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Achilles' Verse: Geil auf den Flow

Laufen im Wald: Waren es die Nachwehen des Katers oder ein Runner's High? Zur Großansicht
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Laufen im Wald: Waren es die Nachwehen des Katers oder ein Runner's High?

Müde und mit Restalkohol im Blut schleppt sich Wunderläufer Achim Achilles in den Wald. Er erwartet nichts, dafür bekommt er einen wunderbaren Moment des völligen Nichts. War das jetzt ein Runner's High?

Im fortgeschrittenen Alter sollte sich der Freizeitsportler keine Clubnacht mehr antun. Wer allerdings mit dem Fluch lebt, in Berlin zu wohnen, der hat bisweilen Pflichten als Gastgeber. Freunde von weit her möchten was erleben. Es wird nicht immer gut, dafür aber zuverlässig anstrengend. Erst ab Mitternacht ist im Kater Holzig was los, vor 2 Uhr morgens lohnt der Weg ins Kosmonaut nicht, kurz vorm Morgengrauen noch ein Blick ins Ritter Butzke. Immerhin verkneifen wir uns das Area 61, wo im Licht- und Bass-Gewitter Augen wie Ohren wegfliegen.

Um Härte gegen mich und den Rest der Welt zu zelebrieren, habe ich mir für 9 Uhr morgens einen Bestrafungslauf verordnet. Vier Stunden Quality-Schlaf müssen genügen. Bis dahin sollte das Bier verdaut sein und der Muskelkater vom Senioren-Pogo verflogen.

Wecker lärmt um 8.30 Uhr. Lider verklebt. Ölige Watte zwischen mir und der Welt. Sonne dringt durch die Gardinen. Verschwinde, du bist zu hell. Ein Charakterschwächling würde den bewährten Knieschmerz aktivieren und tiefer unter die Decke tauchen. Aber nicht Achilles, der preußische Pflichtläufer. Banane, Fluch und los. Darf ich schon wieder fahren? Warum riecht es im Auto wie auf einer Oktoberfest-Latrine? Ich bin das nicht.

Entspanntes Alleinsein

Heute kein Trainingsplan, weder Kilometer- noch Tempoterror. Einfach überleben. Die ersten Schritte wie Waterboarding. Röcheln, das in Erstickungspanik mündet. Müdigkeitsfrösteln. Vögel zu laut. Scheiß Natur. Zum Glück wenig los. Keine Sportsfreunde, die mein Schlurfen verlachen. Blick auf die Uhr. Toll, schon vier Minuten. Fühle mich wie nach einem Halbmarathon.

Immerhin: Das Bibbern wird weniger. Tapfer weitertrampeln. Wohin will ich eigentlich? Keine Ahnung. Einfach nur Wald. Poren durchlüften. Dreck raus aus dem Leib. Frische Luft rein. Eso-Mantra: Jede meiner Zellen ist glücklich. Loslassen, sagt der Guru, einfach loslassen. Du hast in jeder Sekunde die Wahl: Selbstmitleid in Einsamkeit - meine Lieblingsrolle. Oder entspanntes Alleinsein. Ich bin eigentlich nie allein, nicht mal, wenn ich allein bin. Irgendwas hämmert immer im Hirn. Der nächste Job. Monas Einkaufsliste. Der Terminplan der Kinder. Und Reifen flicken. Aber erst noch den Keller aufräumen. Und den Schreibtisch. Und die Birne.

Weg. Weg. Weg mit dem ganzen Mist. Weiterrennen, Rhythmus finden. 9 Uhr 35. Immerhin. Langsam darf man von Sport sprechen. Schritte und Atem versöhnen sich mit den Metern. Bei jedem vierten Schritt die Restluft aus dem Körper lassen, peinlich laut und schmerzhaft lange. Der Waldboden gibt Halt, der blaue Himmel Schutz. Ich dazwischen. Aufgehoben zwischen Mutter Erde und Vater Himmel. Der Weg schnurgerade, am Ende die Sonne. Ein Tunnel aus bunten Blättern. Kein Berlin, kein Generve, nirgendwo. Einfach nur Laufen, nicht schnell, aber mühelos, eins mit der Welt. Einer der raren Momente von Spiritualität, die nicht peinlich sind.

Einfach sein

Wieder Blick auf die Uhr: drei Minuten nach zehn.

Wie bitte?

Ich schaue noch mal.

Tatsache. Eine gute Viertelstunde ist vergangen, die mir vorkommt wie 15 Sekunden. Was ist passiert? Wo bin ich? Vertraute Gegend, fast Wannseeufer. Aber wie bin ich hierhergekommen - zwei, drei Kilometer weiter? Das letzte Mal war ich noch mitten im Wald. Was habe ich in diesen Minuten getan, gefühlt? Warum hat sich mein Körper nicht beschwert? Tut er doch sonst immer. Bin ich abgebogen? Jemandem begegnet? Ich weiß es nicht. Eine Viertelstunde auf meiner Festplatte ist total geleert.

Gespenstisch. Aber großartig. Wirklich mal im Hier und Jetzt, ohne Denken, ohne Fühlen, ohne alles. Einfach sein, im Nichts. Großartiger Trip, leider schon wieder futsch. Komm sofort zurück, ich will das noch mal erleben. Ich bin geil auf diesen Flow. Aber mit Willen läuft hier leider nichts. Das Verflixte an diesen Nichts-Momenten ist, dass ich sie gar nicht bemerke. Sobald ich das Gefühl zu rationalisieren versuche, ist es weg. War das jetzt ein Runner's High ? War ich im Himmel? Auf der Erde? Oder einfach nur bei mir? Egal. Endlich war dieser Moment wieder da, das erste Mal seit drei, vier Jahren. Kommt wirklich nicht sehr häufig vorbei, dieser Trip. Aber dafür lohnt es sich zu laufen.

Reader's High erleben bei "Bewegt Euch - die Glücksphilosophie des Achim Achilles".

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Genau so ist es
laufdude 22.10.2013
Das ist meine Motivation zu laufen. Treffend be- und geschrieben. :)
2. Sie sollten ...
joergimausi 22.10.2013
... mal zum Arzt gehen. Sieht nach Bewusstseinsstörungen oder Panikattacken aus. Könnte ein Vorbote von etwas Schlimmerem sein, wenn Ihnen plötzlich mal ein Stück Erinnerung fehlt.
3. Runner's High setzt normalerweise
Jay's 22.10.2013
erst nach 25 Km oder so ein, wenn Endorphine frei gesetzt werden. Ich hab das oefter bei langen Laeufen oder beim Marathon erlebt, das alle Schmerzen verschwinden und man ganz leicht laufen kann - fuer eine bestimmte Zeit natuerlich nur. Was Achilles erlebt hat, scheint mir eher Bewusstseinsstoerung gewesen zu sein oder er hat an was ganz Besonderes ( ;-) ) gedacht und dabei das Laufen vergessen, eine Frau vielleicht?
4. optional
spon-facebook-10000114825 23.10.2013
joergimaus: selber mal Laufen gehen! Das hat nichts mit Bewusstseinsstörungen zu tun, sondern ist einfach der Zustand, wenn Körper und Seele optimal harmonieren. Glücklich der, der sowas erleben kann! So jemand braucht in dem Moment eigentlich gar nichts, ausser einer guten Strecke vor sich, aber defintiv keinen Arzt!
5. Runner's High ungleich Flow
ZhuBaJie1 23.10.2013
Zitat von Jay'serst nach 25 Km oder so ein, wenn Endorphine frei gesetzt werden. Ich hab das oefter bei langen Laeufen oder beim Marathon erlebt, das alle Schmerzen verschwinden und man ganz leicht laufen kann - fuer eine bestimmte Zeit natuerlich nur. Was Achilles erlebt hat, scheint mir eher Bewusstseinsstoerung gewesen zu sein oder er hat an was ganz Besonderes ( ;-) ) gedacht und dabei das Laufen vergessen, eine Frau vielleicht?
Sehe ich auch so. Der beschriebenen "Flow" ist m.E. nichts besonderes - so etwas gibt es auch bei konzentrierter Arbeit am PC. Aber diese Schübe plötzlicher Euphorie und Leichtigkeit sind schwerer zu haben - v.a. bei längeren, schnelleren Läufen. Hatte ich bei zwei Marathons ab ca. KM 30. Leider war das bei KM 35 wieder vorbei und dann wurde es richtig anstrengend ;)
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ZUR PERSON
  • Frank Johannes
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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