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Achilles' Verse: "Geh bügeln, du Lutscher"

Wer Männer in den Wechseljahren erleben will, muss zum Volksradrennen Velothon. Mit absurd teurem Equipment, epilierten Schenkeln und steinzeitlichem Reviergehabe kämpfen Piraten-Peter und Dinkel-Dieter um Sekunden. Wunderläufer Achim Achilles hat sich ins Feld gemischt.

Volksradrennen Velothon in Berlin 2013: Bunte Mischung an Teilnehmern Zur Großansicht
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Volksradrennen Velothon in Berlin 2013: Bunte Mischung an Teilnehmern

Das Rennen ist noch keine zehn Kilometer alt, da ertönt von hinten links das vertraute Knirschen: Alu trifft Karbon trifft Knochen trifft Straße. Drei Hobbyradler und zehntausend Euro Hochleistungsmaterial haben sich innerhalb von zwei Sekunden zu einem Haufen blutigen Sondermülls verknäult. Zarte Beinhaut verklebt die Poren im Asphalt. Einer von vier Live-Stürzen auf 60 Kilometern Berliner Velothon - offenbar der normale Schnitt.

Wir fürchten Laktose, Spähprogramme und Alexander Dobrindt. So richtig Risiko gibt es aber nur beim Volksradrennen. Wenn Zehntausende Aushilfs-Wiggins Ausreißversuche, Sprint-Duelle und Keirin nachspielen, ist der Sturz praktisch gebucht. Oft reicht schon eine luschig fixierte Trinkflasche, eine verlorene Epo-Spritze oder ein erschöpfungsbedingter Taumel, damit irgendein Honk eine Welle fährt und einen unschönen Dominoeffekt im dichten Feld auslöst. Am Ende steht fast immer das hässliche Knirschen. Marathonläufer balancieren an der Selbstzerstörung; Radamateure sind meilenweit drüber.

Wer sind diese, überwiegend, Jungs, die in jener prekären Lebensphase von schütterem Haar, frustrierendem Alltag und nachlassender Allgemeinspannkraft unbedingt noch mal den Hauch von Paris-Roubaix einatmen müssen? Eine kleine Typologie des gemeinen Rennradlers.

Alfons, der Angeber

Trikot von der Alpenquerung, Socken vom Trainingscamp mit Fred Rompelberg, Trinkflasche mit Galibier-Motiv. Ist ja gut, Meister, du hast bestimmt auch einen meterlangen GTI-Ingnition-Chris-de-Burgh-Edition-Aufkleber an deinem Transporter. Wir fänden dich allerdings noch eine Spur toller, wenn du ein bisschen flotter in die Pedale treten würdest.

Piraten-Peter

Vom Radkurier zum Edelschrauber hochgerackert. Redet wenig, weil sowieso keiner Ahnung hat außer ihm. Tattoos von Bremshebeln, Speichen und Kettengliedern auf dem Unterarm. Ohrloch auf die Weite eines 11er-Ritzels gedehnt. Totenkopf-Trikot. Kann an frühere Leistung leider nicht mehr anknüpfen, fährt deswegen mit dem Chopper. Problem: Es gibt nur einen erwachsenen Menschen, der würdevoll Pirat spielen kann. Und das ist Johnny Depp.

Dinkel-Detlef

Entstammt dem deutschen Ingenieurwesen. ADFC-Mitglied, Ehrennadel für 25 Sternfahrten. Referiert über Rohrlegierungen, Muffenkultur, Schaltstrategien. Hat Beleuchtung am Rennrad wegen der Sicherheit und Satteltaschen fürs Werkzeug. Die Gattin hat ihm selbstgebratene Dinkelriegel in die Tupperdose gepresst, an die aber bei voller Fahrt kaum ranzukommen ist. Nach zehn Kilometern fliegen die Lampen ab, nach 20 die Satteltaschen und nach 30 Detlef selbst. Völlig unterzuckert landet er im Rettungswagen, wo er prompt über die Vorzüge des Schaltgetriebes philosophiert.

Greenhorn-Günther

Erste Teilnahme. Hat die Checklisten aus vier Radfachzeitschriften abgearbeitet. Vier Trinkflaschen und zwei Dutzend Gel-Beutel machen den Gewichtsvorteil der sündhaft teuren Karbon-Flaschenhalter zunichte. Schnittwunden an beiden Knöcheln infolge ungelenker Rasierversuche. Haarinseln auf der Wade. Zeitfahrhelm falschrum, weil - beim ICE ist doch auch das Spitze vorn. Brät an der dritten Verkehrsinsel grußlos in die Strohballen, weil er in voller Fahrt mit dem Programmieren seines GPS-Geräts ("Meilen oder Kilometer?") beschäftigt ist.

Lars, der Legionär

Grimmig ist gar kein Gesichtsausdruck. 62 sehnige Kilogramm häuslicher Gewalt, wenn er noch ein Sozialleben hätte. Radsport ist Kampfsport. Fasst den Lenker wie Bullenhörner. Brüllt, meist grundlos. Muss immer Anführer, Erster, Überholer sein. Postergroßes Tattoo von Eddy Merckx zwischen Nacken und Wade.

Lutscher-Lothar

Deutlich über 50 und steckt voller Ehrgeiz, weder die edle Karre noch das teure Textil mit Schweiß zu benetzen. Hält sich deswegen das ganze Rennen lang im Windschatten fremder Leute auf. Würde sich lieber hinter ein Dreirad hängen als auch nur einmal im Leben selbst die anstrengende Führungsarbeit zu verrichten. Hält es für ein Kompliment, wenn er nach jedem Rennen von den Sportskameraden mit den Worten "Geh bügeln, du Lutscher!" verabschiedet wird.

Bernd, die rollende Bombe

Er mahnt, zetert, zittert, keift. Kein Mitfahrer ist sicher vor seinen pädagogischen Hinweisen zum korrekten Fahren im Feld. Fliegt gelegentlich über die Leitplanke, weil er sich wieder mal umgedreht hat, um einen Sportsfreund zurechtzuweisen. Keiner hält an.

Der Bohlen

Weiße Schuhe, weißes Trikot, weißes Rad. Kanariengelbe Socken als ironischer Ausweis von modischer Individualität. Augenbrauen gezupft. Den Helm mit Speckschwarte zum Glänzen gebracht. Weil er leider mehr Zeit beim Brazilian Waxing verbracht hat als im Training, kommt er nur knapp vor den Damenrädern mit Körbchen ins Ziel.


Noch mehr Typen, noch mehr Geschichten in: "Bewegt Euch" Die Glücks-Philosophie des Achim Achilles", Ludwig-Verlag, 19,99 €

Miss dich mit Achim beim Velothon und gewinne ein Rad-Trikot!

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Es war wieder gut was los...
harmlos01 11.06.2013
Ja, jedermannrennen sind schon speziell und ich schreib mir immer eine Notfallhandynummer auf den Arm, damit meine Frau die Organspende schneller freigeben kann...:-) Ich bin immer wieder froh, wenn ich es heil ins Ziel geschafft habe und wenn es nicht so ein verdammter Spaß wäre, mit so vielen Leuten zu fahren, dann würde es diese Rennen einfach nicht geben. wahrscheinlich ändere ich meine Meinung erst, wenn es mich Mal erwischt. Aber bis dahin versuche ich jedes Jahr, meine Bestzeit zu schlagen.
2. Super
slider 11.06.2013
Einer der besten Artikel der letzten zwölf Monate auf SPON. Danke
3. Biken im Taunus
zufriedener_single 11.06.2013
Nach 50km bin ich warm gefahren. Bei 100km läuft's rund und ab 150km habe ich das Gefühl, etwas geschafft zu haben. 200km sind mittlerweile nix besonders mehr. Der Traum: 300km :-) alle Werte selbstverständlich am Stück
4.
otto-dieter 11.06.2013
Auch mit 70 Jahren macht Radfahren noch Spass! Vor allem lange Strecken!
5. Viel besser
almitrans 11.06.2013
kann man die Jedermann-Szene kaum zusammenfassen. Vielen Dank Achim Achilles, endlich mal ein Artikel auf SPON über den man schmunzeln kann und der sich gut liest. So, muss jetzt los zum Radltraining. ;-)
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Zur Person
  • Frank Johannes
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.


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