Achilles' Verse Die Sieger des Sommers werden im Winter gemacht

Um im Winter fit zu bleiben, setzt Lauf-Guru Achim Achilles auf ein Trainingslager im Hallenbad. Trotz Chlordurchfall und Krämpfen gibt es eine gute Nachricht: Er hat überlebt. Teil eins des Martyriums.

Abtauchen: Biopren an den Hüften hält den Körper warm
Corbis

Abtauchen: Biopren an den Hüften hält den Körper warm


Keine Ahnung, wie ich auf diese aberwitzige Idee kommen konnte: ein Schwimm-Trainingslager. Völlig irre. Ähnlich aussichtslos wie ein Programmier-Lehrgang oder ein Marathon unter drei Stunden. Ich kann nämlich gar nicht richtig schwimmen, jedenfalls nicht amtlich technisch, sondern mehr als Überlebenstechnik, weil man sonst beim Triathlon nicht mitmachen darf. Der Wind steht ja nicht immer so günstig, dass man sich einfach treiben lassen kann.

Es muss im Dezember gewesen sein, als das Hirn von zu viel Marzipan und Glühwein verklebt war und man sich in vorauseilendem schlechten Gewissen zu Aktivitäten im neuen Jahr anmeldet, die weit genug in der Zukunft liegen, um keine Angst davor zu haben, aber nahe genug, um als Vorsatz durchzugehen und damit Mona nicht lacht.

Außerdem stellt sich ja jedes Jahr wieder die Grundsatzfrage: Wirst du jetzt auch einer dieser trägen, alten Säcke, die nur noch über Immobilien, Essen, Fußball reden und irgendwelche Bestzeiten aus dem vergangenen Jahrhundert vor sich hertragen? Oder greifst du noch mal an, so richtig, mit all deiner Erfahrung, dem Willen, der Anmut, also: Glimmt da irgendwo noch irgendwas?

Kohlehydrate bunkern wegen der anstehenden Belastung

Schwimmen ist kein schlechter Kompromiss, weil die anderen auch keine Granaten sind, ein Hallenbad wärmer ist als der Januar-Wald und man sich im Notfall immer einen Krampf nehmen kann. In meinem altersgerechten Triathlon-Verein, den entspannten Weltraumjoggern, sind viele Lehrer, die Stimmung also eher freizeitaffin als leistungsgeil, nahezu untätowiert zudem. Die werden es schon nicht übertreiben. Taten sie natürlich doch.

Ein Trainingslager erkennt man vom Start weg. Mein Stil: Erst mal in Ruhe die Location erkunden, Begrüßungscocktail aufs Haus, im Wellnessbereich chillen und, ganz wichtig, leistungsfördernde Kohlehydrate in mindestens drei Gängen bunkern wegen der anstehenden physischen Belastung plus achtsam ausgesuchter Weinbegleitung wegen der psychischen Belastung. Die Realität: 17.30 Uhr Ankunft, umgehend Zimmer beziehen, wofür zwei Minuten reichen, denn Mensch plus Sporttasche = Zimmer voll. 17.50 Uhr im Tarzankostüm am Beckenrand, mit Flossen, Paddles, Rettungsring, keine Widerworte.

Die Sportschule Lindow mitten in Brandenburgs Wolferwartungsgebiet ist keine Wellness-Oase, sondern eine Schleiferwerkstatt. Hier sieht es aus wie in Neukölln am späten Vormittag. Menschen höchst unterschiedlicher Launen schlurfen herum und suchen einen, der schuld ist. Wer lächelt, hat nicht alles gegeben.

Ein Alcatraz der Leibesübungen, Flucht kaum möglich

Vor 45 Jahren wurde am Wutzsee die Sportschule Lindow für DDR-Olympioniken errichtet, die bei den Spielen in München abräumen sollten. Franziska van Almsick und Henry Maske trainierten später hier, im Laufpark Stechlin sind 350 Kilometer gespurt. Ein Alcatraz der Leibesübungen, Flucht kaum möglich. Einzige Attraktion: Die Klosterruine nahebei. Was man hier so macht? Sport natürlich.

Sicherheitshalber hatte ich mir drei bis vier Verletzungen zurechtgelegt, daheim schon mal angestrengt anmutendes Schulterdrehen geübt und als Königsausrede unseren Sohn Hans, zehn, mitgenommen, der zwar im Schwimmverein trainiert, aber nach 30 Minuten zuverlässig zu quengeln beginnt. Das väterlich-gütige Beruhigen der gequälten Kinderseele würde mich von weiteren Bahnen leider, leider abhalten.

Um 20 Uhr zog ich mich ächzend am Geländer aus dem Wasser. Ich fror trotz genügend Biopren am Leib. Chlordurchfall kündigte sich an. Hans machte Salti, nachdem er mir etwa zwölf Bahnen abgenommen und beim Überholen auch noch Unterwasserfaxen gemacht hatte. Wurstsalat, Griebenschmalz und Schokoladenpulver mit einem Hauch von Gips-Nachgeschmack würden meinem Körper kaum helfen, bis zum nächsten Morgen um sieben zu regenerieren.

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insgesamt 4 Beiträge
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twisted_truth 03.02.2016
1.
Ist ja putzig Verletzungen zurechtgelegt, warum keine Schwimmflügel? Wie überall gibt's auch im Wasser Menschen die schneller sind. Die Kombination laufen/ schwimmen ist einfach genial.
freshtri 03.02.2016
2. Triguru
Ich mache auch gerade den Schritt vom Marathon zum Triathlon, allerdings mit professioneller Hilfe. Seit November auch mit Schwimmtraining, für heute stehen ganz ohne "Nebenwirkungen" 3,2km auf dem Schwimmplan. @ Achim Du hast da einen FB-Freund der in Sydney erfolgreich war, der macht das spitzen klasse!!! von null auf 3km ganz ohne Martyrium.
Georg8of9Georg8of9 03.02.2016
3. Viel Spass bei diesem Versuch den Körper durch sportliche Betätigung zu stärken.
Eine interessante Versuchsanordnung. Fühlen Sie sich gesünder? Haben Sie weniger Fehltage? Sind Ihre Leber-, Herz- und Nierenwerte besser durch das Herumhüpfen geworden?
Helgerda 04.02.2016
4.
"Biopren"-Anzug ... Eine herrliche Bezeichnung und mein Wort des Jahres !! :-) :-) :-)
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