Achilles' Verse: Die Komfortfalle
GPS-Spielzeug, Bügelmaschine, automatische Kofferraumklappe - erleichtert derlei Technik-Krempel tatsächlich das Leben? Unsinn, findet unser Kolumnist Achim Achilles. Vermeintliche Komfortgerätschaften führen vielmehr zum Stillstand. Gutes Leben braucht vor allem eines: Bewegung.
Fortschritt ist anstrengend. Die neue Pulsuhr etwa, die alle Bewegungsdaten online stellt, braucht viele Stunden Herumgedrücke, bis sie unsere seit Jahren bekannte Stammstrecke rund um den Stadtweiher für die Nachwelt aufzeichnet - vielleicht. Vati flanscht seit drei Stunden das total aufbaufreundliche Faltboot zusammen, um in den zwölf Minuten entfernten Biergarten zu paddeln. Und der Radcomputer muss rasch noch auf den Umfang des Vorderrades eingestellt werden. Leider wurde die Anleitung auf Kroatisch mitgeliefert.
Häufig führen vermeintliche Komfortgerätschaften zum exakten Gegenteil von Bewegung: Stillstand. Hätte ich die Zeit, die ich je mit dem Studieren von Bedienungsanleitungen, dem Umtausch von Geräten, dem Fahnden nach Adaptern vertrödelte, in Bildung und Training investiert, wäre ich womöglich der erste Olympiasieger mit Nobelpreis geworden.
Gutes Bewegen kommt ohne Schnickschnack zurecht. Schneeregen, Irrwege, sogar Durst kann man in unseren Breiten überleben. Es gibt Sport ohne Profi-Plan, Rundumversicherung und atmungsaktives Rettungsseil. Komfort ist Mentaldroge. Zu viel davon, und der Mensch ist druff und drin in der Falle.
Faszinierend, wenn Vati, Mutti und die beiden Kinder andächtig die Heckklappe ihres neuen Autos anstarren, die sich automatisch schließt. Ja, Technik ist toll, aber Kofferraumklappenmotoren gehören nicht dazu. Handarbeit geht schneller, tut nicht weh, erspart dem Auto das Gewicht eines weiteren Elektromotors sowie eine Fehlerquelle. Aber das ist vielleicht zu einfach gedacht.
Das Kofferraumklappen-Syndrom beweist: Jede Bewegung verschwindet aus dem Alltag, Muskelkontraktionen gelten als Menschenrechtsverletzung. Wir nutzen den ganzen Tag über Rolltreppen und elektrische Korkenzieher, um abends im Gym die Pfunde zu verbrennen.
Die Komfortfalle enttarnte sich mir früh, am Beispiel von Eierkocher und Bügelmaschine. Meine Mutter wünschte sich beides. Technische Geräte, die die Hausarbeit bewältigen, rangierten im letzten Quartal des vergangenen Jahrhunderts ganz oben auf der Prestigeliste. Die Nachbarn würden staunen.
So standen zwei Erwachsene und zwei Jungs eines Ostersamstags um ein orangegelbes Plastikgerät herum, eine kleine Heizplatte mit Haube. Zunächst mussten die Eier gepiekt werden, sodann war mit einem Messbecher exakt jene Menge Wasser abzuzirkeln, die vier Eier mittlerer Größe löffelweich kochen würde. Haube drauf, Stecker rein, gebanntes Starren auf den gelben Leuchtknopf, ewige fünf Minuten lang. Endlich. Leuchte verlischt. Sirene schnarrt. Sensation. Unser Eierkocher hatte tatsächlich vier Eier gekocht - deutsche Ingenieurskunst in Vollendung, zudem Wasser gespart und Herdbetriebszeit. Wir wollten unseren neuen dotterfarbenen Freund nicht mehr missen.
Ähnlich euphorisch nahmen wir wenig später die Bügelmaschine in unsere Familie auf. Zwei beheizbare Stoffwalzen zogen Textilien unerbittlich in ihren Schlund. Ich schwöre: Mein Vater fotografierte, als meine Mutter den ersten Kopfkissenbezug, akkurat gefaltet, saumwärts zwischen die Rollen schob. Das Monstrum sog, meine Mutter hielt dagegen, das Kopfkissen spannte sich wie ein Sprungtuch. Ich glaube, wir applaudierten, als hinten tatsächlich ein plissiertes Stück Wäsche herausfiel, und zwar auf den Kellerboden, weil niemand daran gedacht hatte, den Auffangkorb einzuhängen.
Fortan verbrachte meine Mutter einsame Abende im Keller mit Tauziehen gegen die Bügelmaschine. Meine Eltern hatten ausgerechnet, wie viele Wäscheteile zu bügeln wären, damit sich der Apparat amortisierte. Das lästige Hemdenbügeln erledigte die Maschine übrigens nicht.
Etwa ein halbes Jahr später erlitten Eierkocher und Bügelhalbautomat dasselbe Schicksal: Sie verschwanden in den dunkelsten Ecken des Kellers, wo sie ihre Erwerber nicht täglich daran erinnerten, dass Anschaffungskosten und tatsächliche Lebenserleichterung in krassem Missverhältnis standen. Nachhaltig war nur die Produktenttäuschung.
Aber eine weitere Lektion fürs Leben gelernt: Nicht alles, was neu ist und einen Stecker hat, ist besser. Für digitale Hilfsprogramme gelten diese Regeln umso mehr, ob sie Trainingsrouten im Stadtpark anzeigen oder exotische Zahlen liefern, die keiner zu lesen weiß. Wahrer Luxus dagegen ist nah am Nichts: Socken, Hemd, Hose und ein paar ordentliche Laufschuhe. Und dann nichts wie raus aus der Komfortfalle.
Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Bewegt Euch. Die Glück-Philosophie des Achim Achilles" von Hajo Schumacher, Verlag Ludwig, 324 Seiten, 19,90 Euro. Erhältlich ab sofort im Spiegel-Shop.
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Beatrice Behrens
Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.
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