Achilles' Verse: Marathon im Hafenbecken

Achilles Achilles trainiert für Olympia: Heute mit Langstreckenschwimmer Thomas Lurz Fotos
DPA

Wie haben sich Deutschlands Olympioniken auf die Spiele in London vorbereitet? Achim Achilles hat mit fünf Athleten trainiert, gelitten, gelacht. Folge 5: Der Silbermedaillengewinner und Langstreckenschwimmer Thomas Lurz erklärt, wie man Bananen beim Schwimmen isst.

Das Wolfgang-Adami-Bad zu Würzburg ist eine gute deutsche Schwimmanstalt. Kinder planschen, Rentner üben sich im gemäßigten Kraul, die Jugend trainiert für Olympia. Sie eifern einem nach, der hier jeden Tag seine Bahnen zieht, morgens und abends jeweils zehn Kilometer. Thomas Lurz, einer der weltbesten Freiwasserschwimmer, krault 20 Kilometer am Tag, über 100 die Woche, bis zu 4000 im Jahr. Seit 1999 ist er einmal um die Welt geschwommen - im Wolfgang-Adami-Bad.

Was muss das für ein Mensch sein? Ein Wassermann? Spricht er noch? Oder blubbert er schon? Da kommt er. Ich hätte ihn mir breitschultriger vorgestellt. "Zuviel Muskelgewicht ist nicht gut für die Wasserlage", erklärt Lurz, 33 Jahre alt, 1,83 Meter groß, 76 Kilogramm schwer und ein begnadeter Wasserfühler. Mit höchster Disziplin arbeitet er täglich seine Pläne auf der 50-Meter-Bahn ab. Im Freien wird kaum geschwommen, da sind Strecken und Zeiten nicht so genau zu kontrollieren.

Da ich 10 000 Meter nicht überleben würde, beschränkt Lurz sich netterweise auf drei Lehrinhalte: Sog-Schwimmen, Essen, Sprinten. Kluge Langstreckler schwimmen nicht vorn, laden unterwegs Kohlehydrate und prügeln am Ende, was die Arme hergeben.

Lektion eins: der Sog. Als ich im Becken hinter ihm her kraule, stellt er sich instinktiv auf mein Feierabendtempo ein. Er ist es gewohnt, während des Zuges um sich herum zu schauen. Wo ist der Gegner? Wo die Wendeboje? Wer will ausreißen? Im Sog kommt man leichter voran, wie der Radler im Windschatten. "Spürt man total", sagt Lurz. Er muss zusätzliche Sinnesorgane in der Haut haben wie ein Hai. Denn ich spüre total - nichts.

Thomas Lurz hat sich die olympischen Ringe auf den Arm tätowieren lassen, und ein Datum. Am 12. August 2007 starb sein Vater Peter, der ihn trainiert hatte, bei einer Radtour. Fast genau fünf Jahre später will der Sohn Gold holen. Bruder Stefan trainiert ihn. Mehr Mission geht nicht.

Kauen, schlucken, weiteratmen - Schwimmen nicht vergessen!

Am Freitag peitscht Lurz im vergleichsweise sauberen Hyde-Park-See Serpentine fast zwei Stunden lang über zehn Kilometer; ein Marathon im Wasser, der nach einem einfachen Prinzip funktioniert: neun Kilometer lang sich und die Gegner kaputt schwimmen und dann noch mal einen irre langen Schlussspurt hinlegen. Lurz ist der Phelps des Hafenbeckens. Das US-Magazin "Swimming World" zeichnet ihn 2004, 2005, 2006, 2009, 2011 als "Weltschwimmer des Jahres" aus. In der Heimat weitgehend unbemerkt gewinnt er seit zehn Jahren alle Titel, nur eben kein Gold. Sein Problem: Kaum jemand interessiert sich für seinen knüppelharten Sport. Schwimmen, das ist blauer Pool und klares Wasser, und nicht gammeliges Hafenwasser mit Rattenkadavern, Latten mit rostigen Nägeln oder einfach nur viel zu warm. Manche Athleten nehmen Antibiotika vor dem Start. Vor zwei Jahren wurde der Weltklasseschwimmer Francis Crippen zwei Stunden nach dem Weltcupfinale in den Vereinigten Arabischen Emiraten tot geborgen - Herz-Kreislauf-Versagen.

Zweite Disziplin: im Wasser essen. Wer zwei Stunden im roten Bereich rackert, der braucht Treibstoff. Lurz hat einen kleinen Aufreißbeutel mit Kohlehydratgel im Einteiler stecken: Aufreißen, aussaugen, keinen Zug auslassen. Und nicht an die Bakterien denken. Auf einem Schwimmbrett platzieren wir Bananenstücke. Die Aufgabe: Am Floß vorbeikraulen, Banane schnappen wie beim Marathon, unfallfrei in den Mund, kauen, weiteratmen, schlucken, weiteratmen, und dabei Schwimmen nicht vergessen. Lurz krault vornweg. Schwupp, hat er die Banane gegriffen und ist schon am Ende der Bahn. Mir gelingt das Kunststück ebenfalls. Tatsache, es funktioniert: Man kann beim Schwimmen essen. Auch kulinarisch ist Chlor-Banane eine Entdeckung - Tim Raue, übernehmen Sie!

Dritte Übung: Sprint, die wichtigste Fähigkeit. Denn am Ende geht es um Zehntelsekunden. Ich lege Flossen an und streife Paddles über die Hände, große Kellen, die Tempo machen. Doch selbst auf einer halben Bahn ist Lurz nicht zu kriegen. Der Kerl ist ein Faszinosum: Er guckt noch im härtesten Sprint lässig zu mir rüber, als wolle er sagen: Wenn Du anziehst, ziehe ich auch an - solange, bis einer platt ist. Und das werde nicht ich sein. Stimmt, leider. Schön, dass wenigstens ein deutscher Schwimmer diese Killermentalität hat. Gut möglich, dass er als erfolgreichster unbeachteter Schwimmer aus London zurückkehrt. Und dann wird er sich endlich wieder verstärkt seinem Hobby widmen: dem Angeln.


Das "ZDF-Morgenmagazin" zeigte das gemeinsame Training am Freitag, 10. August. Thomas Lurz startet am selben Tag um 13 Uhr im Hyde-Park-See Serpentine.

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1. Schön das dieser Ausnahmeathlet mal erwähnt wird!
UbuRoy 10.08.2012
10km Schwimmer seit 1995 oder so. Alles mehrfach gewonnen, was es zu gewinnen gibt. In den USA kennt ihn jeder, er ist aber deutscher. Und bei den Schwimmwettbewerben reden die davon, das es keine Medaillien in London gegeben hat, dabei war er noch gar nicht am Start. Deutschland ist armselig, denn dieser Schwimmer ist KEIN Amerikaner, wie man hier vermuten könnte... Ich bin sicher, er macht Gold. Zu wünschen ist es ihm. Als Freiwaserschwimmer findet man in der Regel keinen Sponsor. Der finanziert sich quasi selbst oder wahrscheinlich über amerikanische Werbeverträge... Kein Wunder, er ist genauso erfolgreich und das schon erheblich länger, wie Michael Phelps. Nur Olympia fehlte bislang.
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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