnehmer (Frankfurt am Main 2013): Es ist nicht zu erkennen, wer hier die ganze Distanz oder eben nur in einer Staffel läuft


1. Die Vorbereitung

Keine langen Läufe, kein Trainingsplan-Terror, keine Verletzungen, keine Verbote, kein Ernährungsregime. Das sagt doch alles.

2. Der Abend davor

Wer über die ganze Strecke brillieren will, muss in den Monaten zuvor wie ein Mönch leben, vor allem am letzten Abend. "Bitte noch eine Apfelschorle" ist eine jener Erniedrigungen, mit denen sich der Marathoni beim Italiener zum Gespött der Staffelläufer macht, die das vierte aber garantiert nicht letzte Pils ordern. Zehn, zwölf Kilometer überlebt man auch mit einem Pegel nah an der Fahruntüchtigkeit.

3. Die Nacht davor

Marathonläufer schlafen schlecht, Debütanten gar nicht. Endloses Wälzen, noch mal die Strecke durchgehen, Versorgungsposten ins Gedächtnis brennen, Magnesium nachladen, die Ausrüstung zum 39. Mal kontrollieren, Durchfall vom vielen Magnesium über sich ergehen lassen. Ergebnis: Wäre am Start nicht so ein Lärm, würden Marathonläufer glatt einpennen. Der ausgeschlafene Staffelant dagegen federt gutgelaunt über die Zeitnahme-Matte.

4. Die Ausrüstung

Marathon hat ja weniger mit Fitness und Training zu tun als mit Spezialzubehör. Gerade der würfelförmige Athlet neigt zu panikgetriebener Überausstattung: Trinkrucksack, Regenjacke, Musikanlage, Handy, Fleece, dicke Mütze, Klopapier, Schlüsselbund, dünne Mütze, dutzende Gelbeutel und Selen-Riegel sowie drei Liter Sportgetränk im Halfter, weil die offizielle Verpflegung alle fünf Kilometer niemals ausreicht. Staffelläufer tragen Hemd, Hose, Socken, Schuhe und Startnummer.

5. Der Startläufer

Darf die Adrenalin-Peitsche am Start genießen und den Jubel in der City. Betritt nach einer guten Stunde die blitzblanke Duschwanne, wo wenig später Blasenpflaster, blutige Hautreste und Erbrochenes der anderen kleben. Dann entspannt rüber in die Festhalle, wo die Besten sich unter ohrenbetäubendem Lärm ein Foto-Finish liefern. Frühbier. Herrlich.

6. Die beiden Mittelläufer

Genießen das gute Gefühl, reihenweise Schwächelnde zu überholen. Nebenbei wird die psychische Stabilität trainiert, da die hässlichen Kommentare der Ganzstreckenläufer ("Staffel-Lusche!", "Weichei!", "Betrüger!") nicht zu überhören sind. Läufer Nummer drei genießt das besondere Privileg, nur sieben Kilometer wetzen zu müssen - die perfekte Marathondistanz.

7. Schlussläufer

Der Glückliche genießt einen Einlauf, der Spaß macht - das Ziel auf dem roten Teppich. Das Licht- und Sound-Spektakel in der Frankfurter Festhalle ist und bleibt so lange das großartigste Marathon-Finale, bis der Berliner Party-Crack Cookies das verhüllte Brandenburger Tor in einen Trance-Techno-Tempel verwandelt. Extra-Vorteil: Ein attraktives Zielfoto, auf dem der Athlet nicht in unwürdiger Sabber-Pose, sondern strahlend erwischt wird.

8. Die Tage danach

Ein Fest. Mit dem neuen Finisher-Shirt unterm Knitterleinensakko (aufgekrempelte Ärmel, lila Innenfutter) ist man perfekt angezogen fürs Meeting mit dem Kunden aus Übersee. Treppenstufen, sogar der Gang zum WC ist menschenwürdig zu bewältigen.

9. Die Bestzeit

Weil die Staffel-Gegner nicht austrainierter sind, winken Traumzeiten und Spitzenplätze. Ideal sind Mixed-Staffeln, sie sind überdurchschnittlich oft Spaß- oder Sozialprojekte. Ein schneller Läufer reicht für eine Top-100-Platzierung. Zur Not kann man auch eine schnelle Staffel mieten. In Frankfurt schaffte die Achilles-Staffel den 37. Rang. Spitzenresultat für einen, der sonst froh ist, wenn er unter den ersten 5000 landet.

10. Das Sozialprestige

Marathon - das ist immer noch das Zauberwort bei Nachbarn, Freunden, Kollegen. Nur die Praktikantin grinst mitleidig und murmelt etwas, das wie "statt Sex" klingt. Deutlich mehr als 90 Prozent der Mitmenschen aber schweigen andächtig, wenn sie das M-Wort hören. Doch Vorsicht, wenn Experten beim Angeben in der Nähe stehen. Die fragen erst: "Welche Zeit?" Und dann: "Welche Strecke?". Dann kommt's raus.

11. Nachwelt

Bei meinem Staffeldebüt 2010 beim Münster-Marathon bin ich dank sechs starker Beine aus Bad Westernkotten Zehnter geworden, in drei Stunden und sechs Minuten. Ausschließlich von diesem Marathonergebnis werde ich meinen Nachfahren erzählen. Und das Wort "Staffel" einfach wegnuscheln.


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insgesamt 29 Beiträge
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spon-1203350874166 29.10.2013
1. Startnummer
"Es ist nicht zu erkennen, wer hier die ganze Distanz oder eben nur in einer Staffel läuft" Beim Frankfurt-Marathon tragen die Staffelläufer spezielle Startnummern und zusätzlich eine Rückenmarkierung. Anders wären die unter Ziff. 6 geschilderten Reaktionen auch nicht zu erklären.
dequincey 29.10.2013
2. Mann läßt laufen, gute Geschäftsidee
Zitat von sysopDPAAuch wenn es Puristen anekelt: Wer gerne, aber ohne 42-Kilometer-Lauf beim Marathon dabei sein möchte, sollte einen Staffelstart probieren. Genussläufer Achim Achilles hat den Etappenlauf beim Frankfurt-Marathon mal wieder ausgetestet und elf unschlagbare Vorteile entdeckt. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/achilles-verse-staffelstart-anstatt-der-ganzen-marathondistanz-a-930578.html
Die Grundidee wird schon seit Jahrzehnten im Höhenbergsteigen mit präparierten Aufstiegswegen und künstlichem Sauerstoff vorgelebt. Beim Marathon könnte man individuell, als unsportlicher Marathonie, auch mit dem E-Bike "laufen", vielleicht mit einer E-Draisine. Da wären sogar die zwei Stunden zu knacken, allerdings sollte man dann auf den Restalkohol vom Vortag achten. Wäre ja schade um den Führerschein. Oder alternativ mit 48 Beinen, auch da könnten die zwei Stunden fallen und es wäre sportlicher, immerhin zu vielen Füßen! Wer möchte als ehrgeiziger zweiter Frühlingsläufer nicht gerne Weltrekord (mit)laufen? Das könnte eine gute Geschäftsidee sein. "Rent a marathon" mit garantierter Endzeit.
payton_m 30.10.2013
3. Haben oder Sein... oder: cosi fan tutte
Kommt ja heute nicht mehr drauf an, etwas wirklich gemacht zu haben oder zu können. Sondern nur noch, dass es so aussieht und man das Diplom (Zielfoto etc.) vorzeigen kann. Lustig ist nur, dass Menschen wie Achilles nicht einfach völlig ohne Substanz angeben möchten, sondern irgend etwas noch geleistet haben wollen (wenn auch nicht ganz das, was den Zuhörern vorgemacht wird). Weil sie sich dann doch noch vormachen können, es sei nicht nur geschwindelt, sondern irgendwie stimme die Geschichte doch noch.
nitrox9 30.10.2013
4. Staffelläufer haben gelbe Startnummernschilder vorne und hinten
Mit Sicherheit weiß Achim, dass man (leider nur als Insider) von weitem sieht, wer Staffel läuft und wer nicht (gelbe/weiße Startnummer). Was soll diese absichtliche Unwahrheit?? Als ebenfalls Frankfurt-Teilnehmer (mit weißer Startnummer) nerven die ständigen Überholer mit "gelber" Nummer zwar, aber ich kann verstehen, dass das für Einsteiger/nicht trainierte einfach toll sein muss.
sameagle 30.10.2013
5. Man kann die Staffel auch einfach...
...laufen um mit den Freunden / Kollegen etwas gemeinsam zu erlaufen, anstatt das jeder 10 km für sich durch die Gegend zuckelt. Nicht jeder Staffelläufer ist ein potentieller Angeber / Betrüger! Manche haben einfach Spaß am Teamgedanken. Nichts für den Achim, aber die Läufer gibt es tatsächlich! ;-)
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