Achilles' Verse Gefangen in der Hungerwoche

Hunger, Hunger, Hunger: Wunderläufer Achim Achilles steht kurz vor seinem nächsten Marathon, kein Kekskrümel ist vor ihm sicher. Dabei sollte die Woche eigentlich ohne Kohlenhydratsünden ablaufen - denkt zumindest sein Ernährungsdiktator.

Lecker Gurkenscheibe: Eine Woche vorm Marathon sollten Läufer auf Kohlenhydrate verzichten
dapd

Lecker Gurkenscheibe: Eine Woche vorm Marathon sollten Läufer auf Kohlenhydrate verzichten


Schon seit Tagen leide ich an Nahrungsmittel-Tourette: "Garstige Gummibärchen", wütet der Gollum in mir, "böses Brot" und "biestiges Bier". Die Trainingswochen vor dem Marathon sind schlimm, wenn sich der Athlet jede Woche schindet, über 20, 30 Stunden, ach nee, sorry, waren Kilometer. Aber immerhin ist das Essen frei: Rennen, Regenerieren und immer rein mit den fettig-fluffigen Kalorienbergen - das ist der Marathon-Triathlon.

Doch kaum hat man sich an zwei hungergetriebene Kühlschrankbesuche pro Nacht gewöhnt, steht auch schon der Wettbewerb an. Die Woche davor wird nicht mehr gewetzt, sondern gewartet. Dummerweise wütet der Kohldampf weiter.

Unruhig wie ein Zuchthengst in der "Emma"-Redaktion pirscht der Läufer durch die Reihen der Büroschreibtische, um vielleicht einen vergessenen Keks zu entdecken, meinetwegen auch angeknabbert. Im Kinderzimmer habe ich neulich Schokoladenkrümel gefunden, leider unterm Teppich, aber in festem weißen Belag konserviert. Ein Fest auch, als ich nach dem Waschen das Radtrikot aus der Maschine zog und am Knistern sofort erkannte, dass sich ein halber Energieriegel in der Hintertasche verklebt hatte. Vergesst Mälzer, Lafer, Whopper - Cranberry-Bar pre-washed ist nicht zu toppen.

Marathonoptimiertes Essen: Ein Alptraum für den Stammitaliener

Die Hungerwoche vor dem Marathon ist auch eine großartige Gelegenheit, sich beim Stammitaliener nachhaltig unbeliebt zu machen, vor allem wenn Dr. Matze mitkommt. Wir sorgen für wenig Umsatz, aber maximales Generve. Denn Matze ist nur nebenbei Arzt, hauptberuflich ist er Ernährungsdiktator. Seine Aufgabe ist sicherzustellen, dass ich keine kohlenhydrathaltigen Sünden begehe.

Der Doc bestellt nicht einfach "Apfelschorle", sondern fragt meinen Lieblingskellner Manolo nach der Mineralwasserkarte, vergeblich übrigens, um zur Rache eine Art Rezept fürs Getränk zu formulieren: "Genau ein Drittel Apfelsaft, kalt gepresst, naturtrüb, ausschließlich von Früchten, die auf kalkig-torfigem Terroir gewachsen sind, aufgefüllt mit Wasser medium-light, natur-mineralisiert, bitte genau 36,3 Grad." Ich weiß, was Manolo denkt: "Apotheke nebenan."

Um die Sache nicht weiter zu verkomplizieren, bestelle ich "Rotwein, wie immer". Vor dem Marathon muss man rote Blutkörperchen laden, denke ich mir. Manolo guckt versöhnt. Dr. Matze leider nicht. "Haben wir ein kleines Alkoholproblem?", fragt er. Wieso klein, denke ich und fürchte den Moment, da der Herr Mediziner die Schorle zurückgehen lässt, weil zwei Nanogramm Selen fehlen. Um weiteren Peinlichkeiten zu entgehen, beginne ich ein ernährungswissenschaftliches Fachgespräch. Zum Beispiel treibt mich die Frage um, wie lange vor dem Wettbewerb mit dem Carboloading begonnen werden kann. In fünf Tagen ist der Start in Frankfurt.

Langersehnt: Das Füllen der leergelaufenen Kohlenhydratspeicher

Wären Pizza, Nudeln und Mascarpone nicht genau heute eine ideale Mahlzeit? "Selbstmord", erklärt Dr. Matze, "du ruinierst dein Wettkampfgewicht. Aber das ist bei deinem Alkoholkonsum ja wohl eh egal." Ich starre auf die verbliebene Pfütze im Glas und denke an Mona. Wie gut habe ich es doch zu Hause. "Wir essen Fisch", erklärt der Doktor, während er den Brotkorb aus meiner Reichweite zieht. "Fisch ist aber auch nicht vegan", wende ich ein und stelle mir vor, wie ich den Doppelzentner Bolognese inhaliere, während er an halbgedünstetem Fenchelgestrüpp erstickt.

"Omega 3", entgegnet Seine Kapazität, ohne weiter auf meine Einwände zu reagieren, "und vorher Salat." Das Wort hatte ich schon mal irgendwo gehört. Es dauert kaum eine Viertelstunde, bis Manolo die Anweisungen für den leistungsoptimierten Salatteller entgegengenommen hat. "Kein Dressing", lautet der Abschlussbefehl, immerhin Öl. Sehr schade. Ich liebe die Dressingpfütze aus Monas leerem Salatteller, aufgetupft mit reichlich Weißbrot.

Dr. Matze ist in der Küche verschwunden, um dem Koch zu erklären, wie man eine Dorade in Wasser brät. Leider neigt die Dorade zum Zwergenwuchs. Mein Anteil an unserem gemeinsamen Abendessen entspricht etwa einem halben Energie-Gel. Ich fühle mich wie Obelix beim Wildschweinessen in Großbritannien. Einfach nur leer. Tapfer habe ich mit Matze dann noch ein Wässerchen klargemacht und mir den Limoncello "auffe Hause" heldenhaft gespart. Ich weiß, dass ich zu Hause auf dem Herd Kartoffelreste finden werde, im Kühlschrank saure Gurken und einen kaum lieblicheren Riesling. Es heißt schließlich "Wettkampfgewicht" und nicht "Wettkampfmagersucht".

Ernährungstipps für Läufer hat Achim Achilles in seinem E-Book "Endlich abnehmen" zusammengestellt.

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insgesamt 2 Beiträge
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noalk 23.10.2012
1. Entscheidend ist weniger ...
... die Ernährung in der Vorwoche, sondern das, was man während des Laufes zu sich nimmt. Vergiss Bananen und Müsli-Riegeln, kau Laugensemmeln.
murphy83 24.10.2012
2. Lösung ist ganz einfach ...
Nicht mehr normale Marathons laufen sondern etwas in der Ultra-Distanz - bei 100km hat man schon beim Start zum 2. Marathon garantiert alles an Energie wieder abgegeben was man evtl. zu viel drauf gefuttert hatte - ganz ehrlich: Ich will mich beim Laufen doch auch noch halbwegs wohlfühlen, das geht nicht mit übermäßig knurrendem Magen.
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