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Schwimmcamp: Wer jetzt ein Bier heben kann, hat nicht hart genug trainiert

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Corbis

Schwimmer: Chlor und Krämpfe

Schwimmen ist ja so gesund, dachte sich Ausdauer-Experte Achim Achilles und buchte ein Trainingslager im Hallenbad. Teil zwei seines Martyriums.

Training auf nüchternen Magen ist eines von vielen Erfolgsgeheimnissen jener Top-Sportler, zu denen ich nie gehören wollte. Zum Glück liegt der pikante Wurstsalat vom Abendessen noch quer wie ein T-Träger im Verdauungstrakt.

Hans, mein zehnjähriger Sohn, hatte sich bereits 200 Meter eingeschwommen, als ich mich von der warmen Dusche losreiße. Die anderen Teilnehmer des Schwimmtrainingslagers machen spitze Bemerkungen über den flinken Jungen und seinen irgendwie anders begabten Vater. Das Kind genießt es, seinen Ernährer durch freches Grinsen und gelungene Rollwenden öffentlich zu demütigen.

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Wo gestern Arme waren, hängen heute zwei Eisenröhren, die sich weder heben noch knicken lassen. Denkbar schlechte Voraussetzung fürs Schwimmen. Gut, dass man durch die verklebten Lider nichts sieht. Heute morgen ist Rückenschwimmen angesagt. Rücken braucht kein Mensch. Nach dem dritten schmerzhaften Patschen der Hand auf den Beckenrand weiß ich immerhin, dass zwischen den Fähnchen über der Bahn und dem Ende des Beckens nicht mehr so viel Platz ist. Nur noch 76 Minuten.

Hans wird zum wiederholten Mal gelobt, während die Gruppe auf meine Ankunft wartet. Ein guter Hecht schwimmt nicht schneller als er muss, Rücken schon gar nicht.

Hoffi und Lara, die beiden erschreckend jungen Trainer, sind sportlich erfolgreich, durchtrainiert und gucken höflich-mitleidig. Warum tun sie alten Menschen 3x800 Meter an? Da ist doch mit den eigenen Eltern was schiefgelaufen. "Nur noch zwei Trainingseinheiten heute", grient Hoffi, während mich zwei Sportsfreunde aus dem Becken ziehen, "die eine ganz locker, nur Technik". Wie zum Teufel kann etwas locker sein, das man nicht beherrscht?

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Fitness-Übungen: Klassiker und Trends
Nach dem Frühstücks-Wurstsalat zur Entspannung erst mal laufen, acht Kilometer um den Wutzsee. Total locker natürlich, flunkern alle, und rennen dann weg. Gut so. Kaffee, Quark, Rührei, die Käseauswahl, eine Alibi-Kiwi und ein dramatischer Chlorspiegel brauen sich im Magen zu Hochtoxischem zusammen. Die Lauferei hat einen ähnlichen Effekt wie das Schütteln eines Reagenzglases mit TNT drin. Brandenburgs Einsamkeit hat auch seine Vorzüge.

Sportschule und Schweinemast

Endlich Mittagessen, Sportschulen-Cuisine, mit einem Pfiff Deftigem. Natürlich haben die vegan-verwöhnten Großstädter wieder was zu maulen, weil zu wenig Quinoa geboten wird. Sportschule und Schweinemast funktionieren nun mal nach sehr ähnlichen Prinzipien. Darf nichts kosten, muss viel sein und satt machen.

Abfertigung in Schichten. Vor uns eine Rotte Hamburger Triathleten: die Männer mit Haarknubbeln, Frauen mit Text-Tattoos auf den Oberschenkelvorderseiten, alle nett und hirntot. Nach uns eine Horde Judo-Kampfrichter, nicht ganz austrainiert, dafür entschlossener Schiri-Blick. Zwischendrin eine Walkinggruppe aus Pankow sowie ein paar wasserfest geschminkte Jazzdance-Damen, die früher sicher rübergelächelt hätten. Aber der Ranzgeruch von Schwimmbad und feuchtwarmer Kunstfaser sowie die gekräuselte Körperhaltung scheinen keinerlei Aussicht auf einen hotten Sportschulenflirt zu versprechen.

Beide Hände im Essen. Der Kalorienbedarf ist immens. Am Nachmittag geht's wieder ins Becken, mit vollem Bauch Schwimmtechnik, was ein anderes Wort ist für unzählige 50-Meter-Bahnen verzweifelten Kampfes gegen das Absaufen. Dann Stabilisationsübungen für alle Körperteile, die noch nicht wehtun, abends wieder zwei Stunden Schwimmen, ganz entspannt wie die Trainer betonen, dafür ein bisschen mehr Strecke. Würde gern im Orthopädiefachgeschäft zwei neue Arme erwerben.

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21.30 Uhr. Zeit fürs Abendprogramm. Die Bowlingbahn ist von den Hamburgern besetzt. Die Luschen. Wer jetzt noch eine Kugel heben kann oder ein Bier, der hat nicht hart genug trainiert. Wir vergnügen uns mit leerem Starren in Alkoholfreies, bis wir sitzend einnicken. Vor dem Schlafengehen meldet die Polar fast 400 Prozent meines normalen Tagesprogramms - kein Witz.

Das Bett ist gemütliche 60 Zentimeter breit, dafür kaum länger als ein Wookie. Der Matratzenschonbezug aus Plastik knistert ein sanftes Schlaflied. Hans schnarcht leise. Um 2.32 Uhr schaue ich das letzte Mal vor dem Einschlafen auf die Uhr. Um 2.47h das erste Mal nach dem Aufwachen. Sehr erholsam. Woran denke ich mal als erstes? Die schmerzende Schulter? Den aufziehenden Krampf? Das Training in vier Stunden? Oder Wurstsalat, herzhaft?

Ist das jetzt schon Erleuchtung?

Um sieben Uhr immerhin meine Lieblingseinheit: 50 Meter volle Pulle, dann raus aus dem Wasser und Liegestütz, am anderen Ende Kniebeugen. Wer die Treppe nimmt, ist eine Uschi. Wer die Treppe nicht nimmt, knallt mit dem Kinn auf den Beckenrand, weil die Arme nicht aufstützen wollen. Ich werde wie ein Quastenflosser in die Dusche robben.

Zum Glück habe ich Sachen mit Reißverschluss dabei. Über Kopf geht nichts mehr. Auffallend ausgiebig befasse ich mich mit den Strippen an der Schwimmbrille; aufs Klo könnte man auch mal wieder. Profis bringen extra brüchige Bademützen, Jahrgang 2012, mit. Da hat man auch immer was zu Fummeln, was vorm Schwimmen schützt. "Irgendwann ist der Kopf ganz leer", stellt eine Sportskameradin fest. Ich stiere sie regungslos an. Wer, wo, was, warum bin ich? Ist das jetzt schon Erleuchtung? Armer Dalai Lama.

Hans will nach dem Frühstück Tischtennis spielen. Im Prinzip gern. Aber wer hält den Schläger? Außerdem ist noch Laufen und Stabis und Basketball.

Sonntagnachmittag. Halleluja, endlich geschafft. Jetzt sechs Wochen Pause, damit vom Trainingseffekt auch garantiert nichts bleibt. Und dann machen wir das nächste Trainingslager, vielleicht was mit Rennrad.

Lesen Sie hier Teil 1 von Achim Achilles' Schwimmcamp

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Zur Person
  • Frank Johannes
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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insgesamt 11 Beiträge
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    Seite 1    
1. Tränen
kbbaby 09.02.2016
nicht vom Mitleiden, sondern vom Lachen. Vielen Dank für das erste Bauchmuskeltrainingslager am Morgen, lieber Achim Achilles!
2. ...
jujo 09.02.2016
Wie alt sind Sie Herr Achilles? Gut über vierzig, näher an die fünfzig? Wenn Sie das so betreiben wie geschildert, betreiben Sie groben Unfug mit Ihrem Körper und keineswegs zur Nachahmung empfohlen. Ich wünsche Ihnen nur das Beste, beim weiteren survival Training.
3. Herrlich!
niwo 09.02.2016
Super plastisch dargestellt, als wenn man selber dabei war. Mir tut jetzt auch alles weh. Grinse immer noch, dass reicht sicher, um über den Bürotag zu kommen. Danke!
4. Warum diese Qualen?
Phi-Kappa 09.02.2016
Der Achilles schreibt ja wirklich unterhaltsam, um nicht zu sagen, manchmal zum Zerkringeln. Ich frage mich allerdings schon seit es diese Kolumne gibt: Warum in aller Welt tut sich der arme Hund das an? Allein vom Lesen bekomme ich alle Zustände. Kurz: Wer jemals vorgehabt hat, eine der Achilleschen Sportarten zu betreiben, wird diese nach Lektüre scheuen wie der Teufel das Weihwasser.
5.
mam71 09.02.2016
Zitat von Phi-KappaDer Achilles schreibt ja wirklich unterhaltsam, um nicht zu sagen, manchmal zum Zerkringeln. Ich frage mich allerdings schon seit es diese Kolumne gibt: Warum in aller Welt tut sich der arme Hund das an? Allein vom Lesen bekomme ich alle Zustände. Kurz: Wer jemals vorgehabt hat, eine der Achilleschen Sportarten zu betreiben, wird diese nach Lektüre scheuen wie der Teufel das Weihwasser.
Viel interessanter ist doch die Frage, warum ständig Leute, die sich in keinster Weise dafür interessieren, seine Kolumne lesen und auch noch kommentieren. Ich bspw. käme in hundert Jahren nicht auf die Idee, mich in das Forum "Adipöse Couch-Potatoes" oder "Zapp-Finger-Training für Fortgeschrittene" einzuloggen und dort Kommentare abzulassen...
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