Achilles' Verse "Laufen, schwitzen, denken - das ist mein Triathlon"

VW-Krise, Flüchtlingskrise und bei Hannover 96 sah es auch schon besser aus. Und was macht Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil? Laufen - mit Achim Achilles. 42 Fragen an den Ministerpräsidenten.

Politiker Weil (l.) und Achilles: "Kollaps erst nach der Zeitnahme"
Achim Achilles

Politiker Weil (l.) und Achilles: "Kollaps erst nach der Zeitnahme"


Startzone: Die Sicherheitsleute hüpfen schon eine Viertelstunde vorher im Foyer der Staatskanzlei, stretchen alibihalber und gucken so, als ob gleich eine harte sportliche Herausforderung anstünde. Der Chef - in Sportklamotten - bereitet sich derweil gedanklich auf seinen Lauf um den Maschsee in Hannover vor: Stephan Weil, 56, zieht den Bauch ein und freut sich auf eine Dreiviertelstunde an der frischen Luft. Das Ziel liegt nur einen Steigungslauf von der Staatskanzlei entfernt.

Frage 1 : Bestzeit um den Maschsee?

Weil: Früher, als ich voll im Fußballtraining war, 22 Minuten. Letztes Jahr waren es 29 Minuten und 40 Sekunden. Grausam. Jedes Jahr 20 Sekunden langsamer. Bald fällt die Halbstunden-Marke. Dramatischer kann man kaum aufs Altern hingewiesen werden.

Frage 2: Mal systematisches Training versucht?

Weil: Ich weiß, es klingt wie eine Ausrede: Aber ich schaffe es einfach nicht. Ich wäre schon froh, wenn ich zweimal die Woche zum Sport kommen würde, einmal Fußball, einmal Laufen.

Frage 3 : Mir wurde geraten, mit Ihnen nicht so viel über VW zu reden. Wie sieht's denn so aus in Wolfsburg?

Weil: Super, wieso?

Frage 4: Und Hannover 96?

Weil: Hören Sie auf. Dahin gehe ich bald 50 Jahre, da lernt man, viel einzustecken. Ich bin ja gelernter Fußballer. Ich fand es immer sinnlos, ohne Ball zu laufen.

Frage 5: Sind Sie Müller oder Kroos oder Boateng?

Weil: Mit den Jahren wird man nach hinten durchgereicht. Aber für den tödlichen Pass reicht es manchmal noch, oder einen satten Schuss in den Winkel. Ist wie Fahrradfahren - verlernt man nicht.

Frage 6: Und warum dann Laufen?

Weil: Meine Frau ist schuld. Die fing damit an. Und ich wollte sie nicht allein durch den Wald rennen lassen.

Frage 7: Laufen aus Liebe - wie romantisch.

Weil: Ich habe dann auch Gefallen daran gefunden. Aber ich hatte weder Zeit noch Ehrgeiz, um für einen Marathon zu trainieren. Das ist ja doch ein anderer Schnack.

Frage 8: "Ministerpräsident auf allen Vieren nach sieben Stunden ins Ziel gekrochen" - das will kein Politiker über sich lesen.

Weil: Dafür reichte bei mir auch der Halbmarathon. Im Mai 2010 bin ich wenige Hundert Meter vor dem Ziel zusammengeklappt. Dabei hatte ich eine Superzeit, was mich bis heute ärgert.

Frage 9: Was wäre denn für eine Zielzeit herausgekommen?

Weil: So um die 1:46.

Frage 10: Alte Läuferregel: Kollaps erst nach der Zeitnahme. Was Ernstes?

Weil: Nee, schiere Dummheit, Ignoranz, mangelnde Demut vor der Strecke - was Sie wollen. Ich war schon dehydriert an den Start gegangen. Meine Familie hat mir dann eine furchtbare Standpauke gehalten und mir verboten, so was noch mal zu machen. Also habe ich mich von meinen Olympia-Ambitionen verabschiedet.

Frage 11: Keine läuferischen Ziele mehr: New York, Hawaii, Osnabrück?

Weil: Nichts davon. Aber ich finde die Achtzigjährigen toll, die immer noch jedes Wochenende irgendwo mitrennen - das wäre mein Ziel. Kennen Sie von Haruki Murakami "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede"?

Achilles: Sensationelles Buch, leider nicht von mir ...

Weil: ... trotzdem von vorn bis hinten richtig. Auch ich habe diese Erfahrung gemacht: Laufen ist die schönste Art, eine Stadt zu entdecken. Ich bin in Sydney mal um vier Uhr morgens mit einem Jetlag aufgewacht und dachte: Du kannst dich jetzt noch locker drei Stunden im Bett wälzen oder du stehst auf und läufst los. Dann bin ich um die Oper herum und über die Harbour Bridge. Das war genial.

Frage 12: Mit welchen Sozialdemokraten laufen Sie am liebsten? Sigmar Gabriel täte frische Luft ganz gut. Manuela Schwesig kneift vor einer Runde mit mir. Heiko Maas vertröstet mich auch dauernd. Aber Olaf Scholz soll ganz gut sein.

Weil: Olaf rudert viel, hat er neulich erzählt. Aber ich bleibe lieber allein, da kann ich einigen Leuten noch mal sehr klar sagen, was ich immer schon mal loswerden wollte, wenn auch nur in Gedanken.

Frage 13: Macht Politik aggressiv?

Weil: Manchmal. Deswegen braucht man ein gesundes Ventil. Rotwein ist auf die Dauer nicht wirklich die Lösung. Und wichtig ist es, dass nach dem Wutabbau zuerst die seelische Reinigung und dann die Phase für neue Gedanken und frische Ideen kommt.

Frage 14: Klingt nach sehr langen Läufen.

Weil: Eine halbe Stunde reicht.

Frage 15: Werden Sie erkannt unterwegs?

Weil: Der Hannoveraner ist ein zurückhaltender Mensch. Die meisten grüßen nett, das war's. Schön sind auch Wahlkampfzeiten. Da mache ich immer Lauftreffs, reise zwei Stunden vorher an, und dann geht's los ...

Achim Achilles: Die alte Joschka-Strategie ...

Weil: Macht Spaß, hält fit, und man kommt mit den Menschen ins Gespräch.

Frage 16: Zu wem ist der Wähler freundlicher: zum Ministerpräsidenten Weil oder zu Stephan, dem Läufer?

Weil: Ich würde nicht ausschließen, dass beide gleichauf liegen.

Frage 17: Stimmt es eigentlich, dass der Maschsee nach Carsten Maschmeyer benannt wurde?

Weil: Dann müsste Herr Maschmeyer deutlich älter sein als er aussieht. Der See heißt schon seit den Dreißigerjahren so.

Frage 18: Hannover ist ja ein einziges Promi-Nest: Maschi, Schröder, Klaus Meine, Oliver Pocher, Marc Bator, Sie ...

Weil: ... und wir haben attraktive Vororte: Hamburg zum Beispiel oder eben Berlin. Aber mal im Ernst: Die "Maschsee-Connection" war eine brillante Medienerfindung.

Frage 19: Treffen Sie die Wulffs öfter beim Laufen?

Weil: Bis jetzt nicht, jedenfalls nicht beim Laufen.

Frage 20: Aber spätestens seit dem Fall Wulff weiß jeder: Politik ist nicht gesund. Haben sich Ihre Ernährungsgewohnheiten verändert?

Weil: Ja, aber nicht zum Guten. Das Problem ist gar nicht mal die Menge, eher die Regelmäßigkeit. Den ganzen Tag über nichts Anständiges und dann um 10 Uhr abends hungrig wie ein Stier an den Kühlschrank.

Frage 21: Und sonst: Yoga, Pilates, meditieren - irgendwas mit Achtsamkeit?

Weil: Nee, das sind alles keine niedersächsischen Nationalsportarten.

Frage 22: Haben Sie wenigstens Rücken?

Weil: Geht eigentlich. Obwohl ich viel zu viel sitze und keinerlei Gymnastik mache, geht's mir ganz gut. Laufen, schwitzen, denken - das ist mein Triathlon. Vor 20 Jahren hatte ich echt Rücken, das war die Zeit, als ich mit dem Laufen angefangen habe. Den Arzt habe ich auch gewechselt.

Frage 23: Und was sagt der neue?

Weil: Ganz banal, aber sehr wirksam, zum Beispiel: Portemonnaie raus aus der Gesäßtasche, Einlagen rein in die Schuhe. Das ist die halbe Miete für eine bessere Haltung. Und er hat recht gehabt.

Frage 24: Problemzonen?

Weil: Politisch gibt's keine, aber: Oberschenkel rechts. Im letzten Jahr um diese Zeit wäre es nicht so einfach gewesen, dass wir zusammen laufen, weil ich immer wieder muskuläre Probleme hatte. Da habe ich mir neue Schuhe gekauft. Jetzt geht's.

Frage 25: Die Shopping-Therapie, kenne ich gut. Gewichtsprobleme?

Weil: Seit ich Ministerpräsident bin, sind mindestens drei Kilogramm dazugekommen.

Achim Achilles: Geht doch. CDU-General Peter Tauber rechnet ein Kilo pro Jahr ...

Weil: Der ist viel zu jung, um so was beurteilen zu können.

Achim Achilles: Dafür rennt er 80 Kilometer an einem Wochenende.

Weil: Interessant, wofür ein Christdemokrat so alles Zeit hat.

26. Achim Achilles: Haben Sie eine Pulsuhr?

Weil: Wofür? Ich merke auch so, wenn's anstrengend wird. Zu viele Körper-Informationen führen zu übertriebener Ich-Bezogenheit und vermutlich auch zu mehr Alltagspanik. Wurstessen soll ja jetzt auch lebensgefährlich sein. Das Leben ist voller Risiken.

Frage 27: Lieblingstageszeit zum Laufen?

Weil: Früher Nachmittag. Ich springe morgens nicht aus dem Bett und renne los.

Frage 28: Und im Winter ins Fitnessstudio?

Weil: Nichts da. Ich laufe durch. Nieselregen, Matsch, Wind - das ist niedersächsische Wellness. Wenn man nach Hause kommt, fühlt man sich großartig.

Frage 29: Früher sind Politiker häufiger mal zu Waldspaziergängen aufgebrochen, Franz Josef Strauß zum Beispiel. These: Verhandlungen in der Natur bringen bessere Ergebnisse.

Weil: Andere These: Gemeinsames Wandern erhält die Freundschaft. Mit meinen Kumpels gehe ich seit 30 Jahren einmal im Jahr in die Berge. Im letzten Jahr waren wir in der Steiermark, da war ich elf Stunden netto unterwegs, mit wahnsinnig vielen Höhenmetern, und am Ende war ich dem Tode näher als dem Leben. Aber im Nachhinein hat es Spaß gemacht. Nur zwischendurch nicht.

Frage 30: Lieblingsmarke?

Weil: Ist mir sowas von egal. Obwohl: Als guter Patriot sollte ich jetzt Adidas sagen. Immerhin unterstützen die den Deutschen Fußball-Bund.

Frage 31: Bevorzugte Klamottenfarbe?

Weil: Schwarz. Macht schlank.

Frage 32: Ist Laufen ein sozialdemokratischer Sport?

Weil: Also erst mal nicht, weil die meisten Menschen allein laufen, das ist uns Sozialdemokraten ja eher fremd. Wir wollen Gemeinschaft. Insofern ist Fußball sozialdemokratischer.

Frage 33: Aber ohne Tore. Die sind ungerecht, weil dann meist einer gewinnt.

Weil: Wenn die Regeln in Ordnung sind und jeder eine faire Chance hat, dann darf man auch gewinnen.

Frage 34: Ein großer Philosoph hat mal geschrieben: Laufen ist die perfekte Mischung aus Kommunismus und Raubtierkapitalismus. An der Startlinie sind alle gleich, gleiche Chancen, gleiche Klamotten. Mit dem Startschuss beginnt der totale Darwinismus, jeder gegen jeden, ohne Gnade.

Weil: Nur an der Spitze. Hinten hilft man sich auch schon mal. Das ist eine Erfahrung, die Sie als Spitzenathlet nicht kennen.

Frage 35: Ich werde Sie wählen, versprochen. Warum tragen Sie eigentlich kein SPD-Laufhemd, mit einem Bild von Andrea Nahles drauf?

Weil: Hätten Sie vorher was gesagt. Die Auswahl ist groß, für Organspende, für drogenfreies Leben ...

Frage 36: Gilt Bier als Droge?

Weil: Ne, Grundnahrungsmittel.

Frage 37: Sind Sie für Cannabis-Freigabe?

Weil: Nein. Ich war sechs Jahre im Justizministerium und da viele Jahre zuständig für Betäubungsmittelstrafrecht, und seitdem weiß ich, dass Cannabis für viele Leute der Einstieg ist.

Frage 38: Dopingsünder in den Knast?

Weil: Die Athleten trifft häufig die geringste Schuld. Und ich hoffe inständig, dass die Dopingbekämpfung soweit intensiviert worden ist, dass der Betrug nicht mehr gang und gäbe ist. Ich kann diese Form von Ehrgeiz nicht verstehen. Es gibt keine Situation, wo ich wegen Sport irgendwie ein gesundheitliches Risiko eingehen würde ...

Achim Achilles: ...sagte der Mann, der beim Halbmarathon die Grätsche machte...

Weil: Das war Blödheit, kein Ehrgeiz.

Frage 39: Interessante Unterscheidung. Wenn es eine Dopingpille für Wahlsiege gäbe?

Weil: Brauche ich nicht. Klappt bis jetzt auch so.

Frage 40: Blick auf die Uhr: 35 Minuten für die Maschseerunde. Nicht schlecht für einen lockeren Quatschtrab, oder?

Weil: Völlig okay. Willkommen im Stamm der "Maschseekenianer".

Frage 41: Und jetzt? Liebste Belohnung, kulinarisch?

Weil: Einen Apfel.

Frage 42: Das sagen Sie jetzt nur für die Wähler.

Weil: Und dazu ein Glas Wasser. Das Herrengedeck 2015.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
crma 10.11.2015
1. Nice
Nettes Interview und endlich mal jemand der ein Herrengedeck nach meinem Geschmack propagiert. :-) Weiter so.
melnibone 10.11.2015
2. Denken ...
Schwitzen ... Davonlaufen. Weil: Brauche ich nicht. Klappt bis jetzt auch so. Ein schwitzender Öffentlichkeitsarbeiter sozusagen. Ist das jetzt Trend ... der Allgemeinheit das tägliche ´Schwitzen´ durch eigenes ´Vorschwitzen´ ´erträglicher´ ... ach, wurst. Lasst Sie laufen und sich wieder ´öffentlich´ ´einfangen´ lassen.
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