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Achilles' Verse: Weltrekord verpasst, Freunde gewonnen

Teil der großen Läuferfamilie: Achim Achilles beim Staffellauf Zur Großansicht
Oliver Farys

Teil der großen Läuferfamilie: Achim Achilles beim Staffellauf

Achim Achilles ist mit seiner 20-Mann-Staffel zwar am Weltrekord über zehn Kilometer gescheitert. Beim Stadtlauf Berlin hat sich aber dennoch etwas zusammengefunden, was sonst ein Mythos ist: die große Läuferfamilie.

Der ganze normale Läufer-Wahnsinn: Ultrastreckler Gaston hat diese Woche 160 Kilometer trainiert. Tim wechselt gerade vom SCC Berlin nach Regensburg, wo er noch härter für seine Läuferkarriere arbeiten will. Klaus trägt mal wieder zwei GPS-Uhren, weil er dauernd Gadgets testet. Ingalena gibt bald ein Lauf-Seminar in St. Peter-Ording. Und der kleine Sohn von Olympiasieger Nils Schumann darf Kohlenhydrate essen. Wie herrlich - ein Mittagessen ohne Orthorexie-Wahnsinn. Darauf eine Extraportion Pommes.

Es ist Sonntagmittag, der Stadtlauf in Berlin-Steglitz ist vorbei und zwei Dutzend Läufer aller Klassen schwatzen bei Pizza und Käsekrusten-Pute. Läufer sind ein elitäres Pack. Deswegen würden Könner nur in Ausnahmefällen, etwa bei Autogrammwünschen, ein paar knappe Worte mit Volksschleichern wechseln. Aber nach unserem sehr knapp gescheiterten Weltrekordversuch hat tatsächlich zusammen gefunden, was im richtigen Leben eher ein Mythos ist: die große Läuferfamilie.

Normalerweise würde jeder von uns nach einem Wettkampf stumpf in die Gegend stieren und all die Gründe analysieren, warum es wieder so langsam lief: Wind, Strecke, Wärme, Kälte, Material, das Übliche halt. Allenfalls würden wir mit anderen Lauf-Nerds Zahlen austauschen, wahrscheinlich aber eher einsam im Auto hocken und hoffen, dass der Krampf im Bremsbein nicht wieder kurz vor der Baustelle kommt, weshalb man unlängst mit 170 Stundenkilometer durchraste. Läufer sind Eigenbrötler; hätte man laberige Geselligkeit gewollt, wäre man bei Fußball oder Walking gelandet.

Das gute Gefühl, ein Team zu sein

Gemeinsam hatten wir an diesem Sonntagvormittag in Berlin-Steglitz versucht, den Weltrekord über zehn Kilometer (26,44 Minuten von Leonard Komon) mit 20 Menschen zu knacken, die jeweils 500 Meter sprinteten.

Leider haben wir den Rekord um eine halbe Minute verfehlt, aber dafür ungleich Wichtigeres gewonnen: das Gefühl, als Team etwas Gemeinsames geschafft zu haben, weil wir Läufer auch mal mit- und nicht immer nur gegeneinander rennen können. Ob Goldmedaillengewinner oder Elektriker, ob sehbehindert oder Wessi, ob Studentin oder Qualitätsmanager - wir hatten eine gemeinsame Mission, an der wir scheiterten. Aber als Team sind wir in Windeseile zusammengewachsen wie Jogis Nationalelf. Fehlte eigentlich nur noch die Kanzlerin zum Selfie.

Nun reden also echte Raketen wie Micha, Randy, Ron, Nico oder Tim, die 500 Meter in 70 Sekunden wetzen, mit mir fast wie mit einem Sportskollegen, wenn auch mit diesem leicht mitleidigen Lächeln der Sonderschullehrer, das auf keinen Fall mitleidig aussehen soll, auch wenn ich knapp die doppelte Zeit gebraucht habe.

Zwischen richtigem Laufen und Volkssport liegt halt doch ein kleiner Unterschied: Talent zum Beispiel, irrer Trainingsfleiß und die Bereitschaft, sich für einen Wettbewerb in jene Zwischenwelt namens "Tunnel" zu begeben, wenn der Athlet seinen Körper trotz viel zu wenig Sauerstoff und viel zu viel Laktat mit einem Autopiloten namens Willen über die Strecke peitscht ohne der süßen Versuchung nachzugeben, einfach stehenzubleiben oder wenigstens langsamer zu werden.

Interessante Nebeneffekte des Laufs

Die jungen Profis erfahren von den Amateuren dagegen, wie es ist, mit Job, Familie und ohne Talent zumindest drei Trainingseinheiten die Woche herbeizuorganisieren. Zu den Widersprüchen der Läuferwelt gehört auch, dass talentierte Junioren voller Neid auf gut verdienende Volksläufer starren, die trotz eines Kofferraums voll Spezialschuhen, Funktionsklamotten und Technik-Schnickschnack kaum bis ins Ziel gelangen.

Der ambitionierte Nachwuchs dagegen, falls nicht zufällig mit Sponsor, Sporthilfe oder reichen Eltern gesegnet, freut sich über jede geschenkte Sportsocke. Wer täglich trainiert, ohne schon zur Weltspitze zu gehören, lebt fast automatisch in relativer Bescheidenheit. Wer dagegen arbeitet, kann sich zwar bergeweise Klamotten leisten, aber keine nennenswerten Medaillen vorzeigen. Wir lernen: Die Luft an der Spitze ist genauso dünn wie im Dschungel des Breitensports.

Spendenaktion: Achim Achilles und Shoe4Africa sammeln Laufschuhe für Laufevents in Kenia.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Ein Tip, Herr Achilles :
doubletrouble2 27.08.2014
benutzen Sie beim nächsten Versuch zwanzig gegen Einen, doch einfach schicke High-Tec- Rennräder eines geneigten Sponsors und dann klappt das auch, mit dem Sieg über einen einst armen Afrikaner, der nichts hatte als seine Erbärmlichkeit auf der Farm des Vaters und einem unbeugsamen Willen, dem Elend zu entkommen. Sie und ihre Mannschaftsmitglieder sind einfach nicht arm genug, um so schnell zu rennen. Talent und Körperbau sind sicher wesentliche faktoren, doch solche Laufzeiten sind vor allem eines : Ein soziales Phänomen, später vielleicht gepaart mit etwas Chemie aus dem Labor. Aber alle Chemie der Welt macht aus einem Wohlstandsdeutschen keinen Kenianer.
2. Gott sei Dank
pirx64 28.08.2014
Gott sei Dank das dieser Selbstdarsteller mit seinen allwöchentlichen narzistischen Ergüssen es nicht geschafft hat. #1: Ein weiterer Unterschied: Die Afrikaner laufen von Kindesbeinen an, und meist große Strecken täglich. Westliche Wohlstandskiddies werden zur Kita, Schule, Sport, zum Musikunterricht usw. meist gefahren.
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ZUR PERSON
  • Frank Johannes
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.


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