Sportbekleidung: Peinliche Expeditionsklamotten

Kleider machen Leute. Macht Sportbekleidung Sportler? Freizeitläufer Achim Achilles meint: Manchmal schaffen Äußerlichkeiten eine innere Haltung - vorausgesetzt, man bleibt dezent. Denn mit Leggings-Trägern und Polo-Posern hat das alles nichts zu tun.

Beim Laufen: Funktionskleidung im Einsatz Zur Großansicht
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Beim Laufen: Funktionskleidung im Einsatz

Die Oberbekleidungsindustrie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in eine klare Richtung entwickelt: Alles ist Sportswear, wahlweise Streetwear. Wenn wir mal die vielen feinen Differenzierungen ignorieren, klebt an jedem zweiten Fuß ein Turnschuh oder etwas, das zumindest so aussehen will.

Besonders gern wollen Polohemden sportlich aussehen, vor allem dann, wenn sie mit einer Rückennummer versehen sind und einer Aufschrift vorn, die lautet: St. Moritz Minigolf. Früher in unserer Straße wohnte ein Junge, der sich einen geklauten Mercedes-Stern vorn an sein Kettcar geklebt hatte. Nicht auszuschließen, dass einstige Kettcar-Tuner zu Polo-Posern heranwachsen.

Nicht viel weniger peinlich als das Selbstausrüsten mit falschen Sport-Accessoires ist der Erwerb hochpreisiger Ausrüstung, die aber nie zum Einsatz kommt. In den Bergen zum Beispiel. Mit erstklassigen Bergstiefeln, drei Lagen Funktionsklamotten und einer Himalaja-tauglichen Supertex-Jacke spazieren Touristen die 300 nahezu ebenen und oft asphaltierten Meter von der Seilbahnstation bis zur Almhütte, wo ein mehrgängiges Menü eingenommen wird. Der Ausflug wäre durchaus in Flip-Flops und Jogginganzug zu bewältigen gewesen - aber das Darstellen eines abenteuerlichen Lifestyles hat eine gewaltige Macht über jeden von uns gewonnen.

Wir schmücken uns mit Insignien vermeintlicher Heldentaten, mit Dschungelstiefeln, Arbeiterjacken und Drachen-Tattoos. Nicht auszuschließen, dass das eine oder andere Identitätsproblem unserer Tage auch vom fortwährenden und ziemlich sinnentleerten Rollenspiel rührt: Nichts ist echt, das Leben als fortwährendes Als-ob. Entscheidende Frage: Hilft die Verkleidung dem Menschen, sich mit sich selbst wohler zu fühlen? Eine Weile vielleicht, vor allem im Fachgeschäft und bei den ersten Ausflügen. Aber ein dauerhaftes Konzept ist der Mummenschanz wohl kaum.

Nicht nur Pose: Sportware im Einsatz

Auf der anderen Seite irritieren jene Freizeitsportler, die viel zu häufig tragen, was ausschließlich sportlichen Zwecken dienen sollte. Mit einem Laufhemd sollte man allenfalls am Casual Friday ins Büro gehen, auch in der Oper dürfte man skeptische Blicke riskieren. Und Laufleggings erst! Die eng anliegenden Beinkleider sind selbst während der Ausübung des Sports ein optisches Gräuel.

Während der Laufanfänger ausgiebig seinem Drang nachgibt, die ganze Welt an seinem neuen Sport teilhaben zu lassen, indem er nichts anderes mehr trägt als seine Einkäufe aus dem Lauffachgeschäft, übt sich der Fortgeschrittene an diskreterem Zuschaustellen seines Hobbys. Eine halbwegs dezente Pulsuhr sorgt ebenso sicher für Eindruck wie das Finisher-Shirt von irgendeinem Laufwettbewerb beim nachbarschaftlichen Grillfest.

Pah, alles nur Äußerlichkeiten, mag der Purist einwenden. Mag schon sein. Aber dezent gewählt, kann das Äußere die innere Haltung bestimmen. Vor allem dann, wenn die Funktionsware wirklich zum Einsatz kommt und nicht nur Pose ist. Wer wie ein Athlet auftritt, und sei er noch so unbedeutend, der wird sich sehr viel eher wie ein Sportsmann benehmen.

Rüdiger Grube, Chef der Deutschen Bahn und seit 40 Jahren nahezu täglich im Laufschuh unterwegs, bringt es auf den Punkt: "Wenn ich morgens gelaufen bin, fühle ich mich den ganzen Tag über sportlich: Ich esse anders, ich bin ausgeglichener, ich achte auf mich." Stimmt, meistens jedenfalls.

Regelmäßiger Sport entwickelt sich mit der Zeit zu einer generellen Haltung, die das Leben womöglich mehr verändert als das Trainieren selbst. Wer sich bewegt wie ein Athlet, Fachbücher studiert wie ein Athlet, sich kleidet wie ein Athlet, der wird am Feedback seiner Mitmenschen recht bald eine Veränderung bemerken. Im notorischen Spott wird eine Note von Respekt klingen für eine Haltung, die ohne Als-ob auskommt.

Mehr wertvolle Tipps zum genussvollen Joggen gibt es in dem neuen E-Book von Achim Achilles: Laufen & Lust - in zehn Schritten zu mehr Spaß am Leben.

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insgesamt 34 Beiträge
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1. Peinlicher Wolf
alyeska 24.01.2013
Sollte man in der Welt mal deutsche Hilfe benötigen, dann muss man sich nur an einen JackWolfskinträger wenden. Denn fast jeder Deutsche trägt, anders als der Rest der Welt, den Wolf. Ein gewünschtes Ignorieren derselben, ist daher ein Kinderspiel. Wir sind schon ein seltsames Volk!
2. Da muss die Klimaveränderung ja kommen...
clausde 24.01.2013
...wenn jeder in hochalpintauglicher Survivalkleidung herumläuft. ;)
3. Und um welches Problem geht es?
nguelk 24.01.2013
Solange die Menschen sich bewegen, ist es doch gut. Leute, die nicht auf sich achten, sehen in der Regel auch so aus, egal was sie anziehen. Grundsätzlich finde ich es nur schade um das Geld für teure und nicht genutzte Ausrüstung. Damit hätte man auch Lehrer fortbilden können.
4. Ach du liebe Güte
aus dem pub 24.01.2013
Schon wieder eine Diskussion wie sie nur in Deutschland stattfinden kann. Die englischsprachige Welt trägt North Face, und keiner dort regt sich darüber auf, dass auch Leute sich damit "schmücken", die schon beim Treppenlaufen aus der Puste kommen. Wem das ganze deswegen zu "schnöde" ist, der findet doch bestimmt noch etwas teures exklusives auf dem Markt. Hauptsache man ist "anders" und wird um Gottes Willen nicht mit den "Normalen" (Touristen, Sportlern, Reisenden, etc.) in einen Topf geworfen. Übriges, ich trage keinen "Wolf"... das hat aber nichts mit der Marke zu tun, oder weil sie "jeder" trägt, sondern weil ich für meine Zwecke etwas noch Besseres gefunden habe...
5. Nicht nur,...
dubya 24.01.2013
...dass der Jack Wolskin Träger sich i.d.R. als Deutscher entpuppt, er fällt meist auch in die Kategorie "Stuhlkreis", was man als Identifikation IMHO tunlichst vermeiden sollte, will man nicht überall abgezockt werden - oder sich selbigem erwehren müssen :-)
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.