Ja, ich habe es getan. Wollte ich ja eigentlich nie wieder. Mona hat es mir verboten wegen der Infarktgefahr. Aber mein legendärer Leistungswille war stärker. Wenn Baumgartner in gut vier Minuten beinahe einen Marathon fällt, werde ich die Strecke ja wohl in vier Stunden gelaufen bekommen. Vielleicht auch schneller, wegen Joschka. Mit dem habe ich noch eine Rechnung offen, die sich auf dem Platz leider nicht austragen lässt - das wäre Senioren-Quälerei.
Liebes Frankfurt, das im Westen, es war ein großartiger Sonntag. Nach kaum einer halben Stunde konnte ich die Temperaturen knapp über null gar nicht mehr spüren, weil alles tiefgefroren war, auch das, woran manche jetzt denken. Dafür lagen ab Kilometer 15 Tausende Handschuhe auf dem Pflaster, die beim Laufen ein wunderschönes Waldbodengefühl erzeugt hätten - hätten nicht schon die großzügig verteilten Energie-Gels die Sohlen an den Asphalt geklebt.
Ich gestehe: Es war ein therapeutischer Wettbewerb. Mit dem Einlauf in die Festhallen-Höhle gedachte ich, meine 42-Kilometer-Freude zu entdecken, sicherheitshalber aber bei einem Marathon fernab der Berliner Heimat, wo man jeden Meter Angst haben muss, dass der Bankberater an der Strecke steht und den Dispo nullt, weil er mir keine große Lebenserwartung mehr gibt, bei dem Anblick. Frankfurt hatte den Vorteil zuschauerisch recht lichter Abschnitte, was auch am eisigen Wind in Hessisch-Sibirien gelegen haben mag.
Die Letzten-Kilometer-Qual-Phobien
Der Marathon sollte mir helfen, endlich diese Letzten-Kilometer-Qual-Phobien loszuwerden: Er sollte zeigen, ob ein Marathon immer eine Art Sado-Maso-Nummer im letzten Viertel mit sich bringt wie alle meine bisherigen. Oder ob sich die Strecke auch halbwegs gleichmäßig durchlaufen lässt ohne Tempoknick und tagelanges Treppensteigen rückwärts hinterher.
Um ausreichend vorbereitet zu sein, inhalierte ich am Nachmittag vor dem Tag der Tage Oberguru Herbert Steffnys Botschaft: Locker bleiben, Freude haben. Am Abend dann zeigte mir Corinna bei einer literaturmäßig wertvollen Lesung, dass sie sich eine Marschtabelle ans Handgelenk zu schmieden gedenke. "5 Minuten, 41 Sekunden pro Kilometer", erklärte sie, macht am Ende ziemlich genau 3:59,59 Stunden - die Fabelzeit.
Die Frau war durchaus kompetent mit ihrer Reihe von Marathons, die allesamt nur Wimpernschläge über vier Stunden lagen. Ich hatte eigentlich mit 5:30 min auf den Kilometer starten wollen, um am Ende vielleicht doch etwas deutlicher unter den vier Stunden zu liegen, eine Art Geheimplan. Dieses System hatte ich im vergangenen Jahr schon versucht; mit dem Ergebnis, dass ich für die letzten drei Kilometer eine halbe Stunde brauchte und im Ziel zwei Stunden Ruhe auf dem Rasen des Kanzleramtes, um mich wieder an Namen und Geschlecht erinnern zu können. Für einen Lauf-Diesel wie mich schien die Corinna-Strategie maßgeschneidert: Entspannt los, und nach hinten raus den inneren Kenianer zünden, wenn er sich nicht wieder irgendwo verborgen hält, wie meistens.
Der Magen treibt den Wunderläufer ins Unterholz
Machen wir es kurz: Zur Hälfte war ich exakt auf Kurs, auch weil ich mir eingeredet hatte, das Rennen sei eigentlich ein Halbmarathon und die ersten 21 Kilometer nicht mehr als gemächliches Einlaufen. Hammermäßiger Psycho-Trick. Dummerweise begegneten sich fortan zwei Läuferphänomene, die nicht zusammenpassten.
Erstens rumorte mein Magen derart, dass ich mehrfach das nicht eben üppige Unterholz an der Strecke besuchte. Und zweitens erwies sich der innere Kenianer leider als innerer Westfale - und der mag Tempoänderungen gar nicht. Die Buschzulage auf meinem Zeitkonto war leider nicht mehr wegzurennen. Aber immerhin genoss ich das bislang völlig unbekannte Gefühl, auf den letzten Kilometern gefühlte 3000 Sportsfreunde zu überholen, die genauso fertig Richtung Ziel krochen wie ich früher.
Was lernen wir daraus: Marathon ist gar nicht so schlimm. 50 Sekunden über der magischen Marke sind keine Schande; 2011 waren es noch 20 Minuten. Und nächstes Jahr? Laufe ich garantiert keinen Marathon mehr. Höchstens noch einen.
Corinna hat übrigens 3:53 Stunden gebraucht. Klar, wenn man mit 5:30 min startet.
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