Achilles' Verse Waldboden statt VIP-Lauf

Durchgestylter New-York-Marathon gefällig? Achim Achilles hat genug von hochglanzpoliertem VIP-Getue. Der Wunderläufer sehnt sich nach Waldboden, freiwilligen Stullenschmierern und Streckenposten.

Mehr Konsum, weniger Lauferlebnis?
DPA

Mehr Konsum, weniger Lauferlebnis?


Auf der Internationalen Tourismus-Börse standen sich unlängst zwei ungleiche Bundesländer gegenüber: Hier die Bayern mit Multimediashow und perfekter Ferienillusion - Kühe, Almen, Lederhosen. Da das kleine Mecklenburg-Vorpommern, ein paar bescheidene Flyer, alles etwas hausgemacht. Die Norddeutschen haben großsprecherische Tourismusreklame nicht gerade erfunden.

Und doch ist ihnen bei aller Bescheidenheit ein großer Triumph über die siegesgewohnten Bayern gelungen: 2016 verbrachten mehr Deutsche lange Urlaubsreisen zwischen Ostsee und Müritz als in Bayern. Warum? Weil der scheinbare Nachteil, das Provinzielle, Leise, Selbstgemachte die Menschen offenbar eher anspricht. Rundum-Perfektion war gestern, heute ist echt und erdig angesagt.

Wie bei den Ferien, so bei den Laufwettbewerben. Seit Jahren treffen sich Edel-Marathonis zum Dauerlauf in den hippen Metropolen der Welt: mein gusseiserner Grill, mein SUV, mein New-York-Marathon. Doch mit den edlen Läufen ist es wie mit Kreuzfahrten: Was irgendwie schick erscheinen soll, ist zur Massenabfertigung geworden, auf der trügerischerweise "VIP" steht. Viele teure City-Läufe werden in teuren Paketen mit Flug und Hotel verscheuert, die Athleten Stunden vorher wie auf einer Viehauktion eingepfercht, dann im Pulk an Sehenswürdigkeiten vorbeigeschoben.

Freizeitsport konsumieren? Wie langweilig

Das einzigartige Sporterlebnis gerät so individuell wie eine Busfahrt mit Walkingstock-Verkauf. Aus Laufveranstaltern sind Multimillionen-Dienstleister geworden, aus Freizeitsportlern anspruchsvolle Kunden, die auf ihre Rechte pochen. Stand ja so im Katalog. Man hat schließlich teuer bezahlt für den Angeberlauf. London, Rom, Boston? Egal. Been there, run that - Hauptsache, das Finisher-T-Shirt macht die Kameraden vom Lauftreff neidisch.

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Und macht das Spaß? Eher nicht. Deutlich mehr Freude als das durchgestylte Lauferlebnis mit GPS-Verfolgung und vollautomatisierter Medaillenumhängung bereiten die vielen selbstorganisierten Wettläufe im Land. Jedes Wochenende und überall finden sich Verwegene, die Strecken ausflaggen, Startnummern ohne Sponsorenlogo aber mit Sicherheitsnadeln verteilen und Startlinien in den Waldboden kratzen.

Hier treffen sich nicht gierige Dienstleister und ihre nervigen Kunden, sondern Gleichgesinnte, die Spaß miteinander haben wollen. Die einen organisieren mit viel Herz, die anderen wertschätzen durch Teilnahme. So wird die körperliche Ertüchtigung gleich um ein Stück seelische Gesundheit bereichert.

Freizeitsport konsumieren? Wie langweilig. Schon vergessen, wie fast jeder Wettlauf begann? Verrückte organisierten für andere Verrückte etwas Verrücktes, zum Beispiel einen Marathon durch die City. Oder einen Matschlauf durchs Mittelgebirge. Ein paar Unverzagte fanden zusammen, um Neues zu probieren.

Ein Hoch auf den Streckenposten

Das ist doch das Wesen des Freizeitsports: gemeinsam, spannend, Neuland. Niemand wollte fünf Sterne, alle wollten Abenteuer, das unbezahlbare Gefühl, etwas Eigenes zu machen, mit Gleichgesinnten. Mal sehen, was dabei rauskommt. Da kann man auch schon mal im Zelt vom Technischen Hilfswerk duschen oder im Siebzigerjahre-Vereinsheim. Hier braust zusammen, was zusammengehört.

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Ewig lebe das Ehrenamt, der Brötchenschmierer, die Zettelausfüllerin, der Streckenposten, die Hobby-DJane, eben alle, die Lust haben, für kleines Startgeld etwas auf die Beine zu stellen. Und wenn hinterher ein paar Euro für die Jugendabteilung übrig bleiben - wunderbar.

Erlebnisse kaufen? Das ist doch fade. Das ist trumpisch. Es lebe die Lust am Selbstgemachten. Wer kocht, backt, handarbeitet oder Läufe organisiert, der ist nicht hoffnungslos altmodisch, sondern hält eine Gesellschaft zusammen. Laufen kann so viel mehr sein als Konsumgerenne. Egalitär statt elitär - wo jeder mitmachen kann, soll, darf, da schlägt das Herz des Freizeitsports noch richtig.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
BettyB. 11.04.2017
1. Wie verständlich...
Anstatt New York oder gar einen Waldlauf mit wenigen Freunden, die sich selbst versorgen lieber eine Veranstaltung bei der man umsonst betreut wird. Wer wollte auch selbst seine eigenen Stullen schmieren...
elizar 11.04.2017
2.
"Der Wunderläufer sehnt sich nach Waldboden, freiwilligen Stullenschmierern und Streckenposten." Wunderläufer? Gehts auch ein bisschen kleiner?
schindlaman 11.04.2017
3. Na dann...
..empfehle ich mal den Ruppertsburger Volkslauf an Himmelfahrt. Hinterher gibts auch ne Wurst und ein kühles Blondes :-)
mam71 12.04.2017
4.
Wieso muss man alles immer ideologisieren und dann ein Entweder-Oder konstruieren, wo gar keines ist? Man kann doch ohne weiteres als einmaliges Erlebnis in New York, Tokyo oder Boston laufen und trotzdem den kleinen Halbmarathon um die Ecke mitmachen?
hr.lich-daemlich 12.04.2017
5. Ohhhh
Super Waldläufer. Nein, lasst mal die Marathons in den Großstädten, da passt der Müll besser hin und lässt sich leichter entfernen. Oder lauft da, wo es eh schon dreckig ist. Müll ist ja meistens auch weicher als Asphalt..
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