Leider taugt Winterwetter nicht mehr als Ausrede, die Frühlingssonne kämpft sich wacker hinter den Wolken hervor. Eigentlich könnte ich jetzt wirklich mal Laufen gehen. Aber abends ist es noch dunkel. Und morgens der Kreislauf unten. Am Wochenende ist Kindergeburtstag. Und Shopping-Event, im neuen Einkaufsparadies. Ich könnte mir einen Hollister-Pullover kaufen und mich fit fühlen. Ich würde gern mal wieder rennen; hat mir immer gut getan. Aber wann? Zuerst sollte ich das Knie im MRT checken lassen. Irgendwas könnte da sein.
Zeitfresser Konjunktiv
Würde. Könnte. Hätte. Sollte. So heißen die brutalsten Fitnesskiller der Welt, schlimmer als die Daltons. Unzählige Stunden verbringen wir mit konjunktivistischen Gedanken: auf dem Sofa, an der Kaffeemaschine oder starrend irgendwo. Was hindert uns daran, wenigstens eine kleine Runde um den Block zu wackeln? Nur die elende Phantasie, die blüht wie der Pilz zwischen Läuferzehen, wenn es ums Vermeiden geht.
Um die Güte meines Konjunktivs zu testen, simuliere ich ein mögliches Verhör durch Mona.
Sie (garstig freundlich): "Du wolltest doch laufen?!"
Ich: "Ja, ich müsste/sollte/könnte aber erst noch..." - hier bitte das Ergebnis der konjunktivistischen Überlegungen einsetzen, wahlweise: "...den Kindergeburtstag vorbereiten" oder "...den Termin in der Röhre abwarten" oder "...im Bett eine Stunde autogenes Training machen. Mein Kreislauf fühlt sich gar nicht gut an."
Die Qualität der Ausrede bemisst sich an der Wahrscheinlichkeit, mit der die Gattin resigniert entgegnet: "Nee, klar, dann geht's natürlich nicht."
Konjunktive kosten locker eine Viertelstunde am Tag, macht fast zwei Trainingsstunden die Woche. Abhilfe: Ab sofort im Präsenz denken.
Zeitfresser Fernsehen
TV ist wie Schweinefleisch. In der Werbung sieht's manchmal halbwegs annehmbar aus. Aber es lässt sich gut darauf verzichten, wenn nicht gerade WM-Finale ist. Der Deutsche guckt täglich mehr als drei Stunden lang fern. Zehn läppische Prozent medialen Vegetarismus' und jeder Bundesbürger würde zwei Stunden pro Woche gewinnen, in denen er mehr bewegen könnte als den Daumen auf der Infrarot-Macht.
Zeitfresser Soziopathen
Man will ja nicht unhöflich sein. Also hört man zu, nickt freundlich, sagt "Das ist ja wirklich unerhört" oder "April, April - da macht das Wetter, was es will." Ziemlich genau die Hälfte dieser Gespräche ist sozial wichtig, weil man der Rentnerin das Gefühl guter Nachbarschaftlichkeit geben will oder dem Chef den Eindruck, es sei sehr klug, was er sagt. Und die anderen 50 Prozent? Völlig überflüssig. Soziopathen mit dem Gemüt von Harry Potters Todessern nutzen unsere Unfähigkeit aus, einfach weiterzugehen. Sie erzählen Kram, der uns nicht interessiert, über Menschen, die wir nicht kennen, in einer Ausführlichkeit, die uns umbringt. Kostet locker eine Stunde pro Woche, manchmal auch pro Tag. Einfach sein lassen.
Zeitfresser Shopping
Die größte Flunkerei postmoderner Volkswirtschaften ist das Sparversprechen. Sparen wir mit dem Supersonderangebot wirklich 70 Prozent? Nein. Wir geben 100 Prozent aus. Und verdaddeln freiwillig unsere kostbare Zeit auf Parkplätzen so groß wie die Sahara und in Kassenschlangen so träge wie der Mississippi. Jeder kennt doch die Ikea-Falle: Nur mal eben Teelichter kaufen. Warum ziehen wir drei Stunden später im Mietanhänger ein neues Schlafzimmer durchs halbe Bundesland? Weil wir Trottel hoffen, das Leben werde sich ab sofort emotional so angenehm entwickeln wie auf dem Bild im Prospekt - zumindest, nachdem wir die Kartons vergeblich in die Altpapiertonne zu quetschen versucht haben, was einer sportlichen Betätigung immerhin relativ nahe kommt.
Shopping-Ausflüge, vor allem in Outlet-Malls nahe der Autobahn, haben eines gemeinsam: Sie kosten Zeit, Geld und machen schlechte Laune. Wie viel schöner wäre es gewesen, eine Stunde in den alten Sportschuhen durch den Wald zu laufen, als in den neuen albernen Designer-Schlappen vor der Donut-Auslage zu welken, nur um noch mehr Zuckerfettmatsch für den Sonntag aufzulesen?
Das Wundervolle an Prioritäten: Wir entscheiden selbst, was wichtig ist. Klar: Schlafen, Essen, Geld verdienen, Fortpflanzen oder Familienangelegenheiten müssen erledigt werden. Aber gleich danach beginnt für die meisten das kleine Reich der Freiheit. Jeden Tag aufs Neue entscheiden wir: Stau oder Radfahren? Bezahlfernsehen oder Schwimmen? Biertrinken oder vorher mit den Kumpels kicken? Zeitfresser killen, heißt Freiheit gewinnen. Und wann damit anfangen? Jetzt.
Sie wollen noch mehr über Zeitfresser und den inneren Schweinehund lesen? Hier gelangen Sie zum ersten Teil der Kolumne.
Wenn Lektüre, dann schon die richtige: "Bewegt Euch" Die Glücks-Philosophie des Achim Achilles"
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