Was soll ich nur anziehen? In einer guten Stunde ist Start zum Cross, und ich bin jetzt schon am Ende. Die flotten Jungchen werden auch bei einem Grad unter Null in Badehose laufen, die Frostbeulen dagegen in luftdichter Verpackung mit Daunenwurstweste drumrum. Da läuft das körpereigene Wurstwasser schon vorm Startschuss in die innerste von drei Lagen Thermosocken.
Cross ist krass, härteste Prüfung für Läufer und Material. Aber mehr als vier Wochen ohne Rennen sind nun mal nicht zu ertragen. Pünktlich zum ersten Advent quält verschärfter Wettkampfmangelschmerz. Um das Gefühl der Niederlage nicht zu verlernen, werde ich angefrorenes Laub, energieriegeltiefe Pfützen und brutale Anstiege ertragen, und eine Staffelmannschaft, die im Ziel geifert. "Wir machen heute mal ganz locker", sagen ja alle vorher. Aber wehe, einer kollabiert nicht reiernd im Ziel. Die Sportsfreunde wollen sehen, hören, riechen: Er hat wirklich alles gegeben.
Ich bin ja eher der Straßenläufer. Baumwurzeln sorgen bei meiner Flachschritttechnik für eklige Stürze. Für Steigungen ist mein Knie nicht gemacht. Die 6,4 Kilometer werden ewig dauern, fidele Senioren beim Überholen tückisch grüßen. Außerdem habe ich nichts zum Anziehen.
Manuel ist schuld. Er ist unser Briefträger und weiß genau, wer Fachzeitschriften wie "Running" oder "Triathlon" abonniert hat. Seit Sommer schreibt Manuel kleine Notizen. "2.12. Cross-Staffel - biste dabei?" Ich antwortete mit Post-its am Briefkasten: "Vielleicht" und "Mal sehen" und "Eher nicht". Manuel antwortete: "Toll, dass du mitmachst." Auf die gleiche Art wird er die anderen Staffelläufer gekeilt haben. Faszinierend, wie soziale Netzwerke funktionieren - ganz ohne Facebook. Im November dann, auf der Rückseite eines Schreibens vom Polizeipräsidenten: "Hab dich angemeldet." Und garantiert überall in der Straße herumerzählt, dass unsere Staffel "Schöneberger Laufburschen" die Ehre des ganzen Kiezes retten wird.
Das Schwarzwild hält respektvoll Abstand
Und so traf ich zum ersten Mal Menschen aus den umliegenden Häusern, allerdings nicht in unserer Straße, sondern mitten im Grunewald, wo routinierte Crosser offenbar schon vor Tagen ihre eindrucksvolle Wintercamping-Ausrüstung aufgebaut hatten. Wie so oft beim Freizeitsport geht es beim Cross weniger ums Bewegen als vielmehr um das zur Schau stellen all dessen, was so im Keller lagert. Multipliziert mit 150 Staffeln à vier Athleten plus Begleitpersonal hatten sich knapp tausend Wilde im Wald ausgebreitet, so dass selbst das Schwarzwild respektvoll Abstand hielt. Ob die Veranstalter, der ehrwürdige Berliner Ruderclub, hier ab Montag renaturieren muss? Im Winter haben die Jungs ja Zeit.
Gerade will ich mich ein wenig chauvinistisch betätigen und in die Runde fragen, ob Suchhunde vor Ort seien für den nicht unwahrscheinlichen Fall, dass eine desorientierte Dame vom Weg abkommt, da trabt ... das darf doch nicht wahr sein ... ist sie's wirklich? Ja klar: Lena Schöneborn, Fünfkampf-Gold in Peking. Und gleich dahinter Regina Marunde, Olympiasiebte auf dem Moutainbike in Atlanta. Prominenz im Berliner Unterholz. Kommt Usain Bolt auch noch, werde ich höchstens Vierter.
Startschuss. Ich wurde von Manuel als Dritter eingeteilt, der Platz für die Gurken. Nachbar Berthold legt eine Bombenzeit vor. Nachbar Diethelm zieht nach und drückt mir kaum eine Stunde nach dem Start die Staffelröhre in die Hand. Aus dem Innern ein Klötern. Ist da Schokolade aus dem Weihnachtskalender drin? Ich werde hinter dem nächsten Holzstoß ein Päuschen einlegen und mal nachschauen. Ach nee, hatte Manuel ja erwähnt: Ganz neue Technologie, der Zeitmess-Chip steckt im Staffelstab.
14-jährige Knaben und 80-jährige Damen überholen mich. Mir egal, ich bin wegen der Landschaft hier. Kurz vor Kollaps in die Wechselzone. Manuel schnappt sich den Röhren-Chip und wetzt los. Warum sind denn die ersten Staffeln schon komplett im Ziel? Nächstes Jahr nehme ich auch die Abkürzung.
Am Alter gemessen, waren wir jedenfalls ungefähr die schnellsten. Teilt man unsere 122 Minuten durch weit über 200 Lebensjahre, kommt ein Spitzenwert raus; da können die Testo-Teenies aber einpacken. Aber Zeiten sind völlig egal. Wir wollten ja einfach nur locker machen.
Achim Achilles hat die besten Lauf-Momente der Achilles-Leser in einem wunderbaren Fotokalender gesammelt. In seinem täglichen Weihnachtskalender gibt es an diesem Dienstag fünf Kalender "365 Lauf-Momente" zu gewinnen.
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