Achilles' Verse: Stressen auf Rädern

Vater und Sohn beim Radwandern: All-inclusive-Urlaub ist etwas ganz anderes Zur Großansicht
Corbis

Vater und Sohn beim Radwandern: All-inclusive-Urlaub ist etwas ganz anderes

Strandkorb, Tanga, Schirmchengetränk - Ferien könnten so schön sein. Doch es musste ja unbedingt entschleunigter Familienurlaub werden. Wunderläufer Achim Achilles über das rollende Inferno auf dem Radfernwanderweg Berlin-Kopenhagen.

Plöpp, plöpp, plöpp. Umzingelt. Der Regen hat alle Mücken Mecklenburgs in unser Vorzelt getrieben. Egal, welchen Reißverschluss ich öffne, sie werden uns auffressen. Bleibe ich im Zelt, werde ich platzen. Es ist 4 Uhr morgens, das Kind hat aufgehört zu bluten, mich hält der Harndrang wach.

Plöpp, plöpp, plöpp: Ich habe die halbe Flasche Mückenspray durch das Gewebe geschossen. Die Mücken haben mich ausgelacht. Dafür tropft die Chemie jetzt mit dem Regen um die Wette. Der Zeltboden wird sich auflösen. Dann könnte ich wenigstens einen Tunnel ins Freie graben.

Plöpp, plöpp, plöpp: Urlaub könnte so schön sein. Warum haben wir nicht all-inclusive gebucht, in einem preiswerten Krisenland? Dann käme ich genau um diese Zeit, nach vielen Runden Lambada, mit Mona im Arm in unseren mediterranen Bungalow geschwankt, wo blütenweiße Keramik auf mich wartete und würde bis zum Mittagsbuffet ratzen, während der Kleine von liebevollen osteuropäischen Animateuren bespasst wird. Aber nein. Es musste ja unbedingt was Exotisches sein: Radwandern mit dem Zelt, von Berlin nach Kopenhagen, eins mit der Natur, vor allem den Mücken.

Ich gestehe: es war meine Idee. Irgendwo in der Stadt hatte ich ein kleines Schild "Berlin-Kopenhagen" gesehen und zunächst an ein Kunstprojekt gedacht. Mona recherchierte umgehend, wohl wegen der Aussicht, zwei Wochen Ruhe von uns zu haben. Radwandern entsprach meiner neuen Philosophie, der Mehrzieloptimierung, zu deutsch: Alle Mücken mit einer Klappe. Wegen des Triathlons im Spätsommer, für den ich mich leichtsinnigerweise gemeldet hatte, brauchte ich Training. Zugleich würden sich keine Urlaubspfunde ansammeln. Das Kind wäre den ganzen Tag mit Strampeln beschäftigt und abends müde. Radfahren ist spottbillig, verheißt aber immenses Sozialprestige.

Die Muttis im Bekanntenkreis waren gerührt, als wir beim großen Pre-Holiday-Bullshit-Bingo ("Diesmal Business"; "sechs Wellness-Inseln"; "total einsam") lässig "Radwandern" in die Runde warfen. "Wie früher", schmachteten sie. Tja, früher. Da war alles anders. Die Jungs grinsten nur mitleidig. Sie wollten endlich wieder den SUV über den Brenner prügeln.

Radwandern geht wohl nur mit teurem Hightech-Leichtgepäck

Erster Trugschluss: preiswert. Wer nicht mit einer rollenden Kathedrale schon in Reinickendorf einen Gabelbruch erleiden will, muss Gewicht optimieren. Zumal mir unsere Camping-Ausrüstung, die ich als tipptopp in Erinnerung hatte, im Keller einfach nur entgegenbröselte. Für amtliches Hightech-Leichtgepäck lasse ich bei den Straßenräubern vom Outdoor-Fachgeschäft exakt jene Summe, die eine Fahrt in der Stretchlimousine nach Kopenhagen inklusive zwei Wochen Suite und Perlwein satt gekostet hätte. Zwei reifere Damen mit unrasierten Beinen erwerben exakt das gleiche Paket und lächeln mir zu. In diesem Urlaub werde ich wohl mal keine Bekanntschaften machen.

An Startmorgen sieht mein Rad aus wie eine rollende Kathedrale. Die Speichen ächzen. Dabei habe die schweren Sachen schon dem Jungen auf den Gepäckträger geschmuggelt. Siebenjährige sind ja sehr zäh. Wir wären früher froh gewesen, wenn wir so tollen Radurlaub hätten machen dürfen, statt Schwarzwald.

Mein Zeitplan: Wenn wir von 6 bis 20 Uhr radeln, kommen wir bei 15 km/h auf 180 Kilometer am Tag, und da wären sogar noch zwei Stunden Pause dabei. Die Gattin aber hatte Entschleunigung verordnet und Abenteuer am Wegesrand, Vogelkot in der Becherlupe und so was. Und was ist mit meinem Training? Mona droht mit GPS-Tracking.

Schon gut, dann eben trödeln. Wir nehmen die Bahn, um dem Stadtverkehr zu entgehen. Fürstenberg erschien mir gerade richtig, dann wäre das erste Sechstel der 600 Kilometer schon mal ökologisch korrekt erledigt.

Nach knapp vier Kilometern spricht Hans das erste Mal an diesem Tag. Er hatte seine Vorfreude bislang gut unter Kontrolle. "Wie weit ist es noch bis Kopenhagen?" Nach acht Kilometern klagt er über Sitzbeschwerden und murmelt etwas, das nach Mama klingt. Bei Kilometer zwölf stürzt der Kleine mit seinem Rad; vier Bände Harry Potter im Gepäck waren wohl doch ein bisschen reichlich. "Wir könnten mit dem Zug zurück und Tour de France im Fernsehen schauen", schlage ich vor. Doch Hans will weiter. Guter Junge. Ein Kämpfer. Ganz der Papa. Kaum zwei Stunden später steht das Zelt. Ravioli vom Ultraleichtkocher, außen glühend, innen nicht so. Zwei Trostbier.

Bilanz des ersten Tages: 22 Kilometer, ein aufgeschürfter Ellenbogen, Brandenburger Landregen und nahender Tod durch Harnverhalten. Nur noch 478 Kilometer.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Klar überfordert
dröhnbüdel 10.07.2012
Mit einem Siebenjährigen hätte ich eine solche Tour gar nicht erst angefangen, der Bengel war doch eindeutig übererfordert. Aber auch bei älteren Kindern muss man wissen, worauf man sich da einlässt. Wir haben es einmal mit unserem damals 15jährigen Sohn versucht, voll in der Pubertät, null Bock auf gar nichts. Wir haben uns nur gestritten und waren ohne Ende frustriert, sind uns aber auch so nahe gekommen wie nie zuvor Heute findet unser Sohn die nervige Radtour in der Erinnerung "voll geil". Also, wer die Nerven dafür hat, sollte es ruhig wagen, am Ende haben wohl alle einen Gewinn.
2.
Nania 10.07.2012
Auch wenn ich durchaus Respekt (im positiven Sinne) vor Leuten habe, die solche Touren machen, muss ich auch sagen, dass ich im Urlaub nicht viel deutlicher gehasst habe, als Radtouren. Als Kind war das ätzend langwelig, anstrengend, die Ziele waren für uns in der Regel recht uninteressant und die Erwachsenen waren sowieso immer schneller als wir Kinder. Dazu kommt eine ungute Erinnerung an einen Ausflug zum Leuchtturm Westerhever. Da war meine Schwester vier oder fünf und fuhr noch auch ihrem 12-Rädchen, meins war unwesentlich größer und an dem Leuchtturm war gar nichts. Das war so ein bisschen traumatisierend. Als Erwachsener hingegen kann ich mir sowas schön vorstellen, auch mit dem Zelt (wohl habe ich den Nachteil, dass mein Zelt 25kg wiegt, weil aus Baumwolle). Nur würde ich dann kein Kind mitnehmen.
3. genialer Beitrag
ulli7 10.07.2012
Ich habe selten so gelacht: "Für amtliches Hightech-Leichtgepäck lasse ich bei den Straßenräubern vom Outdoor-Fachgeschäft exakt jene Summe, die eine Fahrt in der Stretchlimousine nach Kopenhagen inklusive zwei Wochen Suite und Perlwein satt gekostet hätte." Aber es trifft den Nagel auf den Kopf: bestimmte Globetrottel-Geschäfte haben Apothekerpreise.
4.
abach 11.07.2012
Ich wohne direkt am Radweg Berlin-Kopenhagen und habe folgende Beobachtung gemacht: Der durchschnittliche Berlin-Kopenhagen Radler ist um die 60 Jahre alt, eher weiblich als männlich, legt pro Tag entspannt zwischen 70 und 90 Kilometer zurück und fährt meist in 2er bis 4er Gruppen. Die Mitnahme von Zelten ist wohl eher die Ausnahme. In aller Regel wird im Hotel übernachtet. Wer, wie der Autor, nach einer Tagesstrecke von 22 km bereits in den Seilen (Zelt) hängt, der hat dort nichts verloren und sollte auch keinen Artikel darüber schreiben. Was witzig gemeint ist, kommt eher peinlich rüber.
5. Hätte er besser jemand gefragt...
buzzybuzzy 11.07.2012
der sich mit Radreisen auskennt. Und zwar VOR Reiseanritt. Ist eben kein Statussymbol, mit dem man in schickem Berliner Kiez rumschnöseln kann, sondern Teil einer Lebenseinstellung. Traurig, dass dank solch hochqualitativer, niveauvoller und inhaltsreicher Darstellung neues Wasser auf das Wasser der Automobil/Fluglobby gegosse wird, aber das ist eben ihre Zielgruppe, da kann der Autor ja auch nix für. Ich kann mich meinem Vorredner nur anschliessen, was die Peinlichkeit angeht. Hätte der SPIEGEL tatsächlcih Interesse daran, eine Radreise mit Kindern zu zeigen, könnte er uns fragen...wir haben Spaß dran und unsere Kinder auch! Wen´s interessiert: www.hartje.name Momentan ist unsere Radreise "Norwegen mit Kindern 2010" zum Reisebericht des Monats gekürt worden...
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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