Achilles' Verse: Pfeift doch auf die Sieger
Beim 100-Meter-Finale der Herren laufen acht Manipulationskünstler um die Wette. Das muss aber niemanden stören, meint Wunderläufer Achim Achilles. Denn der Sport ist so viel mehr als das Rennen um den ersten Platz.
Ist ja wirklich der Hammer. Auch im Westen soll systematisch gedopt worden sein, mit Wissen und Wollen von Politik, Medizin und Funktionären. Liebe Leute, wollen wir mit der naiven Freude von Landungsklatschern auf den Sport schauen oder mal die Realität betrachten? Spitzenleistungen und Doping gehören zusammen, am Tourmalet ebenso wie beim Marathon unterm Brandenburger Tor.
Ein paar Zufallsstichproben bei einem beliebigen Volkslauf würden mit hoher Wahrscheinlichkeit ergeben, dass eine erkleckliche Zahl der Teilnehmer absichtlich oder einfach aus Unwissenheit positiv wäre. Wir wissen ja: Schon der Konsum von Erdbeerbowle kann zu unerlaubten Nebenwirkungen führen.
Weg von der Endkampfchance!
Die alljährliche Spritzendebatte ist ermüdend, denn sie verläuft nach dem immer gleichen Muster: positive Tests, eifriges Vertuschen, ein tränenreiches Teilgeständnis als letzter Ausweg. Und dann machen alle, fast alle, irgendwie weiter. Dieser Teufelskreis ist bis heute nicht durchbrochen. Denn wenn nur einer dopt, fühlen sich alle anderen im Nachteil, schon mental. Bleiben zwei Möglichkeiten: die Lust verlieren oder mitmachen. Kein Wunder, dass Eltern von aussichtsreichem Nachwuchs am System zweifeln und die Kinder selbst sich oft trotz großen Talents für eine Laufbahn abseits der Laufbahn entscheiden.
Wenn dieses Doping-Murmeltier nicht jede Woche erneut aus dem Loch kriechen soll, gibt es nur eine Lösung: Den Wert des Sports umdeuten von der Endkampfchance zum gesellschaftlichen Nutzbringer. Nichts gegen große Siege und nationale Gänsehaut - aber der Sport ist vielschichtiger in seinen Emotionen und Leistungen. Man muss es nur mal sagen. Wenn aber direkt neben der neuesten Dopingenthüllung ein Bericht über die Siegchancen deutscher Athleten steht, dann bildet sich beim Publikum eben jene Verwirrung ab, die in den Medien seit langem herrscht. Wo stehen wir eigentlich? Was wollen wir mit dem Sport erreichen? Wie ist es um unsere Wertemuster bestellt?
Skepsis ist Pflicht
Machen wir uns doch nichts vor: Im olympischen Endlauf über 100 Meter wetzen mit hoher Wahrscheinlichkeit acht Manipulationskünstler nebeneinander her. Die Zeiten kann man ebenso bestaunen wie die unmenschliche Kraxelei bei der Tour de France - aber ernst nehmen als Vorbilder muss man diese Spektakel noch lange nicht. Ein Kern des Sports ist Fairplay, Gesundheit, Wachstum, Spaß. Ob Spitzenathleten da wirklich die optimalen Protagonisten sind? Glaubwürdigkeit sei die Währung des transparenten Zeitalters, sagen inzwischen sogar Investmentbanker. Und Skepsis die erste Pflicht von Bürgern, Sponsoren, Politikern und Funktionären.
Ein nach wie vor reiches deutsches Kulturwesen weist den Weg. Beim Publikum erfolgreich sind nicht nur dekorierte Arbeiten, sondern sehr oft auch Sympathisches, Verstörendes, Wissenswertes und natürlich Trash. Würden nur Buchpreisträger gelesen oder verehrt, wäre dieses Land geistig nicht reicher. Klar, auch im Kulturbusiness gibt es quasi-olympische Wettbewerbe wie Documenta, Biennale oder Art Cologne, sponsorengetrieben und bisweilen unerklärlich hochgejubelt. Aber der Wert von Künstlern wird weniger in Finalchancen gemessen, als vielmehr mit einer Anspruchsvielfalt aus Genuss, Entertainment, Provokation, Aufmerksamkeit, Frische. Dafür sorgt eine Kundschaft mit sehr heterogenen Ansprüchen.
Sport leistet viel für die Gesellschaft
Der Sport ist so vielfältig wie die Kunst, sein individueller wie kollektiver Nutzen geht weit über Siege hinaus. Im digitalen Alltag gewinnt die Leibesübung überraschend an Wert. Nicht Simulation, sondern echtes Leben wird geboten, ein Moment der Freiheit, ein Refugium vom Alltag. Menschen treffen sich, messen sich, üben Regeln ein, regen sich ab, manchmal auf, werden besser, lernen Ausdauer, Technik, Überwindung, Koordination und vor allem sich selbst besser kennen.
Das ist Selbsterfahrung im besten unesoterischen Sinne. Ob Turnvater Jahn oder Pierre de Coubertin, die Väter des modernen Sports hatten natürlich nicht nur hehre Ziele, aber zumindest mal ein paar Werte-Variationen mehr als Siege um jeden Preis. Was zählt bei deutschen Sportfunktionären wohl mehr: eine Goldmedaille oder hunderttausend Sportabzeichen? Idealerweise regt der Triumph des einen den Spaß vieler anderer an. Dieser Zusammenhang ist ein wenig in Vergessenheit geraten.
Die wichtigste Nachricht: Sport ist Leistung, ja, aber eben auch Entspannung. Wer immer nur rackert, wird eines Tages umfallen, verletzt, erschöpft oder gleich tot. Nur wer sich bewegt, weiß den Wert der Pause zu schätzen. Aber der erste Marathon-Läufer ist doch auch im Ziel gestorben, sagt der Alltagszyniker. Man muss ja nicht alles nachmachen. Nicht mal Epo.
Spaß statt Stress. "Laufen & Lust: In zehn Schritten zu mehr Spaß am Leben", Achim Achilles, Mano-Verlag.
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Beatrice Behrens
Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.
- Achilles TV - Folge 35 - Das Duell: Achim vs. Haile
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- Regenerations-Tips für Sportler: Artikel auf achim-achilles.de
- Achilles' Classics - Ja, auch ich habe gedopt: Artikel auf achim-achilles.de
- Laufveranstaltungen: Übersicht auf achim-achilles.de
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