Achilles' Verse: Das Wandern ist der Familie Frust

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Wandern im Wald: Bei zu viel Planung kann die Entspannung ausbleiben

"Was Hape Kerkeling kann, kann ich schon lange", denkt sich Wunderläufer Achim Achilles und macht mit seiner Familie einen Wanderurlaub auf dem Saar-Hunsrück-Steig. Ausgestattet mit GPS-Gerät, Höhenmesser und einem minutiösen Plan merkt er schon bald: So funktioniert das nicht!

Die stärkste Waffe im Kampf gegen den Winter ist der Katalog mit den Sommerurlauben. Leider haben wir verstörend unterschiedliche Wünsche: Die Gattin will sich erholen, also nichts tun, der Kleine will mit anderen Kindern herumtoben, und ich will in Ruhe trainieren. Ich fürchte, wir werden wieder wandern. Da hat immerhin keiner was davon.

Vorvergangenen Sommer haben wir den exotischsten aller Familienurlaube unternommen, in einer fernen, unwirtlichen Gegend mit Eingeborenen, die sich in merkwürdigen Dialekten verständigten. Wir waren wüsten Wettern ausgesetzt, mussten tagelange Märsche durch die Wildnis bewältigen, in durchweichten Klamotten, und ohne einer Menschenseele zu begegnen. Wir haben das Äußerste gewagt: den Saar-Hunsrück-Steig. In diesen zehn Tagen gemeinsamen Wanderns habe ich mehr über meine Familie, über mich und unsere Funktionszusammenhänge gelernt als in 364 Alltagen.

Als verantwortungsvoller Familienvater und Rottenführer hatte ich natürlich exakte Pläne zurechtgerechnet, Tageskilometer, Durchschnittsgeschwindigkeit, Rasten, Besichtigungs- und Fotogelegenheiten schon Monate vor dem Start definiert.

Leider war der schöne Plan schon zum Teufel, als wir frühmorgens in Idar-Oberstein aus dem Zug fielen. Es nieselte. Keiner der wenigen Passanten wusste, wo der Einstieg in den legendären Wanderweg zu finden sei. Der Kleine hatte Hunger, die Gattin verlangte nach einer Drogerie, ich musste mal.

Wir streunten durch einen grauen Ort. Monas Vorschlag, mit einem Taxi zum Start zu fahren, lehnte ich empört ab. Wir wollten wandern, nicht Wellness, jedenfalls nicht gleich. Die heiter-beschwingte Laune, die uns die berufsmäßigen Flunkerer im Familien-Reisemagazin in Aussicht gestellt hatten, wollte sich jedenfalls nicht einstellen.

Es ging stracks bergauf - dafür hatte der Regen zugenommen

Kaum eine Stunde später hatten wir den Weg tatsächlich gefunden. Es ging stracks bergauf, dafür hatte der Regen zugenommen. Nach etwa 500 Metern fragte der Kleine, ob wir eine Rast machen könnten, exakt 4,7 Kilometer vor dem ersten planmäßigen Stopp. Ich schwieg vorwurfsvoll und verschärfte das Tempo. Irgendwann würde dieser elende Anstieg zu Ende sein und das Kind froh. Tapfer unterdrückte ich den Gedanken, direkt zurück zum Bahnhof zu marschieren und vom nächsten Flughafen per Last-Minute-Offerte in einen Liegestuhl am Mittelmeer zu flutschen. Teurer wäre der Trip auch nicht, dafür sonnig. Der Junge könnte im Sand buddeln. Die Gattin den ganzen Tag in Drogeriemärkten flanieren.

Einen Vormittag lang schwiegen wir uns an. Ich hatte den Eindruck, die Gattin und der Kleine ließen sich absichtlich zurückfallen, um hinter meinem Rücken über mich zu tuscheln. Ich sog demonstrativ ganz tief die Waldluft ein. Ich wollte mich erholen. Jetzt sofort. Allein: Es ging nicht. Ich grummelte.

An einem Unterstand hatten wir unsere erste Rast. Ich hatte mir kohlehydratarme Tage verordnet, weil ich bis zum nächsten Triathlon noch ein paar Pfunde loswerden wollte. Wer sich länger als zehn Minuten am Stück bewegt, reagiert auf Kohlenhydrate leider wie ein Teckel auf Jagdwurst. Ich hasste mich. Plan nicht eingehalten, miese Stimmung in der Truppe und jetzt auch noch fehlende Disziplin am Rucksack. In einem Rutsch fraßen wir die schokoladenüberzogenen Reiswaffeln auf, die den ganzen Tag halten sollten.

Eine Ameisenarmee hatte sich einen Weg über den Schulterriemen des Rucksacks gebahnt. Ameisen sind Musterbeispiele für die Sogkraft kollektiven Bewegens. Lebenslänglich Gänsemarsch und immer gut drauf dabei. Der Kleine versuchte, die Angreifer umzuleiten, indem er einen Ast als Abzweigung zurück zum Boden anbot. Ich half, indem ich den weiteren Aufstieg am Riemen mit der leeren Schokoreiswaffelplastikschale blockierte. Wir quälten die Ameisen nicht, wir foppten sie nur. Wir lachten über die trotteligen Tiere, als sie hintereinander weg über den Ast zurück auf den Waldboden marschierten. Waldtölpel, dein Name ist Ameise.

Das Problem am gemeinsamen Wandern ist immer der Start

Wir vergaßen die Zeit. Die Gattin war vorgegangen. Ich hatte seit einer Viertelstunde nicht mehr auf die Uhr geguckt. Vor einigen Momenten noch hatte ich mich wie der ständig griesgrämige Vater von Michel aus Lönneberga gefühlt, der bei jeder Kleinigkeit explodierte. Jetzt war ich eher Alfred, der nette Knecht, der den Jungen ernstnahm, mit ihm lachte, Dinge erklärte und einfach mal die Klappe hielt.

Das Problem am gemeinsamen Wandern ist immer der Start. Ein plangeplagter Vater, eine ängstliche Mutter und ein fünfjähriger Junge haben nun mal verschiedene Erwartungen. unterschiedliche Geschwindigkeiten. Synchronizität muss sich erst einschwingen. Und dieser Prozess braucht Zeit.

Natürlich kapiert ein Kindergartenkind nicht, warum man im Wald irgendwelche Zeitpläne absolvieren muss. Ist ja auch richtig. Frauen neigen zur Angst, dass sie sich eitrige Blasen in den neuen Wanderschuhen holen. Der Vater wiederum glaubt wie Rommel an den Generalstabsplan und straft Trödelei mit Zorn.

Das Glück kommt mit dem Loslassen. Vati packt die Uhr ein, den Höhenmesser und das GPS-Gerät. Mutti grübelt weniger, gewinnt Selbstvertrauen und macht jeden Schritt ein wenig angstfreier. Und Kinder kapieren, dass es klug ist, das reservierte Quartier zu erreichen, spätestens dann, wenn ein paar Kilometer im Dunkeln zu absolvieren sind und eine kleine Vampirgeschichte zum Vortrag kommt.

Ohne dass ein Plan dahinterstand, haben wir auf dem Saar-Hunsrück-Steig eine interessante Ziehharmonikatechnik entwickelt. Mit Lesestoff bewaffnet konnte der ungeduldige Vater voranmarschieren, um auf einem Hochsitz in Ruhe ein Viertelstündchen zu schmökern oder das Picknick vorzubereiten.

Manchmal liefen wir in der 2+1-Formation, manchmal zu dritt nebeneinander, manchmal jeder für sich allein. Ein Fleckchen mit Walderdbeeren ist allemal wichtiger als die Tageszeit. Und das Gefühl, gemeinsam unterwegs zu sein, wächst mit dem Maß an Freiheit, das jeder für sich beanspruchen darf. Es ist wie bei einer guten Fußball-Strategie: gemeinsame Marschroute, individueller Spielraum. Dann läuft vieles von allein.

Mehr wertvolle familientherapeutische Tipps gibt es in dem neuen Buch "Bewegt Euch! Die Glücks-Philosophie des Achim Achilles".

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Du liiiiiebe Zeit
feuerzeug 20.11.2012
Höhenmesser, GPS........in unserem kleinen Saarland! Hab gar nicht gewusst, dass man sich hier verlaufen kann.......ach so, da sind ja noch die Sechstausender im Hunsrück......
2. Besser mit dem Bus fahren
fritzstark 20.11.2012
HaPe Kerkeling konnte sich nicht verlaufen, höchstens hätte sich sein Busfahrer verfahren können. Der Fahrer war sicher ortskundig.
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.