Achilles' Verse: Mit dem Corinna-Prinzip zur Marathon-Bestzeit

Achim Achilles beim Frankfurt-Marathon: Nächstes Jahr kein Marathon mehr. Höchstens einen Zur Großansicht
Erich Francois

Achim Achilles beim Frankfurt-Marathon: Nächstes Jahr kein Marathon mehr. Höchstens einen

Er kann es nicht lassen. Trotz legendärer Misserfolge trat Wunderläufer Achim Achilles wieder beim Marathon an, diesmal in Frankfurt. Der Plan: den inneren Kenianer zünden. Leider wurde es nur der innere Westfale, eine Bestzeit gab es trotzdem.

Ja, ich habe es getan. Wollte ich ja eigentlich nie wieder. Mona hat es mir verboten wegen der Infarktgefahr. Aber mein legendärer Leistungswille war stärker. Wenn Baumgartner in gut vier Minuten beinahe einen Marathon fällt, werde ich die Strecke ja wohl in vier Stunden gelaufen bekommen. Vielleicht auch schneller, wegen Joschka. Mit dem habe ich noch eine Rechnung offen, die sich auf dem Platz leider nicht austragen lässt - das wäre Senioren-Quälerei.

Liebes Frankfurt, das im Westen, es war ein großartiger Sonntag. Nach kaum einer halben Stunde konnte ich die Temperaturen knapp über null gar nicht mehr spüren, weil alles tiefgefroren war, auch das, woran manche jetzt denken. Dafür lagen ab Kilometer 15 Tausende Handschuhe auf dem Pflaster, die beim Laufen ein wunderschönes Waldbodengefühl erzeugt hätten - hätten nicht schon die großzügig verteilten Energie-Gels die Sohlen an den Asphalt geklebt.

Ich gestehe: Es war ein therapeutischer Wettbewerb. Mit dem Einlauf in die Festhallen-Höhle gedachte ich, meine 42-Kilometer-Freude zu entdecken, sicherheitshalber aber bei einem Marathon fernab der Berliner Heimat, wo man jeden Meter Angst haben muss, dass der Bankberater an der Strecke steht und den Dispo nullt, weil er mir keine große Lebenserwartung mehr gibt, bei dem Anblick. Frankfurt hatte den Vorteil zuschauerisch recht lichter Abschnitte, was auch am eisigen Wind in Hessisch-Sibirien gelegen haben mag.

Die Letzten-Kilometer-Qual-Phobien

Der Marathon sollte mir helfen, endlich diese Letzten-Kilometer-Qual-Phobien loszuwerden: Er sollte zeigen, ob ein Marathon immer eine Art Sado-Maso-Nummer im letzten Viertel mit sich bringt wie alle meine bisherigen. Oder ob sich die Strecke auch halbwegs gleichmäßig durchlaufen lässt ohne Tempoknick und tagelanges Treppensteigen rückwärts hinterher.

Um ausreichend vorbereitet zu sein, inhalierte ich am Nachmittag vor dem Tag der Tage Oberguru Herbert Steffnys Botschaft: Locker bleiben, Freude haben. Am Abend dann zeigte mir Corinna bei einer literaturmäßig wertvollen Lesung, dass sie sich eine Marschtabelle ans Handgelenk zu schmieden gedenke. "5 Minuten, 41 Sekunden pro Kilometer", erklärte sie, macht am Ende ziemlich genau 3:59,59 Stunden - die Fabelzeit.

Die Frau war durchaus kompetent mit ihrer Reihe von Marathons, die allesamt nur Wimpernschläge über vier Stunden lagen. Ich hatte eigentlich mit 5:30 min auf den Kilometer starten wollen, um am Ende vielleicht doch etwas deutlicher unter den vier Stunden zu liegen, eine Art Geheimplan. Dieses System hatte ich im vergangenen Jahr schon versucht; mit dem Ergebnis, dass ich für die letzten drei Kilometer eine halbe Stunde brauchte und im Ziel zwei Stunden Ruhe auf dem Rasen des Kanzleramtes, um mich wieder an Namen und Geschlecht erinnern zu können. Für einen Lauf-Diesel wie mich schien die Corinna-Strategie maßgeschneidert: Entspannt los, und nach hinten raus den inneren Kenianer zünden, wenn er sich nicht wieder irgendwo verborgen hält, wie meistens.

Der Magen treibt den Wunderläufer ins Unterholz

Machen wir es kurz: Zur Hälfte war ich exakt auf Kurs, auch weil ich mir eingeredet hatte, das Rennen sei eigentlich ein Halbmarathon und die ersten 21 Kilometer nicht mehr als gemächliches Einlaufen. Hammermäßiger Psycho-Trick. Dummerweise begegneten sich fortan zwei Läuferphänomene, die nicht zusammenpassten.

Erstens rumorte mein Magen derart, dass ich mehrfach das nicht eben üppige Unterholz an der Strecke besuchte. Und zweitens erwies sich der innere Kenianer leider als innerer Westfale - und der mag Tempoänderungen gar nicht. Die Buschzulage auf meinem Zeitkonto war leider nicht mehr wegzurennen. Aber immerhin genoss ich das bislang völlig unbekannte Gefühl, auf den letzten Kilometern gefühlte 3000 Sportsfreunde zu überholen, die genauso fertig Richtung Ziel krochen wie ich früher.

Was lernen wir daraus: Marathon ist gar nicht so schlimm. 50 Sekunden über der magischen Marke sind keine Schande; 2011 waren es noch 20 Minuten. Und nächstes Jahr? Laufe ich garantiert keinen Marathon mehr. Höchstens noch einen.

Corinna hat übrigens 3:53 Stunden gebraucht. Klar, wenn man mit 5:30 min startet.

Eine Übersicht über die besten Lauftrainings der Welt hat Achim Achilles in seinem E-Book "Die Wahl der Qual" zusammengestellt.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Doch das klappt...
redrhino 30.10.2012
... nächstes Jahr fällt die 4h Marke
2. optional
jruhe 30.10.2012
Ah ja, schon wieder also...Ich glaube, das dies hier weniger ein Fall für den Laufberater oder Trainer ist, sondern eher für den Psychologen. Wenn man sich schon das fragwürdige Ziel setzt, den Marathon halb so schnell zu gehen wie ihn die Besten laufen, dann sollte wenigstens das einem trainierten Mann im mittleren Alter mit etwas Training auch gelingen. Die mittlere Zielzeit beim Frankfurt Marathon lag 2011 in der Altersklasse M45 bei 3:51. Ich verstehe nicht, was da los ist.
3. ernste Anmerkung zu Corinna
cream 30.10.2012
Die Achilles-Beiträge sind ja immer unterhaltsam, aber nicht immer ganz ernstzunehmen. Ein wichtiger Hinweis aus eigener Erfahrung zum Erreichen der persönlichen Zielzeit ist, einen etwas schnelleren Schnitt als den rechnerisch notwendigen zu laufen. Warum? Da der rechnerische nur dann passt, wenn man permanent Ideallinie läuft, also wirklich nur 42,195 km. Wer wie ich mit GPS-Uhr läuft, weiß, dass die Ideallinie kaum immer zu halten ist (wenn man nicht gerade auf WR-Kurs ist). Ich laufe im Schnitt ca. 500 m mehr, also etwa 42,6 km. Diese je nach Tempo 2-3 Minuten verhageln einem am Ende das Ergebnis, selbst wenn man im Prinzip auf Kurs war. Und noch eine persönliche Anmerkung: Ich bin letztes Jahr auch in Frankfurt gelaufen, eine, wie ich finde, wunderbare Veranstaltung, sehr empfehlenswert.
4. Trinkpausen einplanen
stevenspielberg 30.10.2012
Ich habe die Erfahrung gemacht dass man ein wenig schneller laufen sollte als eine genaue Marschroute auf die gewünschte Zielzeit. Denn bei diesen langen Distanzen kommt man ja nicht drum herum mal etwas zu trinken, und das geht einfach nicht bei vollem Tempo. Die Profis trainieren das, und können das auch, aber der Laie wird während der Nahrungsaufnahme immer ein wenig langsamer laufen. Bei mir sind die Kilometer mit Trinken meistens die langsamsten, das muss man mit schnellerem Tempo auf den übrigen ausgleichen.
5.
herrvonwelle 30.10.2012
@cream: Die 500 Meter mehr auf der Uhr haben nichts mit der mehr gelaufenen Strecke zu tun, das summiert sich lediglich die Ungenauigkeit des GPS auf. Durch leichte Abweichungen in den Messungen und nicht perfekte mathematische Modelle in Kurven entstehen Abweichungen von ein bis zwei Prozent der Streckenlänge (fast immer wird zu viel angezeigt, zu kurze Strecken benötigen kompliziertere Konstellationen). Das würde auch passieren, wenn sie mit dem Auto schnurgeradeaus über 42 Kilometer fahren würden. Tatsächlich liegen Sie also sehr nah an der Marathondistanz.
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  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.