Alkohol-Mythen: "Ölsardinen sind sehr beliebt"

Bier auf Wein, das lass sein! Es gibt zahlreiche Tipps, wie man einen alkoholschweren Abend und den Tag danach gut durchsteht. Was davon stimmt wirklich? Der Endokrinologe Rolf-Dieter Hesch klärt über die wichtigsten Alkohol-Mythen auf.

Ein Bier genießen: Fett hilft, Alkohol zu binden Zur Großansicht
dpa

Ein Bier genießen: Fett hilft, Alkohol zu binden

Man kann nicht genug davor warnen: Übermäßiger Konsum von Alkohol kann die Gesundheit zerstören. Alkoholsucht schädigt die Organe und führt zu anderen Erkrankungen. Und auch mäßigem Alkoholkonsum stehen viele Experten kritisch gegenüber. Doch so manches Fest lässt sich nicht immer nur mit Limo bestreiten - den grässlichen Morgen danach nehmen viele in Kauf. Doch was hilft wirklich gegen Kater - und wie kann man ihm vorbeugen? Der Endokrinologe Rolf-Dieter Hesch klärt über die wichtigsten Alkohol-Mythen auf.

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Hesch, hilft es, ölig zu essen, bevor man trinken geht? Die Fettsäuren würden den Alkohol spalten, heißt es.

Hesch: Da ist etwas Wahres dran. Fett kann Alkohol binden.

SPIEGEL ONLINE: Manche schwören auf Fischöl.

Hesch: Ölsardinen sind sehr beliebt. Eine gut durchblutete Magen- und Darmschleimhaut in einem leeren Magen führt zu schneller Alkoholresorption. Wenn sie durch wasserabweisende Substanzen wie Fett und Öl bedeckt ist, wird die Resorption verlangsamt und der Alkoholspiegel steigt langsamer an.

Ein unter Studenten beliebtes Essen vor einem Trinkgelage waren hartgekochte Eier. Das Eigelb mit Olivenöl anrühren, in die Eier füllen, salzen und essen.

SPIEGEL ONLINE: Andere bevorzugen eine große Portion Nudeln als Grundlage. Wegen der größeren Oberfläche würde sie den Alkohol quasi "aufsaugen".

Hesch: Dafür gibt es keine sicheren Hinweise und die Bedeutung von Kohlenhydraten bezüglich Alkoholresorption ist umstritten.

SPIEGEL ONLINE: Was knallt mehr: warme oder kalte Spirituosen?

Hesch: Warme, weil sie die Magendurchblutung und damit die Alkoholaufnahme ins Blut befördern.

SPIEGEL ONLINE: Von sprudelnden, süßen Getränken, wie zum Beispiel Sekt, heißt es, dass sie einem besonders schnell zu Kopf steigen.

Hesch: In einer Studie aus dem Jahr 1973 wurde das mal untersucht. Mit nicht eindeutigen Ergebnissen. Bei zuckerhaltigen Getränken war sogar ein leicht gegenteiliger Effekt sichtbar.

SPIEGEL ONLINE: Alkohol entzieht dem Körper Wasser, weswegen einem geraten wird, zwischendurch immer wieder etwas nicht-alkoholisches zu trinken.

Hesch: Das hilft sehr. Der Gesamtwassergehalt ist wichtig, damit der Alkoholanstieg in ein größeres Verteilungsvolumen kommt. Bei Alkoholgenuss also immer viel Wasser trinken und vor allem danach. Die Franzosen haben immer eine große Flasche Wasser auf dem Tisch, wenn sie trinken.

SPIEGEL ONLINE: Vermindert man damit auch den Kater am nächsten Tag?

Hesch: Ganz eindeutig, das ist wissenschaftlich erwiesen.

SPIEGEL ONLINE: Was stimmt? Wein auf Bier, das rat' ich dir. Oder: Bier auf Wein, das lass sein.

Hesch: Für beides gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Der Spruch ist aber eigentlich keine alte Zechweisheit, sondern bezog sich auf den sozialen Status. Bier war früher das Getränk der armen Leute, Wein das der Reichen. Gelang einem der gesellschaftliche Aufstieg, trank man also "Wein auf Bier". Verlor man seinen Reichtum wieder, trank man "Bier auf Wein". Der Spruch rät einem also, dass man seinen Reichtum nicht verlieren soll.

SPIEGEL ONLINE: Manche Spirituosen schädeln mehr als andere. Profis schwören auf Wodka als verträglichste Form.

Hesch: Das ist ein Gerücht. Man ging davon aus, dass Wodka aus Kartoffeln gebrannt wird und daher sehr rein ist, während beispielsweise die Weintraube, insbesondere die rote, viele andere Inhaltsstoffe enthalten kann. Letztlich ist das aber nicht relevant und unbewiesen. Ich habe noch keine Studie finden können, die besagt, dass die Stärke des Katers von der Art des genossenen Alkohols abhängig ist.

Aber: In billig hergestellten Alkoholika, also dem berüchtigtem Fusel, sind kleine Mengen giftigen Methanols enthalten, das, genau wie sein Abbauprodukt Formaldehyd, giftig ist und erhebliche Beschwerden verursacht. Deswegen sollte man möglichst sauberen Alkohol trinken, eben zum Beispiel Wodka.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt immer wieder, dass man nicht durcheinander trinken soll. Auch nicht verschiedene Biersorten. Stimmt das?

Hesch: Auch dafür gibt es keine Hinweise, schon gar nicht, was verschiedene Biere anbelangt.

SPIEGEL ONLINE: Vor einem Zechabend schon mal nachmittags ein Bierchen zu trinken, soll angeblich die Leberenzyme aktivieren, so dass man abends nicht so schnell betrunken wird. Was hat es damit auf sich?

Hesch: Das ist wirklich Unsinn.

SPIEGEL ONLINE: Thema Kater. Verhindert eine Aspirin vor dem Schlafengehen das Schlimmste am Morgen?

Hesch: Ja sicher, keine Frage. Aber mindestens 500 Milligramm.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es mit einer Magnesiumbrausetablette vor dem Schlafengehen?

Hesch: Auch das soll helfen. Studien gibt es nicht, aber empirisch sei es so.

SPIEGEL ONLINE: Wie hilfreich ist das "Konterbier" am nächsten Tag wirklich?

Hesch: Die Österreicher nennen es "Reparaturseidl". Auch Grappa wird gelobt, aber das ist alles Empirie, unbewiesen und vielleicht kontraproduktiv, weil die mögliche Dehydratation wieder angeschoben wird. Laut Theorie ist der Kater ja eine Folge des alkoholbedingten Wasserentzugs.

SPIEGEL ONLINE: Rollmops soll auch helfen.

Hesch: Alle salzigen Speisen und Getränke führen dazu, dass man mehr Wasser trinkt.

Das Interview führte Jens Lubbadeh

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insgesamt 103 Beiträge
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1. Gegen Kater ...
Larsa 13.03.2013
... gibt es nur ein Rezept: ein Getränk mit vielen Mineralien, dann viel Kaffee und später ein dickes Butterbrot!
2. kaffee mit zitrone
meisterkammer 13.03.2013
lasst lieber die finger von den tabletten. einfach einen starken kaffee mit einer zitrone (vitamin c). ist sehr verträglich und hat mir immer bei kopfschmerzen geholfen
3.
Dromedar 13.03.2013
Also, grundsätzliches ist jedes Trinkgelage mit darauffolgendem Kater Alkoholmißbrauch, wenn man das sogar im Vorfeld schon plant, ist das an sich schon alkoholkrank. ---Zitat--- Aber: In billig hergestellten Alkoholika, also dem berüchtigtem "Fusel", sind kleine Mengen giftigen Methanols enthalten, das, genau wie sein Abbauprodukt Formaldehyd, giftig ist und erhebliche Beschwerden verursacht. ---Zitatende--- Also wenn man nicht gerade chemischen 100% Alkohol trinkt, ist immer eine Menge Methanols enthalten, egal bei welchem Getränk. Ganz einfach weil der Trennungsprozess bei der normalen Herstellung diese nicht sauber trennen kann (Methanol und Ethanol sind ja chemisch recht ähnlich). Der relative Anteil ist normalerweise recht gering, sorgt aber halt dafür, dass man am nächsten Morgen meist eher einen nebligen Blick hat, entscheidend ist dabei die Menge an konsumierten Alkohol, ob das jetzt 1 Flasche Wodka oder 4-5 Flaschen Wein waren, ist nicht so entscheident. ---Zitat--- Thema Kater. Verhindert eine Aspirin vor dem Schlafengehen das Schlimmste am Morgen? ---Zitatende--- An Kopfschmerzen ist noch keiner gestorben, aber Aspirin vermindert die Gerinnungsfähigkeit von Blut, sprich man wird mehr oder weniger zum Bluter. Weswegen man normalerweise 5 Tage vor einer OP keine Aspirin mehr einnehmen sollte. Darüber hinaus kann es insbesondere in Verbindung mit Alkohol zu massiven Magen-Darm-Problemen kommen. Also, Aspirin vorbeugend zu nehmen ist verkehrt, und wenn man es macht sollte man jedenfalls eher nicht stürzen. Gibt mindestens böse Narben. ---Zitat--- Wie steht es mit einer Magnesiumbrausetablette vor dem Schlafengehen? ---Zitatende--- Bei Alkoholmissbrauch hat man halt Mineralienmangel, eine Magnesiumpackung schadet nicht. Sie nützt allerdings erst dann wirklich, wenn man wirklich schon alkoholkrank ist. Dann sollte man sogar Vitaminergänzungsmittel zu sich nehmen. Allerdings, die Brausetablette mag vielleicht Muskelkater minimieren, die epileptischen Anfälle, die man als Alkoholiker irgendwann bekommt, verhindern sie auch nicht. ---Zitat--- Wie hilfreich ist das "Konterbier" am nächsten Tag wirklich? ---Zitatende--- Überhaupt nicht, es verschiebt lediglich die Symptome. Ausserdem ist Weitertrinken am nächsten Morgen ein ernsthaftes Alarmsignal bzgl. Alkhoholkrankheit. Macht man das regelmäßiger, ist man meist schon zmdt. alkoholmißbräuchlich.
4. Selbst hochwertiger Scotch...
michaelkaloff 13.03.2013
auch in nicht übertriebenen Mengen macht sich stärker bemerkbar als Wodka (den ich nicht so mag) oder gar Bier. Also besser nicht übertreiben und Zurückhaltung üben. Wenn das nicht geklappt hat: Mineralwasser und Strafjoggen. Letzteres klappt besonders gut auf dem Deich oder am Flutsaum der Nordseeküste.
5. apéritif und digestif
hwerlen1 13.03.2013
Der Endokrinologe hat natürlich bei fast allem recht - fast, weil die "Bier auf Wein" und "Wein auf Bier" Sprüche sehr wohl Zechregeln sein könnten, weil sie darauf hinweisen, dass die Alkoholmenge für einen gewaltigen Kater ausschlaggebend ist, nicht das Mischen der Getränke. Wenn auch die Wissenschaft nüchtern und überzeugend viele Fragen bezüglich Alkohol beantworten kann (Studien, Studien, Studien), sind die (vielleicht unwahren) volkstümlichen Einsichten immer ganz nützlich und wer würde schon behaupten, dass die Franzosen Unrecht hätten, wenn ein apéritif den Appetit anregen soll und ein digestif am Ende der Mahlzeit bekömmliches Verdauen garantiert.
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