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Achilles' Verse: Atemlos im Funktionskorsett

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Corbis

Laufen mit Funktionskleidung: Schneller durch Kompression?

Kompressionswäsche ist die neue Geheimwaffe unter Ausdauersportlern. Wird der Athletenleib ordentlich zusammengedrückt, steige die Leistung, heißt es. Wunderläufer Achim Achilles hat die Läuferkorsetts ausprobiert.

Wir Laufveteranen dachten, nach dem ästhetisch fragwürdigen Kompressionsstrumpf kann keine Innovation mehr kommen. Hose, Hemd, Socken, Schuhe sind wie die Bierflasche - komplett ausentwickelt. Aber weit gefehlt: Die Kompression ist nach oben gewandert und umklammert jetzt den ganzen Körper wie ein textiler Oktopus.

Jetzt wird zusammengezwungen, was von Natur aus eher auseinanderfällt. Früher haben Hollywood-Diven solche Leibwäsche zum Dinner mit dem Produzenten getragen; heute legt der Freizeitathlet das formende Textil für den Waldlauf an, koste es, was es wolle.

Quetsch' mich, bis ich quietsche

Die Hersteller liefern jede Menge wissenschaftlich anmutender Belege dafür, dass der Druck womöglich der Leistungssteigerung diene. Denkbar ist das, die Wahrheit ist aber vermutlich sehr viel schlichter: Die Stretch-Trikotage quetscht den schlaffen Leib in Form und führt zu gefühltem Superman-Dasein. Durch schlaues Anordnen der Druckzonen scheint der Brustkorb zu schwellen und das Bauchfett auf wundersame Weise zu verschwinden - ein Korsett ohne lästige Schnürerei. Quetsch' mich, bis ich quietsche.

Hardliner tragen das Druckhemd auch nachts. Angeblich wird die Muskulatur rund um die Lunge durch den Gegendruck zu Spitzenleistungen getrieben. Das "atmungsaktive Gewebe" bekommt plötzlich eine ganz neue Bedeutung.

Achim Achilles hat verschiedene Spezialfasern auf ihre wundersame Wirkung getestet:

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Falke

Falke (Impulse)

Vorsprung durch Technik aus dem Sauerland. Die Textilien aus der Serie Impulse komprimieren nicht nur, sondern sollen auch Faszien, Triggerpunkte und Geweberegionen stimulieren, womit Ausdauer und Regeneration beschleunigt werden sollen. Für Feinschmecker: Es geht um "Propriozeption und Sensomotorik".

Läufer glauben sowas. Der Clou sind Silikon-Noppen, die richtig spürbar ins Fleisch drücken und auch nach mehreren Wäschen noch an den richtigen Stellen sitzen. Verhindert garantiert das Einschlafen beim Training und erspart den Besuch im Sadomaso-Studio. Wer zum ersten Mal die halblange Tight aus der Verpackung angelt, wird peinlich berührt kichern. Da soll ich reinpassen?

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Achim Achilles

Die Antwort lautet: Kaum zu glauben, aber passt. Zurückhaltendes Design, stolzer Preis, und die Noppenabdrücke sind bis zum nächsten Tag auch wieder verschwunden. Hilft's auf dem Weg zur Bestzeit? Keine Ahnung. Aber fühlt sich ganz gut an.

Zielgruppe: Dritter bis vierter Frühling.

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Strammer Max

Strammer Max (Breeze)

Hier wird nicht lange drumherum geredet: Strammer Max macht Shapewear für Männer, also Unterwäsche, die hält, was der Körper nicht verspricht. Natürlich gibt es das übliche wissenschaftliche Wortgeklingel von der Unterstützung des Rückens und anderer segensreicher Haltepunkte, aber im Kern geht es um Brust raus, Bauch rein.

Die Max-Klamotten kommen im unscheinbaren Retro-Look mit V-Ausschnitt daher, aber sitzen so stramm, dass man idealerweise vom Schrank hineinspringt, wenn man nicht gerade die Figur eines Windhundes hat. Die Hemdchen sind wahrscheinlich aus Bungee-Seilen gewoben und heißen "Breeze", wobei "Breathe!" treffender gewesen wäre. Größte Herausforderung der ersten 90 Sekunden - atmen, erst flach, dann langsam selbstbewusster.

Wer den Einstieg überlebt, wundert sich über einen anschwellenden Brustkorb bei gleichzeitig in Form gepresster Taille. Wir proben den Ernstfall und stolzieren wie beiläufig an der Gattin vorbei. Tipp: Nicht reden, wegen Sauerstoffmangels. Plötzlich ein anerkennender Pfiff. "Hast Du abgenommen?", fragt Mona, zum ersten Mal seit Mauerfall. Schon dafür lohnt sich die Investition. Aber: Aufpassen, dass die Spannungshemdchen nicht hochrollen, wozu sie tendieren. Sonst liegt eine unschöne Bauchspeckwurst im Freien.

Zielgruppe: Paarungswillige Kleinstädter.

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X-Bionic

X-Bionic (Impact)

Die Schweizer sind die Freaks unter den Sportwäscheproduzenten. Wer bislang an simple Baumwolle oder schlichte Kunstfaser glaubte, der bekämpft den Terminator auch mit einem Zahnstocher.

Nein, Laufklamotten sind Research, Innovation, Technology - also mehr Hochtechnologie als eine Marsmission. Keine Firma hängt so viele englische Irgendwie-kompetent-kling-Worte aneinander.

Tatsächlich besteht ein X-Bionic-Hemd aus unendlich vielen verschieden gewebten Flächen, mal längs, mal quer, mal diagonal, mal straff, mal sehr straff. Da muss eine alte Frau lange für stricken. Liegt es an der mangelnden Sensibilität des Durchschnittsathleten, dass die Unterschiede eher optisch als physisch wahrnehmbar sind?

Oder muss man erst dreimal um den Mont Blanc gerannt sein, damit der Vorsprung durch Textil spürbar wird? Wer in X-Bionic trainiert, der will aussehen wie ein Cyborg und gibt ein klares Statement zum darstellenden Laufen ab. Unauffällig ist anders. Aber wer Aminosäuren, Atemtrainer und HITT-Intervalle durch hat, versucht's halt mal hiermit.

Zielgruppe: Alleinstehende Besserverdiener in der Midlife-Crisis.

ZUR PERSON
  • Frank Johannes
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Danke
crma 25.11.2015
Gute "Bewertungen", die gläubige Läufergemeinschaft wird ihr Geld schon los. :-)
2.
taste-of-ink 25.11.2015
Also ich trage gerne Kompressionsbeinlinge. Die Dinger leisten erstaunliche Arbeit was Wärme und Kälte angeht. Und man spart sich das Mitschleppen einer zusätzlichen warmen Hose zur Regenhose in der Pflichtausrüstung. Bei Kompressionsshirts hätte ich Angst, die Dinger nicht mehr auszubekommen, wenn man geschwitzt ist. Das ist ja schon mit Beinlingen eine Herausforderung.
3. Gleichberechtigung
Axel B. 25.11.2015
In Zeiten, in denen es für Frauen "Funktions-Jeans" gibt um den fetten, schlaffen Arsch anzuheben und optisch etwas herzumachen muss man sich nicht wundern, wenn körperlich Zu-Kurz-Gekommene jetzt auch zu solchen Hilfsmitteln greifen. Auf jeden Fall toll geschrieben und typisiert :-))
4. Wahre Liebe
ponyrage 25.11.2015
Geld verbrennen statt Kalorien. Das böse Erwachen kommt dann wie immer, wenn man plötzlich nackt dasteht. Dann zählen die inneren Werte, und von denen bleibt nicht viel übrig.
5. nö...
fatherted98 25.11.2015
...Kompression bringt nix...außer Atemnot.
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