Achilles' Verse: "Mach dich nackig!"

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Bisher kaum bekannt: Triathlon ist ein Intelligenzsport. Köpfchen erfordert nicht das Schwimmen, Radfahren, Laufen - sondern die Wechselzone. Profis hecheln in wenigen Sekunden zur nächsten Disziplin, Anfänger verschnaufen dank Sockenwechsel, Deoroller und Exhibitionismus.

Wechselzone beim Ironman 2012 auf Hawaii (Archivbild) Zur Großansicht
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Wechselzone beim Ironman 2012 auf Hawaii (Archivbild)

Den einsamen Rekord in fortgeschrittener Sportblödheit hält jener komische Vogel, der einst mit Laufschuhen in den See sprang. Seine Rechnung: Wer die Schlappen schon beim Wasserstart trägt, muss hinterher nicht die verquollenen Quanten hineinzwängen und mühsam verschnüren. Das spart locker 30 Sekunden - dafür dauert das Schwimmen eine halbe Stunde länger. Klingt verdächtig nach der höheren Mathematik des griechischen Staatshaushalts.

Es gibt viele gute Gründe, Triathleten für merkwürdige Hohlbirnen zu halten. Wer schrubbt schon freiwillig 20 Stunden die Woche die Kilometer weg? Doch wer um die vorderen Plätze kämpft, braucht zumindest Resthirnkapazität, um zu kapieren: Die Uhr läuft durch. Der Wechsel zählt mit für die Endzeit.

Wer zwei Minuten Vorsprung herausschwimmt, um fünf Minuten damit zu vertrödeln, ein viel zu enges Hemd über viel zu nasse Rückenhaut zu rollen, ist ein ökonomischer Trottel. Wofür hat der große Gott der Ausrüstung denn wohl den Einteiler erfunden? Genau: Pro Euro Anschaffungskosten spart der Hobby-Triathlet eine Sekunde Wechselzeit. Was ein Schnäppchen ist: Beim Zeitfahrrad kostet jede Sekunde Zeitgewinn mindestens zwanzig Euro, drei Minuten also 3600 Euro.

Wechselzonen sind unterhaltsam

Freizeit-Triathleten verbringen die wenigen Sommertage des Jahres vorwiegend damit, in Wechselzonen hektisch nach ihrem Rad zu suchen. Manche wiederum haben das seltene Glück, von ihrem Verein zum Mithelfen verdonnert zu werden. Mein Club etwa, die Berliner Weltraumjogger, hatten mir zum 25. Volkstriathlon ein Mikrofon in die Hand gedrückt, da ich für komplexere Tätigkeiten nicht geeignet bin. Danke dafür, es war ein großer Spaß. Und hallo deutsches Fernsehen: Hier ist der Ausweg aus der Show-Krise. Übertragt einfach 90 Minuten aus einem x-beliebigen Wechselgarten - das rockt den Raab locker vom Quotenspitzenplatz.

Immer wieder gern schaut man beispielsweise dem Klassiker zu: maulen im Neoprenanzug. Die Arme bekommt man ja noch ganz gut aus der Pelle gezerrt. Nur um die strammen Waden hat sich das Gummi festgesaugt wie ein Pilotfisch. Wer bereits im Sprint vom Ufer zum Rad versucht, den Anzug bis in die Knie zu rollen, schlägt todsicher lang hin. Der Waldboden ist zwar weich, aber eben auch erdig. Gut paniert kugeln die verschnürten Athleten auf den schmalen Wegen, während die Schlaueren mit ihren Rädern eiskalt über die Gefesselten strampeln. Zur Belohnung kleben danach reichlich Stöckchen und Steinchen in der Radhose, was die nächsten 45 Minuten zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lässt.

Manische Hygiene erweist sich ebenfalls als Wettbewerbsnachteil. Klar ist es immer schön, frische Klamotten überzustreifen. Aber beim Triathlon geht es nun mal um Sekunden und nicht um gutes Aussehen, es sei denn, man will den Jungs im Rettungswagen eine Freude machen. Warum nur reißt sich die betagte Dame sämtliche Schwimmklamotten vom Leib und legt in aller Ruhe mehrere Lagen edlen Sporttextils in den Modefarben des Sommers an? "Mach dich nackig!", johlen die Zuschauer und filmen das Elend für YoutTube. Preisfrage, liebe Sportsfreundin: Warum trittst du hier an? Willst du schick sein oder in deiner Altersklasse gewinnen? Beides geht nicht.

Womit man alles Zeit verschwenden kann

Als Zeitfresser erweist sich auch ein ausgeprägter Hygienefimmel. Wirklich rücksichtsvoll, dass die Frau Nachbarin zwischen Rad und Laufen großflächig Deo rollt. Nur für wen? Wem nützt es, wenn auf dem Pavianfelsen ein einziges Tier nicht streng riecht?

Noch etwas länger dauert die Operation Sportsocke: Die kurzen kosten nur 20 Sekunden, die langen bestimmt eine Minute und Kompressionsstrümpfe gern auch ein Viertelstündchen. Während die ersten Läufer mit nackten Füßen in den Laufschuhen auf die Ziellinie biegen, kämpft die Nachhut tapfer mit dem wenig elastischen Material. Beim ersten Versuch waren natürlich rechts und links vertauscht. Und dann noch mal runter damit, schließlich hat der Athlet das Pilzspray vergessen, was bei einer Gesamtdauer des Wettbewerbs von 90 Minuten wirklich überlebenswichtig ist. Und gut trocknen lassen zwischen den Zehen. So bekommt die Stoppersocke eine ganz neue Bedeutung.

Dann endlich losrennen, während im Ziel bereits Siegerehrung ist. Aber nein, halt, stopp, noch mal zurück. In der Hektik völlig vergessen, den Radhelm abzusetzen. Womit könnte man jetzt noch ein wenig Zeit vertrödeln: Stullenschmieren, Dreibein-Grill aufbauen, Iso-Drink anrühren? Klar, erst mal Catering. Sport kann warten.


Vielleicht doch lieber nur laufen? Dann aber mit dem richtigen Training. "Laufen und Trainieren: die besten Lauf-Trainings der Welt".

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Nutz und Niveaulos
Etienne LM 25.06.2013
Also bis auf den Deoroller ist der Artikel ja wohl unterste Schublade.
2.
sunnyboy82 25.06.2013
Zitat von Etienne LMAlso bis auf den Deoroller ist der Artikel ja wohl unterste Schublade.
Ja ein sehr toller Artikel mit hohem Informationsgehalt. Da kommt die Frage auf, ist der Beitrag nur für die Links geschrieben worden oder soll nur sarkastisch über Neulinge im Triathletensport herzogen werden. Gewinnen ist eben nicht immer alles.
3. Ist doch lustig...
käthe 25.06.2013
Bin kein Triathlet, habe aber herzhaft gelacht über Waldboden, Deoroller und Pilzspray. Hat jedenfalls hohen Unterhaltungswert.
4.
spon-facebook-10000145486 25.06.2013
Warum nehmen einige Leute die hier kommentieren alles so bierernst? Man weiß doch, dass ein Artikel von Achim Achilles meist überspitzt geschrieben ist und sollte gelassener ans Lesen gehen. Ich habe mich als Triathlet beim Lesen sehr amüsiert und mich auch an meine ersten Versuche schmunzelnd erinnert. Entspannt euch doch mal ihr, die alles zu verbissen sehen.
5. +++
spiegelator 25.06.2013
Manchmal bedauere ich, dass es im Spon keinen Wertungsbutton gibt.
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.