Immerhin: Ich habe mich noch nicht auf die Nase gelegt beim Versuch, meinen Gummianzug vom Körper zu ziehen. Sicherheitshalber hocke ich auf dem roten Tartan der Laufbahn und rolle das Neopren vom Oberschenkel. Olympiasieger Jan Frodeno hat bereits die erste 400-Meter-Runde mit dem Rennrad geschafft und winkt fröhlich herüber: "Kommste noch?" Zuvor hatte er mir einen Eimer Wasser in den Anzug geschüttet. Angeblich flutscht der Sportler dann von selbst aus der Pelle.
Im Olympiastützpunkt Saarbrücken weiht mich Triathlet Frodeno in die letzten Geheimnisse der jungen olympischen Disziplin ein. Beim Ironman mit 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und einem Marathonlauf nimmt sich der Athlet ja ein wenig Zeit, um zur nächsten Disziplin zu wechseln. Die olympische Distanz dagegen - nur etwa ein Viertel der Langstrecke - bedeutet vom Schwimmstart bis zum Ziel eine Schlacht um Zehntelsekunden. Diese wird oft in der vierten Disziplin entschieden: dem Wechsel. Jan Frodeno hat keine 30 Sekunden benötigt, um sich aus dem Schwimmanzug zu winden und mit dem Rad loszurollen. Selbst seine Füße stecken schon in den Rennschuhen, die fest im Pedal befestigt sind. Ich zappele noch mit dem halben Leib im Gummi. Wie schafft der Kerl das so schnell?
"Ganz einfach: kein Handtuch, keine Socken, keine Schnürsenkel, keinerlei Schnickschnack", erklärt Frodeno. Nur Helm, der ist Pflicht, und Brille, vor allem als Schutz gegen Insekten, die bei Tempo 50 etwas unangenehm im Auge sind.
Sieg nach Burnout? Bei Olympia ist alles möglich
Während der Anfänger hingebungsvoll die Zehenzwischenräume abtrocknet - man will sich ja keinen Fußpilz einfangen -, sorgfältig trockene Strümpfe überstreift und die Radschuhe schließt, springt der Profi tropfnass aufs Rad. Die Erkältungsgefahr ist gering, wenn man knapp zwei Stunden lang im roten Bereich rackert. Frodeno hat schon mehr als zwei Runden geschafft, als ich endlich Richtung Rad renne; ohne Schuhe, die müssen noch angelegt werden.
Im Rennen hätte der Profi jetzt bereits einen Kilometer Vorsprung, uneinholbar. Frodeno trug das dünne Renngewand unter dem Schwimmanzug, die Radschuhe sind - für den Zuschauer nicht zu sehen - mit haushaltsüblichen Gummibändern so am Rad fixiert und weit geöffnet, dass der Athlet buchstäblich in die Schuhe springt. Das Gummi fliegt weg. Vier, fünf schnelle Tritte, die Schuhe werden während der Fahrt geschlossen. Wer in der Wechselzone die Haare schön macht oder das Leibchen kameragerecht zurechtzupft, an dem ziehen die anderen gnadenlos vorbei.
Frodeno, einer der Besten seines Fachs, hat sich erst im allerletzten Moment für London qualifiziert. Nach seiner Goldmedaille von Peking hatte sich der Unermüdliche zu viel zugemutet. Sein Körper streikte bei bis zu 50 Stunden Training die Woche. Der Burnout erwischt nicht nur Büromenschen, sondern auch Leistungssportler. Zu Beginn dieses Jahres folgte eine Serie lästiger Verletzungen an Wade und Achillessehne. Das Lauftraining fiel praktisch aus. Ob er gegen die britischen Brownlee-Brüder eine Chance hat? Er grinst. Bei Olympia ist alles möglich.
Mäßige Leistung durch verkorksten Wechsel?
Am Morgen hat Frodeno fünf Kilometer Schwimmtraining erledigt, jetzt die Nachhilfestunde für mich, dann Physiotherapie, am Nachmittag schließlich zwei Stunden mit dem Rad am Berg, für die Kraftausdauer, abends Technik in der Halle. Die Londoner Strecke rund um den Hyde Park liegt ihm nicht. Der Radkurs ist flach, Windschattenfahren ist erlaubt, da werden die besten Läufer mithalten. Das Favoritenfeld wird halbwegs geschlossen in die Wechselzone stürmen. Und dann gewinnt der stärkste Läufer.
Dieser zweite Wechsel ist einfacher als der erste. Die Füße werden bereits vor dem Absteigen befreit und pedalieren auf dem Schuh die letzten Meter. Runter vom Rad, Helm ab und in die extrem leichten Laufschuhe, die mit Schnellverschlüssen ausgestattet sind und wie kurze Socken übergestreift werden. Diesmal gelingt mir der Wechsel besser, Frodeno holt nur noch 50 Meter Vorsprung raus.
Fazit: Triathlon ist schwimmen, Rad fahren, laufen - und wechseln. Der Vorteil gerade für Hobbysportler: Mit einem angeblich verkorksten Wechsel lässt sich eine mäßige Leistung sehr gut erklären. Bei Olympia gilt das nicht.
Das ZDF-Morgenmagazin zeigte das gemeinsame Training am Dienstag, 7. August.
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