Achilles Classics Achim, der Menschenflüsterer

Das Klassentreffen legt schonungslos Lebenswege offen. Die Tollen von einst sind fette Spießer geworden, die fetten Spießer von einst tolle Freaks. Wie überlebt man so eine 25-Jahre-Wiedersehensfeier? Nur als Läufer.

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Achilles-Klassiker
    In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

Neulich war Klassentreffen. 25 Jahre ist das Abitur jetzt her, am humanistischen Gymnasium zu Münster. Wie grausam. Das letzte Mal haben wir uns vor zehn Jahren gesehen. Schrecklich, was aus all diesen optimistischen, kraftstrotzenden, gutaussehenden jungen Menschen geworden ist. Hauptsache, Katharina hat sich nicht verändert. Katharina war schon immer ein Feger - und natürlich immer hinter mir her.

"Ich komme mit zu deinem Klassentreffen", sagte Mona eines Morgens. Jetzt keinen Fehler machen, Achilles! "Okay, kein Problem", sagte ich, "meine alten Klassenkameraden werden nichts dagegen haben, dass ich als einziger mit Bodyguard erscheine." Mona schwieg. Sie dachte darüber nach, wie es wohl sein würde, in einer Herde entfesselter, bierschüttender Hooligans zu stehen, die sich ausschließlich in Gutural-Lauten über Dinge verständigten, über die niemand anders brüllend lachen konnte, um sich morgens um vier unter Tränen in den Armen zu liegen und ewige Liebe zu schwören.

Als ich am Samstagabend die Stufen zum katholischen Jugendheim patellabedingt hinaufhumpelte - der stille Siewert aus dem Deutsch-Leistungskurs war dort inzwischen Pfarrer geworden -, fielen mir als erstes drei unglaublich breite Hinterteile auf: Kleemann, Schmadtke und Kullner. Vor 25 Jahren waren sie die Zierde unseres Doppelvierers, der bei "Jugend trainiert für Olympia" angetreten war. Daneben Köster, locker 120 Kilogramm, damals leichtfüßiger Kapitän der Fußballschulmannschaft.

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"Mann, Achim", presste Heike, die ehemalige Volleyballerin, zwischen ihren feisten Hamsterbacken hervor, "du siehst aber gut aus." Ich hatte lange überlegt, ob ich das "Born to run"-Sweatshirt wirklich anziehen sollte. Es war die richtige Entscheidung gewesen. Es betonte meinen flachen Bauch, die starken Schultern, die zierlichen Hüften. Das leichte Humpeln wegen der dämlichen Patellasehne erwies sich als imageförderndes Handicap.

Im Laufe des Abends absolvierte ich wohl 200-mal den gleichen Dialog: "Wie schaffst du das, so schlank zu bleiben?", fragten die alten Schulkameraden. Und ich antwortete immer lässig: "Ich laufe ganz gern." Sie wollten alles wissen: Wie oft? Wie lange? Wie angefangen? Ziele? "Marathon", sagte ich, betont beiläufig. "Marathon", erwiderten sie dann leise und ehrfürchtig. Es war das Klassentreffen meines Lebens. Schade, dass Mona nicht dabei war.

Drei Tage später kam eine Mail, von Katharina. Sie hatte das Klassentreffen über in stiller Bewunderung in meiner Nähe zugebracht. Es reichte ihr offenbar, einfach nur meinen Duft in der Nase zu tragen, den Duft ungezähmten männlichen Leistungsvermögens. Sie hatte einen langweiligen Apotheker geheiratet, der ihr ein höhepunktfreies Dasein im Ostwestfälischen hatte bieten können. "Ich brauche deine Hilfe, lieber Achim", schrieb sie, "ich will jetzt auch anfangen zu laufen."

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Sie wollte alles wissen: Welche Schuhe, welche Strecke, welches Tempo, welcher Puls? Wir telefonierten ausgiebig. Katharina hatte diesen wunderbar weiblichen Tonfall, in dem sich Respekt, Neugier und haltlose Bewunderung mischten. "Was", fragte sie ungläubig, "du bist heute 15 Kilometer gelaufen? Das würde ich nie im Leben schaffen." Mona hatte sowas noch nie zu mir gesagt. Ich räusperte mich. "Das ist doch gar kein Problem. Reine Übungssache. Das schaffst du auch, verspreche ich dir."

Meine Stimme klang warm, sonor, souverän, ungefähr so als ob Clint Eastwood "Baby" sagt. "Ach, Achim", flüsterte Katharina, "es tut so gut, mit dir über das Laufen zu reden." Als sie zum dritten Mal bei uns angerufen hatte, hielt es Mona nicht mehr. "Was will die Schlampe von dir?", brüllte sie. Ich entgegnete ruhig: "Sie interessiert sich für meinen Sport. Wir führen Fachgespräche." Mona schwieg. Es ist ein gutes Gefühl, als kompetenter, gleichwohl warmherziger Ratgeber gefragt zu sein.



insgesamt 1475 Beiträge
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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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