Bahnradsport: "Angst ist total fehl am Platz"

Bahnradsportler sind die Kraftpakete unter den Radfahrern. Im Interview mit achim-achilles.de spricht der dreimalige Weltmeister Maximilian Levy über die Angst vor Stürzen, nervende Dopingvorwürfe und Hampelmänner in Finalläufen.

Maximilian Levy: Trainiert  neben seinem Halbtagsjob  30 Stunden in der Woche Zur Großansicht
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Maximilian Levy: Trainiert neben seinem Halbtagsjob 30 Stunden in der Woche

SPIEGEL ONLINE: Herr Levy, was haben Sie für einen Oberschenkelumfang?

Levy: Auch wenn ich die Frage ungern beantworte: 68 Zentimeter.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gegen die Frage?

Levy: Die Dicke meiner Oberschenkel hat nichts mit meiner Leistung zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Als Bahnradsportler muten Sie Ihren Muskeln einiges zu. Sie erreichen bei Wettkämpfen zum Teil Geschwindigkeiten von 70 Stundenkilometer und mehr.

Levy: Unsere Muskeln sind aber nicht so sensibel wie die von Leichtathletik-Sprintern. Wir müssen bei Rennen öfter ran und fahren maximal 1000 Meter am Stück. Das passt schon.

ZUR PERSON

Maximilian Levy, Jahrgang 1987, lebt in Cottbus. Der deutsche Bahnradsportler ist dreifacher Weltmeister, mehrfacher Europameister, Deutscher Meister und hat drei Medaillen bei Olympia gewonnen. Sein nächstes Ziel sind die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016.

SPIEGEL ONLINE: Viele wissen nicht, dass Sie beim Bahnradsport ohne Bremse fahren.

Levy: Genau. Ohne Bremse und Leerlauf. Man kann aber entweder nach oben ausweichen oder gegentreten, also kontern. So kann man die Geschwindigkeit deutlich reduzieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Rennen sind sehr intensiv, schnell und zum Teil sehr ruppig. Haben Sie keine Angst vor Stürzen?

Levy: Nee, Angst ist total fehl am Platz. Man muss schauen, dass man in brenzligen Situationen einen kühlen Kopf behält.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen Sie das?

Levy: Das Auge hat man oder man hat es nicht. Dazu spielt Erfahrung eine große Rolle. Ich habe über die Jahre viel erlebt und kenne die großen Hampelmänner in den Finalläufen. Das sind immer dieselben, die sich nicht darum scheren, was um sie herum passiert. Ich fahre vorausschauend meine Linie und achte darauf, dass ich sicher vorbeikomme.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich schon mal einen Schlüsselbeinbruch nach so einem Sturz zugezogen. Viele Sportler kämpfen danach mit einer mentalen Sperre.

Levy: Die erste Woche im Training war das Schlüsselbein noch empfindlich, aber danach hatte ich keine Probleme. Es gibt ein Motto beim Radfahren: gleich wieder aufsteigen und weiterfahren. Das habe ich getan.

SPIEGEL ONLINE: Wie vermeiden Sie Verletzungen?

Levy: Wichtig ist für uns Bahnradsportler vor allem vernünftiges Krafttraining. Vernünftig sage ich deshalb, weil ich mir schon mal einen Bandscheibenvorfall zugezogen habe - wahrscheinlich aufgrund von schlechten Kniebeugen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich beim Krafttraining übernommen?

Levy: Ein Hauptbestandteil meines Trainings sind neben Fahren auf der Bahn und auf der Straße Kniebeugen mit Gewichten. Ich hatte wohl die Übungen nicht korrekt ausgeführt oder zu viele Gewichte aufgelegt. 2007 kam dann die Diagnose: Bandscheibenvorfall.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange mussten Sie pausieren?

Levy: Das ging schnell. Im Spätsommer 2008 war ich bei den Olympischen Spielen in Peking am Start. Wir haben die Bronzemedaille im Teamsprint gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Im Radsport gehören Dopinggeständnisse mittlerweile zur Tagesordnung. Wie gehen Sie mit dem Generalverdacht um?

Levy: Das Dopingproblem ist im Bahnradsport nicht so ausgeprägt. Bei uns gibt es vergleichsweise wenig zu holen. Was mich generell stört, ist die scheinheilige Berichterstattung. Wenn du als Deutscher gewinnst, stehst du sofort unter Verdacht, so nach dem Motto: Der muss dopen, sonst könnte er nicht gewinnen. Wenn du aber Vierter wirst, jammern alle. Eigentlich kannst du dem nur entkommen, wenn du auf einem der letzten Plätze landest.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihrem Sport müssen Sie immer Vollgas geben. Wie kommen Sie im Alltag wieder runter?

Levy: Ich bin einerseits impulsiv, kann aber auch gelassen in den Tag hineinleben. Wenn ich die Zeit habe, mache ich ein bisschen Yoga. Aber bei 30 Trainingsstunden in der Woche und einem Halbtagsjob bleibt nicht viel Zeit. Eigentlich entspanne ich am besten beim Radfahren.

Das Interview führte Frank Joung

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  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.