Marathon-Zielfoto: Dokument menschlicher Selbstzerstörungswut
Gnade wäre an der Marathon-Ziellinie angebracht. Doch statt den unappetitlichen Gesichtsausdruck höflich zu ignorieren, halten die Partner ihn für alle Ewigkeiten fest. Die Fotos zeigen Kriecher, Frauenübersprinter oder auch mal eine Flipperkugel. Ein Ratgeber von Achim Achilles.
Das Zielfoto ist ein dramatisches Dokument menschlicher Selbstzerstörungswut. Denn kaum ein Läufer beendet den Marathon, die alte Sau, mit einem halbwegs appetitlichen Gesichtsausdruck. Bei Anfängern kommen auch noch alberne Gesten hinzu. Leider wird jener peinliche Moment nach 42 Kilometern Schinderei auch ohne NSA bis in alle Ewigkeiten festgehalten. Höchste Zeit für den ultimativen Zielfoto-Ratgeber mit Peinlichkeitsfaktor von 0 (kann man machen) bis 10 (auch bei größtem Sauerstoffmangel im Hirn niemals auch nur dran denken). Damit uns Partner, Arbeitgeber und Lauffreunde noch ein Weilchen erhalten bleiben.
Der Kriecher:
Kann sich nicht mehr auf den Beinen halten, weil er sich bis zum letzten Erythrozyten verausgabt hat. Robbt auf allen Vieren ins Ziel, bricht bewusstlos in die Arme angeekelter Helfer. Positiv: hat alles gegeben. Negativ: wird sich gleich übergeben. Peinlichkeitsfaktor 6.
Der Kinder-Kurt:
Lässt sich wenige Meter vor dem Ziel von der genervten Gattin jene kleinen Wesen über die Absperrung reichen, die er wegen des ausufernden Trainings seit Monaten nicht gesehen hat. Die wundern sich zwar, weil sie mit einem stinkenden Unbekannten rennen müssen, freuen sich aber über den Trubel im Ziel und die Medaille. Peinlichkeitsfaktor 9.
Der Pointer:
Sticht wie Obama mit dem Finger in Richtung Zuschauer, als säße da wer Bekanntes, bleibt ansonsten aufrecht, lässig und entspannt. Wichtig: Sonnenbrille, rasierte Beine, keinerlei Transportgürtel oder anderen Anfängerklimbim. Peinlicheitsfaktor 2.
Der Frauenübersprinter:
Schafft es mit einem mörderischen Schlusssprint tatsächlich, die ältere Dame zwölf Meter vor ihm bis zum Zielstrich zu überholen. Toll. Frage: Warum rennt er jetzt auf einmal wie verrückt und nicht die fünf Stunden davor? Peinlichkeitsfaktor 10.
Der Eisberg:
Null Reaktion. Läuft offenbar jedes Wochenende Marathon, einfach so, ohne Ziel, weil er muss. Schwitzt nicht, keucht nicht, redet nicht, zuckt nicht. Entweder total cool oder total breit. Peinlichkeitsfaktor 3.
Der Hysteriker:
Tanzt, wedelt irre mit den Armen, umarmt Helfer, grinst irre in die Kamera, streckt die Zunge heraus, schwingt die Medaille wie ein Lasso und schlägt damit nebenbei ein paar Sportskameraden K. o. Peinlichkeitsfaktor 7.
Der Gomez:
Reißt sich das versalzene Leibchen vom Körper, entblößt seinen behaarten Leib und feuert das nasse Textil ins Publikum. Merke: Nur weil einer läuft, muss er obenrum noch lange nicht durchtrainiert sein. Und nicht jeder Zuschauer möchte einen verschwitzten Lappen um die Ohren kriegen. Peinlichkeitsfaktor 8.
Die Händchenhalter:
Meist Frauen, die die Strecke gemeinsam spaziert sind. Durchlaufen klappte leider nicht. Dafür wurde die Freundschaft in den sieben Stunden durch intensive Gespräche weiter gefestigt. Peinlichkeitsfaktor gleichgeschlechtlich 4, mit fremden Menschen 5, mit Ehepartner 2, mit ganz vielen 7, weil's nach Kegelclubausflug aussieht.
Die Flipperkugel:
Dotzt links und rechts gegen die Absperrgitter. Laufbreit wie er ist, erkennt er auch das Ziel nicht und will immer weiterlaufen. Nur mit der Betäubungsspritze vom Sanitäter aufzuhalten. Kann sich hinterher an nichts mehr erinnern. Peinlichkeitsfaktor 0.
Der deutsche Dieter:
Reißt einem belgischen Zuschauer einen schwarzgelbroten Lappen aus der Hand und wetzt mit wehendem National-Segel ins Ziel. Hat man ja im Fernsehen so gesehen. Merke: Frage dich nicht an der falschen Stelle, was du für welches Land tun kannst. Peinlichkeitsfaktor 8, mit der korrekten Flagge 6.
Parolen-Silke:
Trägt unterm Laufhemd noch ein Parolen-Shirt, wahlweise für Wale, Piratenpartei oder Veggie-Day. Trägt die Dame nichts drunter, ist sie wohl von Femen und prangert Sexismus im Marathon an, der aber definitiv nicht existiert. Peinlichkeitsfaktor 2 bis 10.
Der Beter:
Fällt auf dem Zielstrich auf die Knie, versinkt je nach Religionszugehörigkeit in stillem Gebet oder ringt die Hände dankbar zum Himmel. Merke: Egal welcher Gott - beim Training ist auch der Gläubigste auf sich allein gestellt. Peinlichkeitsfaktor 3.
Der Clown:
Hat zu viel Samy-Molcho-Videos geguckt und macht wahlweise ein Herz mit den Fingern, einen Flitzebogen nach Usain Bolt oder den Tiefschlaf-Diamanten der Kanzlerin. Zeugt von akribischer Vorbereitung auf den Moment des Zieleinlaufs, offenbar also kein Läufer, sondern ein Kleinkünstler. Peinlichkeitsfaktor 5 (Herz), 6 (Bolt), 10 (Diamant).
Der Ballermann:
Hat sich irgendwo auf den letzten Kilometern ein Bier besorgt und torkelt jetzt grölend über die letzten Meter. Vermutlich keine Spitzenzeit, aber definitiv gute Laune: Peinlichkeitsfaktor 1.
Achim Achilles hat die lustigsten und peinlichsten Finisher-Typen beim Marathon nachgestellt:
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Beatrice Behrens
Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.
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